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Martin Walser
Mein Jenseits
BUP, Berlin 2010


Man muss kein Walser-Fan sein, um dieses Buch zu mögen. Im Gegenteil, es versöhnt mit manchen Enttäuschungen der letzten Jahre: so leicht und so leise, so gelassen und so souverän, so alterweise kommt dieser Text daher.


Der Anfang der Novelle ist so überraschend wie der Schluss. „Je älter man wird, desto mehr empfiehlt es sich, darauf zu achten, wie man auf andere wirkt“, lautet der erste Satz, der schon nicht so recht einleuchten will. So wenig wie die ihm folgende Geschichte einer enttäuschten Liebe, die zunehmend wirklichkeitsfremd erscheint oder krank oder beides – wie die Figur des Professor Augustin Feinlein, der ausgerechnet Direktor eines psychiatrischen Landeskrankenhauses ist, in das er am Ende selbst eingeliefert wird.


„Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die voll e Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben“. Feinlein flüchtet sich mit verzweifeltem Eifer in den Glauben, den man nur braucht, wenn man ihn braucht: glauben, dass etwas sei, das nicht ist. Walser verbindet in der Suche seines Helden nach einem , seinem Jenseits, das weder im Himmel noch auf Erden zu finden ist, kunstvoll, gelegentlich artifiziell, die gesellschaftlich-religiöse mit der persönlich-praktischen Perspektive: „Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon“. Glauben sei eine Begabung, meint Walser, die aber unter dieser Bedingung nicht weniger belastet als erlöst. „Die Menschen schaffen sich etwas, woran sie glauben wollen. Dadurch bekennen sie, dass es das, woran sie glauben, nicht gibt… Glauben heißt Berge besteigen, die es nicht gibt“.


Selbstverständlich scheitert die unglückliche Liebe wie die religiöse Obsession am Ende – nicht zuletzt an der Verbindung des einen mit dem anderen. So ist die Welt nicht gebaut, dass die Wirklichkeit durch Einbildung oder Glauben zu bezwingen wäre und schon gar nicht durch die Flucht in ein Jenseits, das nur in der Vorstellungskraft besteht.


Die Literaturkritik tut sich schwer mit diesem Buch, das den Glauben beschwört und den Zweifel und die Erkenntnis, dass man im Zweifel am Ende nicht leben kann. „Ganz und gar rationale Menschen gibt es wahrscheinlich ohnehin nicht“, hat Martin Walser kürzlich in einem Interview gesagt: „Rein rational wäre das Leben ein schalltotes Labor. Basta.“ Basta?



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