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Götz Adriani, Andreas Kaernbach und Karin Stempel (Hg.)
Kunst im Reichstagsgebäude
DuMont Verlag, Köln 2002


Der alte, neue Reichstag in Berlin ist - gemessen am Publikumsinteresse - das populärste Parlament, das die Deutschen je hatten. Kein anderes Gebäude in der Hauptstadt ist ein ähnlicher Magnet für täglich tausende Besucher, die sich geduldig in die Schlange einreihen, die zur grandiosen Kuppel des sorgfältig restaurierten und zugleich gründlich umgebauten Reichstagsgebäudes führt.




In keinem anderen Gebäude spiegeln sich in vergleichbarer Weise die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte. Es ist nicht das geringste Verdienst des von Norman Foster entwickelten Baukonzepts, dass es die Spuren dieser Geschichte freilegt - einschließlich zahlreicher kyrillischer Graffiti sowjetischer Besatzungssoldaten aus dem Frühjahr 1945 - und das Reichstagsgebäude damit nicht nur zum zentralen Ort des politischen Lebens, sondern zugleich zum Symbol der ambivalenten Geschichte des Landes macht.




Beispiellos, wenngleich keineswegs unumstritten, ist aber auch die Entscheidung des Bundestages, das Parlamentsgebäude nicht zum Ort der Selbstdarstellung herausragender Persönlichkeiten und Ereignisse zu machen, sondern zu einem einzigartigen Ort der Darstellung zeitgenössischer Kunst. Das ausdrückliche Bekenntnis der Bundesrepublik Deutschland im Artikel 35 des Einigungsvertrages vom 31. August 1990 zu ihrer kulturstaatlichen Verpflichtung findet auf diese Weise einen demonstrativen Ausdruck. Die Vereinbarung, nicht etablierte Kunstwerke renommierter Künstler aus dem In- und Ausland aufzukaufen und im Reichstagsgebäude prominent auszustellen, sondern umgekehrt herausragende vor allem deutsche Künstlerpersönlichkeiten, deren Werke international Achtung gefunden und die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst nachhaltig beeinflusst haben, zur Gestaltung dieses historisch gezeichneten Gebäudes einzuladen, dokumentiert zugleich ein neues, aufgeklärtes Verhältnis von Politik und Kunst im demokratischen Staat. "Mit dieser Initiative hat das deutsche Parlament nicht nur einen mutigen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst abgelegt. Es hat zugleich mit beeindruckender Selbstverständlichkeit der Kunst jenen Stellenwert eingeräumt, der ihr in einem demokratischen Kulturstaat zukommt" (Andreas Kaernbach).




Inzwischen ist das Kunstkonzept für das Reichstagsgebäude mit nahezu 30 Installationen, Gemälden, Skulpturen und Graphiken abgeschlossen, von denen die meisten einen ganz unmittelbaren Bezug zum Gebäude, seiner Funktion und Geschichte aufweisen. Dies gilt sowohl für die Künstlerinnen und Künstler aus den USA, Russland und Frankreich, die neben dem britischen Stararchitekten Norman Foster als Referenz an den langjährigen Vier-Mächte-Status Berlins zur Teilnahme an der Gestaltung des Reichstagsgebäudes eingeladen wurden, als auch für die rd. zwei Dutzend führenden Repräsentanten der deutschen Kunstszene. Der Franzose


Christian Boltanski hat für seine Arbeit "Archiv der deutschen Abgeordneten" zur Vergegenwärtigung der Vergangenheit im Untergeschoss des Osteinganges fast 5.000 Metallkästen installiert, von denen jeder einem der von 1919 bis 1933 und dann von 1949 - 1999 gewählten Abgeordneten gewidmet ist. Die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer hat in der Nordeingangshalle gegenüber dem Paul-Löbe-Haus eine Stele errichtet, an deren Außenflächen Textbänder in elektronischen Lichtzeichen fortlaufend Zitate aus Reden und Debatten wiedergeben, die im Reichstag sowie im Bonner Bundestag zwischen 1871 und 1992 gehalten worden sind. Dass ein Parlament im Guten wie im Bösen auf den Reden beruht, die in ihm gehalten werden, wird durch diese Lichtsäule besonders sinnfällig. Der russische Künstler Grisha Russkin dokumentiert mit seiner im Klubraum installierten Arbeit "Leben über alles" in einer spielerisch-ironischen Weise den Heldenkult und die Monumentalisierung der Alltagswirklichkeit in der ehemaligen UdSSR mit 115 ähnlichen, aber unterschiedlichen Großbildkarten, die wie aneinandergereihte überdimensionale Memorykarten wirken.




Die Charakterisierung des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse, der die mehr als zwei Dutzend ausgestellten Werke als "teils eindringlich mahnende, teils heiter-ironische Bildfindungen" beschreibt, trifft auch für die Beiträge der ausgewählten Künstlerinnen und Künstler aus beiden Teilen des wiedervereinigten Landes zu.




"Bei der Verwirklichung der Kunst-am-Bau-Projekte mag der eine Künstler die ästhetische Aussagekraft der Architektur unterstreichen, ein anderer sie modifizieren oder ein Dritter ein kontrapolitisches Zeichen setzen - in allen Varianten muss erkennbar werden, dass der Künstler auf die Architektur geantwortet hat, sich mit ihr in einen konstruktiven Dialog eingelassen hat" (Rita Süssmuth).




Es ist vielleicht eine Schwäche des opulenten Bildbandes, dessen Herausgeber die Gutachter bzw. Sachverständigen für den Bundestag waren, dass naturgemäß weniger die Einwände gegen, sondern die Gründe für die Auswahl dargestellt werden. Dies ist schon deswegen rechtfertigungsbedürftig, weil dafür insgesamt immerhin


28 Millionen DM verausgabt wurden, für die keine öffentliche Ausschreibung stattgefunden hat. Rita Süssmuth erinnert in ihrem Beitrag an die Entscheidung des ersten deutschen Bundestages, schon im Jahre 1950, also in einer Zeit wirtschaftlicher Not und außergewöhnlich bescheidener öffentlicher Mittel, bei öffentlichen Baumaßnahmen einen angemessenen Anteil der Bausumme für bildende Kunst aufzuwenden. Auf genau dieser Grundlage ist die Auftragsvergabe für das Kunstkonzept des Reichstagsgebäudes "im Rahmen des Gesamtbudgets für Parlamentsbauten" erfolgt.




Natürlich ist weder die Auswahl der Künstler noch jedes einzelne Werk unangefochten gewesen. Aber es spricht für das Auswahlverfahren wie für die beteiligten Künstler, dass der Streit möglich, öffentlich und in der Sache lohnend war. Die von dem Kunstbeirat des Bundestages berufenen Sachverständigen Götz Adriani und Karin Stempel berichten von "gewissen Berührungsängsten zwischen Künstlern und Auftraggebern, zwischen Kunst und Politik also". Dabei erweist sich die künstlerische Gestaltung im Wesentlichen festgelegter Raumsituationen als Auseinandersetzung nicht zuletzt mit der Architektur und ist damit auch eine kunstimmanente Spannung, jenseits der besonderen historischen und politischen Bedeutung des Gebäudes. "Weder modische Schnellschüsse, noch eine Kunst, mit der sich Staat machen ließe, waren gefragt, sondern ausgeprägte künstlerische Haltungen, die sich - ohne jede Vorgabe seitens der Politik - verantwortungs- und selbstbewusst auf das Projekt einlassen würden" (Götz Adriani/Karin Stempel).




Auch wer das Konzept im Ganzen oder einzelne Arbeiten nicht überzeugend finden kann, wird den Beitrag zu würdigen wissen, den der Bundestag zur Diskussion, zum Verständnis und zur öffentlichen Wertschätzung zeitgenössischer Kunst damit geleistet hat. Dazu trägt der Bildband vorzüglich bei, indem er nicht nur die bekannten wie die weniger bekannten Kunstwerke im Reichstagsgebäude im wörtlichen wie im übertragenen Sinne glänzend präsentiert, sondern exemplarisch auch ihren Entstehungsprozess dokumentiert. Die verschiedenen Entwürfe z.B., die Gerhard Richter für die monumentale Haupteingangshalle des Reichstagsgebäudes bis zu dem überraschend einfachen Farbflächenbild "Schwarz-Rot-Gold" entwickelt hat, oder die Wiedergabe des Briefes von Georg Baselitz zu seinen "Friedrich"-Bildern, sind ein faszinierender Einblick in die intellektuelle Werkstatt des Künstlers.




Der Band enthält neben den glänzend fotografierten Arbeiten aller beteiligten Künstler, den wichtigsten biografischen Daten und einigen Hinweisen zu weiterführender Literatur interessante Erläuterungen zur Kunstsammlung des Bundestages, die seit 1969 zunächst vom Abgeordneten und Kunstsammler Professor Stein aufgebaut, inzwischen über 500 Exponate enthält, für deren regelmäßige Ergänzung jährlich 130.000 Euro im Etat des Bundestages zur Verfügung stehen. " Dem deutschen Volke" gewidmet - und "Der Bevölkerung" inzwischen auch.




Mai 2002


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