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Ralf Dahrendorf
Auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert
VErlag C.H. Beck, München 2003


Kluge Leute werden im Alter selten dümmer, manchmal weise. Und mancher ausgewiesene Liberale ist auf seine alten Tage noch zu einem guten Konservativen geworden. Für beide Erfahrungen bietet die jüngste Publikation von Ralf Dahrendorf manche schöne Belege. Die jetzt als Buch vorgelegten sechs Vorlesungen, die der international hoch angesehene Soziologe Ende 2001 und Anfang 2002 am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen gehalten hat, analysieren die soziale und politische Situation der Gegenwart in Zeiten der Globalisierung, neuer Herausforderungen durch Fundamentalismus und Terrorismus und eines vermeintlichen Kampfes der Kulturen. Sie verstehen sich ausdrücklich als "der Versuch, ein paar Schneisen des Verständnisses durch die Wirrnis der Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts zu legen".




Dass in den sechs Kapiteln bzw. Vorlesungen über Lebenschancen, Globalisierung, Kapital und Arbeit, moderne soziale Konflikte, Demokratische Dilemmas und die Idee einer Weltbürgergesellschaft die Freiheit als höchstes Ziel und wichtigste Bedingung der Entwicklung moderner Gesellschaften behandelt werden, versteht sich für einen ausgewiesenen Liberalen beinahe von selbst. Dabei wird naiver Fortschrittsoptimismus ebenso zurückgewiesen wie Fukuyamas berühmt-berüchtigte These, mit dem Ende des kalten Krieges und dem Sieg der liberalen Idee sei zugleich das Ende der Geschichte gekommen. Für Dahrendorf ist die Revolution von 1989 nicht das Ende, sondern der Anfang einer Geschichte, die in vielerlei Hinsicht offener, unvorhersehbarer und gestaltbarer geworden ist. Entgegen den weit verbreiteten Erwartungen der Bevölkerung in den politisch und ökonomisch transformierten Ländern sei der erste Schritt in die Moderne in aller Regel ein Schritt in neues Elend. Insofern wiederholten die ehemals kommunistischen Systeme die Erfahrungen des frühen Kapitalismus, wobei der Weg durch das Tal der Tränen lange dauere, länger als eine parlamentarische Wahlperiode - und länger möglicherweise als die Geduld der Wähler.




Die Globalisierung bedeutet für Ralf Dahrendorf eine "Welt ohne Halt" und deshalb eine Zeit der Hoffnung wie eine Zeit der Angst. Es könne durchaus sein, dass die viel berufene Globalisierung sich als eine Episode erweise, ein vorübergehender Irrweg des Kapitalismus mit wenig dauerhaften Folgen; jedenfalls gäbe es keinen Weltgeist, "der die Geschichte ohne Rücksicht auf Verluste zu bestimmten Zielen führt, und auch keine immanente Notwendigkeit des unaufhaltsamen technischen Fortschritts". Nicht alles ist neu, was heute als unerhört und außergewöhnlich empfunden wird, wie Dahrendorf an der dramatischen Analyse der bürgerlichen Welt im Kommunistischen Manifest von Marx und Engels zeigt. Jedenfalls sei der jetzige wie der damalige Prozess der Modernisierung durch die Auflösung überkommener Strukturen und Orientierungen gekennzeichnet, "einen Zerfall von Recht und Ordnung sowohl im eigenen Land als auch weltweit", durch neue Abhängigkeiten und folgerichtig die Suche nach Gewissheiten und Geborgenheiten in möglichst homogenen Gruppen. Nicht zum ersten Mal plädiert der überzeugte Liberale für die Notwendigkeit von Bindungen bzw. "Ligaturen" und den Bestand von Institutionen als Voraussetzung für eine Verfassung der Freiheit. Und wie manche gestandene Konservative verweist er auf die Grenzen der viel gerühmten multikulturellen Gesellschaften, die eher in der Statistik als in der Wirklichkeit vorkämen. Die postmoderne Haltung grundsätzlicher Beliebigkeit aller Optionen ist Dahrendorfs Sache nicht. "Wenn also alles gleich gültig ist, dann wird nicht nur alles gleichgültig, sondern es setzt eine allgemeine Richtungs- und Orientierungslosigkeit ein". Weniges aber sei schlimmer als die Beliebigkeit der haltlosen Welt, "denn der Weg von der Anomie zur Tyrannei ist kurz". Dahrendorf teilt die Hoffnung anderer berühmter Gelehrter nicht, dass ein herrschaftsfreier Diskurs schließlich zu allgemein akzeptierten Regeln und Werten führe. Für die Suche nach einer neuen Ordnung gibt er die für einen liberalen Intellektuellen ziemlich verblüffende Antwort: "Irgendjemand muss den Ton angeben".




Der in Deutschland wie in Großbritannien gleichermaßen renommierte Autor, der sowohl in der Wissenschaft wie in der Politik herausragende Ämter wahrgenommen hat, drückt sich seinerseits nicht vor klaren Positionen. Ungleichheiten seien erträglich, wenn und solange sie nicht die Gewinner in die Lage versetzten, andere an der vollen sozialen Teilnahme zu hindern oder aber, im Fall der Armut, Menschen daran hinderten, von ihren Bürgerrechten Gebrauch zu machen. "Das lässt viel Raum für Unterschiede des Wohlstandes, aber keinen für den Medienzar als Premierminister und auch keinen für den sozialen Ausschluss durch Armut". Dem neuen Regionalismus kann er nichts abgewinnen; im Unterschied zum Lokalismus sei er in der Regel demokratiefeindlich. Ralf Dahrendorf singt das Lob der Nationalstaaten als Heimstatt der Demokratie und kritisiert die Europäische Union, die keine Demokratie sei und auch nach dem sogenannten Verfassungsvertrag nicht auf dem Wege dorthin. Da hat man vom früheren EG-Kommissar Dahrendorf noch andere Formulierungen in Erinnerung.




Ganz bei sich und auf der Höhe der Zeit ist der Weltbürger Dahrendorf, der nach der Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag inzwischen Mitglied des britischen Oberhauses geworden ist, im Schlusskapitel in der Beschreibung einer Weltbürgergesellschaft auf den Spuren der grandiosen "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" seines großen Vorgängers Immanuel Kant. Die vollkommene bürgerliche Verfassung setze eine entsprechende Weltverfassung voraus, für die es heute immerhin einige Voraussetzungen gäbe, nicht mehr und nicht weniger. Zwar sei eine Weltdemokratie Utopie, eine Welt der Demokratien aber nicht. Die Vision einer Weltbürgergesellschaft sei das Konzept einer Welt, in der Konflikte nach vereinbarten institutionalisierten Regeln ausgetragen werden. Den Anhängern dieser Vision ruft der konservative Liberale und liberale Konservative Dahrendorf freilich in Erinnerung, dass Vereinbarungen nur halten, wenn hinter ihnen eine Sanktionsmacht stehe. "Wir werden die Herrschaft nicht abschaffen, und statt es zu versuchen, sollten wir uns darauf konzentrieren, sie zu bändigen". Dabei hält er wenig von dem ebenso populären wie diffusen "dritten Weg, der um so nebelhafter wird, je weniger es die beiden anderen Wege gibt, die ihn definieren sollen".




Auf der Suche nach einer neuen Ordnung gibt Ralf Dahrendorf manche alten Antworten und manche neue Hinweise. In einer Welt ohne Halt plädiert er für nachhaltige Wirkungen und dauerhafte Werte. Vielleicht, meint er, brauchen wir ein paar neue Kathedralen. Das ist gewiss auch für ihn selbst keine klare Antwort auf eine große Frage, aber jedenfalls ein besonders origineller Hinweis auf der Suche nach einer neuen Ordnung.




April 2003


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