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Uwe Pörksen
Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002


Das Buch beginnt und endet mit einem Gemeinplatz, jenen Verallgemeinerungen, die der politischen Rede immer wieder vorgeworfen werden: "Politik ist Machterhalt. Aber Machterhalt ist noch nicht Politik". Der letzte Gemeinplatz im Schlusskapitel ist auch vom Autor als solcher gekennzeichnet: Jedes Land habe die Regierung, die es verdient.




Zwischen diesen populären, gelegentlich unvermeidbaren Vereinfachungen und Zu-spitzungen findet sich viel Informatives, Nachdenkliches, Eindrucksvolles, Prinzipiel-les und Praktisches zur politischen Rede. Man liest das Buch mit Gewinn, auch wenn den Leser möglicherweise die Beweisführung am wenigsten interessiert, auf die der Autor den größten Wert legt. "Reden sind Handlungen", postuliert Pörksen, und auch die ausbleibende Rede sei eine Handlung, denn sie erzeuge auf den Gebieten der Orientierung, der Rechtsordnung, der Willensbildung und der Entscheidung fehlende Öffentlichkeiten. Dies muss man nicht unbedingt aufregend finden. Origineller und diskussionswürdiger erscheint seine These, die Autonomie der Politik sei am ehesten durch die freie Rede wiederherzustellen. Diese sei - pointiert gesagt - das geeignete Instrument, "das Politische wieder zu erfinden".




Dass die Politik ihre Autonomie, so sie je darüber verfügte, eingebüßt, vielleicht auf Dauer verloren hat, ist weder eine neue Beobachtung noch eine gewagte Behaup-tung. Wer sie wiederherstellen will, muss zunächst die Frage be-antworten, ob dies überhaupt möglich und wünschenswert ist und ob für dieses Ziel die Rede das wir-kungsvollste Instrument sein könnte. Die von Pörksen in der Konkur-renz zur Politik benannten "Großmächte" Technik, Wissenschaft, Wirtschaft, Medien, Demoskopie und Parteien sind ihrerseits nicht autonom und politischen Vorgaben nicht weniger ausgesetzt als die Politik ihren Einflüssen. Dies macht die Forderung nach Wieder-herstellung der Eigengesetzlichkeit der Politik nicht weniger dringlich, zumal die viel-beschworene Politikverdrossenheit in der Tat nicht eine allgemeine Unlust an der Politik ist, "sondern an der Nullstelle, wo Politik erwartet wird und etwas anderes spricht. Darum kann sich keine politische Leidenschaft einstellen, kein Inter - esse."




Uwe Pörksen beschreibt die zwei Normenwelten, die nach seiner Beobachtung in unserer Öffentlichkeit existieren und zwischen denen eine Kluft bestehe, weil sie grundverschiedene Funktionen erfüllten. Die erste Normenwelt sei durch Naturwis-senschaft, Technik und Ökonomie bestimmt. "Die zweite Normenwelt gleicht sich der ersten an, wo sie es nicht tut, verzwergt sie. Hin-ter ihr steht der Staat." Auch wer dies für eine unzulässige Vereinfachung hält, wird dem Autor kaum widersprechen wollen, wenn er mit Blick auf die Kommunikations-prozesse in modernen Gesell-schaften darauf aufmerksam macht, dass sich die Nor-menwelt von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft in einem öffentlichen Sprach-gebrauch niederschlägt, der sich durch "wertende Begriffspaare wie innovativ und veraltet, modern und überholt, fortschrittlich und reaktionär" ausdrückt. Insofern habe unsere Epoche "die politische Klugheitslehre und Tugendlehre durch den Zukunfts-befehl ersetzt". Die Normen des politischen Lebens seien aber von anderer Art, so-weit sich dieser Bereich als selb-ständig verstehe. "Nicht, ob etwas fortschrittlich, neu, schneller machbar ist, ist die politisch vorrangige Kategorie, sondern ob es zuträglich, haltbar, vernünftig und be-herrschbar ist, ob die Regeln des Zusammenlebens stim-men. Die Regierung hat nicht nur die Aufgabe, Wohlstand und Fortschritt zu ermögli-chen, sondern ebenso die Bürger zu schützen, Expansion und Zerstörung zu verhin-dern, unverfügbare Räume zu sichern, Freiheit und Gleichheit auch innerhalb der Fortschrittswelt in er-träglichem Gleichgewicht zu erhalten, Brüderlichkeit zu ermögli-chen."




Für die von Uwe Pörksen ausgerufene große Mission zur Wiederherstellung der Au-tonomie der Politik durch Wiederentdeckung und Revitalisierung der freien Rede hilft die vorgeschlagene Unterscheidung zwischen Rechtsreden, Orientierungsreden und Entscheidungsreden nicht sehr viel weiter. Sie wirkt ein wenig wie das verzweifelte Bemühen um verläßliche Kategorien, obwohl das Fehlen fester Regeln geradezu das Merkmal freier Rede ist. Das weiß selbstverständlich auch der Autor, der es nicht zufällig für ein Kennzeichen "der großen Ausnahmerede" hält, dass sie alle drei Rub-riken vereinige. Der größte Vorzug des Buches ist die Demonstration der nur sehr schwer fassbaren Merkmale einer guten Rede anhand konkreter Beispiele von der Antike bis in die Gegenwart. Dabei vermittelt der Autor aufschlussreiche Beobach-tungen, die nicht nur das Gelingen, sondern auch das Scheitern einer Rede erklären. Die Rede des Reichskanzlers Otto von Bismarck zur Ver-fassung des Norddeut-schen Bundes sowie die ganz andere, aber nicht weniger ein-drucksvolle Rede von Ferdinand Lassalle "Über das Verfassungswesen" sind gute Beispiele aus der Früh-zeit des deutschen Parlamentarismus, aber auch die Gegenüberstellung der Regie-rungserklärungen Konrad Adenauers vom Oktober 1957 und Willy Brandts zur Be-gründung der sozialliberalen Koalition im Oktober 1969. Dass die Wirkung einer Rede - freundlich formuliert - nicht immer und notwendigerweise auf ihrer inhaltli-chen Substanz beruhen muss, dafür sind die berühmte Ansprache des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Deutschen Bundestag am 8. Mai 1985 vierzig Jahre nach Ende des II. Weltkriegs sowie die Überrumpelung eines SPD-Parteitages durch die kalkuliert improvisierte Rede von Oskar Lafontaine mit der Folge der Neuwahl des Parteivorsitzenden zwei herausragend unterschiedliche Bei-spiele. Besonders verdienstvoll sind auch die Erläuterungen, die Uwe Pörksen zu der in jeder Beziehung denkwürdigen Rede gibt, die der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger 1988 fünfzig Jahre nach der Pogromnacht vom 9. November im Deutschen Bundestag hielt und die wegen einer extremen Diskrepanz zwischen dem Gemeinten und dem Gesagten, der verheerenden Wirkung eines durchaus dis-kussionswürdigen Textes und der damit verbundenen öffentlichen Wirkung im In-land wie im Ausland schon am Tage danach zu seinem Rücktritt führte.




Das Buch berichtet von Forschungen, denen zufolge 55 Prozent der Wirkung eines Vortrages von Haltung, Gestik und Blickkontakt des Referenten abhängen, 38 Pro-zent von der Klangfarbe und dem Tonfall der Stimme und nur sieben Prozent vom Redeinhalt. Das ist so allgemein und zugleich so präzise nur schwer zu belegen, gleichwohl wird niemand die behaupteten Proportionen prinzipiell bestreiten wollen. Schon gar in der modernen Mediengesellschaft ist das Übergewicht der visuellen wie der akustischen Kommunikation nur schwer zu bestreiten. Auch deshalb verdient der Autor besondere Sympathie für sein Anliegen, der Wirklichkeit zu trotzen und ihr eine Norm entgegenzusetzen, die nicht ganz vergessen, aber zweifellos deutlich ins Hin-tertreffen geraten ist. "Politik ist ja nicht einfach die Diagonale im Kräfteparallelo-gramm von Interessen, sondern ein Finden des Vernünftigen, Besseren". In diesem Sinne verdient die Forderung nach "Begrenzung des Staates und Ausweitung der Politik" jede Unterstützung.


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