Das Trojanische Boot
Bochum, Ruhr-Triennale
Das Auftragswerk der Ruhr-Triennale ist den Ankündigungen zum Trotz weder „die erste Operette des 21. Jahrhunderts“ noch überhaupt eine solche. Auch der Titel führt in die Irre: mit einem Boot hat das musikalische Machwerk wenig, mit Troja gar nichts zu tun. Dafür benötigt die Aufführung weder eine Bühne noch Kulissen, lediglich viel Blech der edelsten Sorte.

Mnozil Brass, die sieben virtuosen Blechbläser mit einem inzwischen legendären Ruf, reden, singen und blasen ohne alle Regeln der jeweiligen Kunst zu einem abenteuerlichen Libretto, das jedes operngeübte Vorstellungsvermögen sprengt, einen ganzen kurzweiligen Abend lang und entlassen schließlich ein seliges Publikum mit der festen Überzeugung, niemals zuvor einen so ausgeprägten Blödsinn auf so brillantem musikalischen Niveau gehört zu haben.

"Harald Schmidt"
ARD, 23.12.04
Wenn diese Sendung für irgend etwas gut ist, dann als Nachweis für die Illusion, die Programme der sogenannten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten könnten oder wollten sich substantiell vom eher seichten, unterhaltungs- statt informationsorientierten Angebot der privaten Sender unterscheiden. Für diese dünne Suppe, albern und witzlos, im Abendprogramm der ARD kann es nur die eine traurige Begründung geben: die Leute wollten so etwas sehen, koste es, was es wolle …

Zu dem märchenhaften Vertrag, in dem der WDR seinem ins öffentlich-rechtliche, gebührenfinanzierte (!) Fernsehen heimgekehrten Meister Harald Schmidt die fantastische Gage von 120.000 € für jeweils 30 Minuten Abendunterhaltung zugesagt haben soll, fällt einem fast nichts mehr ein. Oder doch: fast zeitgleich hat der Bayerische Rundfunk, der andere große ARD-Sender, die Auflösung seines Rundfunk-Orchesters und damit die Entlassung von rund 70 hochqualifizierten Musikern angekündigt, um neun Mio. € im Jahr zu sparen – eine Mio. weniger, als die ARD bzw. der WDR sich jährlich die Harald-Schmidt-Show kosten läßt …

Henrik Ibsen: Peer Gynt
Berlin, Berliner Ensemble
Man möchte es nicht für möglich halten, dass ein so bedeutender Regisseur eine so belanglose Inszenierung abzuliefern imstande ist, die kein selbstbewußter und um das Ansehen seines Hauses besorgter Intendant einem weniger bekannten Regisseur hätte durchgehen lassen.
Dass Peter Zadek die eigene, unerschöpfliche Phantasie durchgegangen sei, ist eine freundliche Übertreibung für einen deprimierenden Theaterabend, dessen aneinandergereihte Albernheiten, Kalauer und Peinlichkeiten dem populären, aber schwierigen Stoff jede Poesie austreiben.
Keine Magie, keine Botschaft. Man wünschte sich, man wäre zur Pause gegangen: da war gerade die großartige Angela Winkler einen leisen Theatertod gestorben und damit war der einzige Höhpunkt dieser Aufführung auch schon vorbei.

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