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Ulrike Draesner
Sieben Sprünge vom Rand der Welt
Luchterhand Literaturverlag, München 2014


Ein origineller Buchtitel ist eine nützliche, manchmal allein erfolgversprechende Voraussetzung, um unter der Fülle von jährlichen Neuerscheinungen überhaupt aufzufallen; wenn er auf das Buch neugierig macht, umso besser.



Für Ulrike Draesners neuen, literarisch wie politisch hochambitionierten Roman trifft dies zweifellos zu. Es geht um Flucht und Vertreibung, Krieg und Gewalt, Verletzungen an Leib und Seele, die von der Autorin in einem großen Familienepos über vier Generationen in ihren jeweils unterschiedlichen Ausprägungen und Auswirkungen dargestellt werden, wobei ihr das doppelte Kunststück gelingt, ein politisch ebenso sensibles wie beinahe tabuisiertes Thema ohne jeden pädagogischen Eifer neu aufzugreifen und für sieben konkrete Lebensschicksale durchzubuchstabieren.



Im Mittelpunkt der zwischen Gegenwart und bis zum ersten Weltkrieg immer wieder hin und her springenden Geschichte steht ein inzwischen hochbetagter, längst emeritierter Professor, der als Kind mit seiner Familie am Ende des Krieges aus Schlesien vertrieben wurde und später im Westen als Gehirn- und Primatenforscher einen großen internationalen Ruf erworben hat, den er jenseits des staatlich kontrollierten Wissenschaftsbetriebs durch privat finanzierte, skurrile und heimliche Versuche mit illegal beschafften Affen weiterentwickeln will und zugleich gefährdet.



Das Buch ist kunstvoll gebaut und keineswegs bequem, die Lektüre wird durch gelegentlich eigenwilligen Satzbau und gedichtartige Zeilen durchaus nicht ganz einfach, aber der Stoff wie der Stil beeindrucken von Kapitel zu Kapitel immer stärker. Und der Leser kann dabei viel lernen: nicht nur von Affen und Experimenten mit Tieren, sondern von Menschen, ihren Erinnerungen und Einbildungen, von Hoffnungen und Sehnsüchten, Verlusten und Ängsten, von Erfahrungen, die man selber nicht gemacht hat, vom "eigenen Leben, umschlossen von Kopiertem". Schließlich wird die tiefe Weisheit von Mark Twains salopper Bemerkung deutlich, dass Gott den Menschen aus Enttäuschung über den Affen geschaffen und danach auf weitere Experimente verzichtet habe, die längst nicht so witzig ist, wie sie sich anhört.



Gesprungen wird in diesem Buch übrigens selten, und der Rand der Welt befindet sich dort, wo wir ihn nicht vermuten: Mitten im Leben.


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