Le Sacre du Printemps / De Materie
Eröffnung der Ruhrtriennale am 15.08.2014
Ein Festival ist beinahe überflüssig, wenn es das reproduziert, was im Repertoire der Stadt- und Staatstheater längst etabliert ist. Mut zum Wagnis ist gefragt: Produktionen, die es überhaupt oder so noch nie gab, Uraufführungen, Ausgrabungen, Wiederentdeckungen. Die große Begeisterung, wenn es gelingt, und die große Enttäuschung, wenn der hohe Anspruch sich nicht realisiert.

Bei der Eröffnung der Ruhrtriennale ist beides zu erleben, eine grandiose Entdeckung und eine ernüchternde Entzauberung. Heiner Goebbels inszeniert im dritten und letzten Jahr seiner Intendanz Louis Andriessens außergewöhnliche Oper "De Materie", die nach seiner Amsterdamer Uraufführung durch Robert Wilson 1989 nie wieder auf der Bühne zu sehen war. Das oratorienhafte, thematisch komplexe Libretto mit seiner scheinbar konfusen Collage von Texten aus der holländischen Landes-, Geistes- und Technikgeschichte zum Verhältnis von Geist und Materie - von politischen Proklamationen über philosophische Traktate, Bauanleitungen für Schiffe, mystische Beschwörungen, naturwissenschaftliche Abhandlungen bis zu privaten Briefen - setzt allerdings jeder szenischen Umsetzung besondere Hürden. Goebbels gelingt das doppelte Kunststück, die sperrigen Texte behutsam zu bebildern und sinnlich erfahrbar zu machen. Dabei kommt die erstaunliche, hochartifizielle wie spektakuläre Partitur durch das famose Ensemble Modern unter Peter Rundel, die glänzenden Solisten und Sänger des Chorwerks zu großer Wirkung.

Ebenso vielversprechend wie enttäuschend ist dagegen Romeo Castelluccis "Choreographie für 40 Maschinen mit Musik von Igor Strawinsky". Der Grundgedanke des italienischen Theatermachers, mit Bezug auf die zentralen Motive Opfer und Fruchtbarkeit die vor Vitalität berstende Musik Strawinskys in eine Choreographie aus industriell behandeltem tierischen Knochenstaub zu übersetzen, ist durchaus reizvoll, die Ankündigung im Programmheft aber schon eher ernüchternd, "das Stück auf seinen materiellen Ursprung zurückzuführen".
So ähnlich wirkt dann auch die Produktion: blutleer, trocken, steril, technisch - als sollten dem vielleicht expressivsten und explosivsten Werk der Musikgeschichte endlich einmal die Zähne gezogen werden. Ein langweiliger, schnell verbrauchter Triumph der Materie über den Geist.

Faust I
Theater Total Bochum (Inszenierung: Barbara Wollrath-Kramer), Juli 2013
Es gibt einfachere Aufgaben für eine junge, nicht professionelle Theatergruppe als Goethes opus magnum, an dem schon bekannte Regisseure und bedeutende Ensembles gescheitert sind. Nach der 53. und letzten Aufführung von "Faust I" gibt es reichlich Anlass zur Gratulation: zunächst für die grandiose Leistung der zwei Dutzend blutjungen Darsteller, die mit ansteckender Begeisterung den anspruchsvollen Text in lebendiges, pralles, aber nie plattes Theater umgesetzt haben. Dann für die künstlerische Leiterin dieses erstaunlichen Projektensembles, Barbara Wollrath-Kramer, die wieder einmal unter schwierigen räumlichen und finanziellen Bedingungen mit wenig Mitteln und viel Phantasie große Wirkung erzielte und das Publikum ebenso beeindruckte wie die glänzend in Szene gesetzten Schauspieler. Und schließlich darf sich die Stadt Bochum beglückwünschen zu diesem einzigartigen Projekt, mit etwa dreißig jungen Leuten aus ganz Deutschland jährlich "Theater Total" zu ermöglichen, von der Auswahl der Teilnehmer und des jeweiligen Stückes über das Einstudieren des Textes, den Bau des Bühnenbildes und der Kostüme, dem Training von Sprechen, Singen, Tanzen und Fechten bis zur fertigen Produktion und einer dreimonatigen Deutschland-Tournee, die mit diesem Konzept viel Anerkennung, aber noch keine Nachahmer gefunden hat - und noch immer auf die verlässliche öffentliche Förderung wartet, die es längst verdient.

Götterdämmerung
Staatsoper Berlin, März 2013
Selten war von der "Götterdämmerung" so viel zu hören und so wenig zu sehen wie in der abschließenden Gemeinschaftsproduktion des Rings der Nibelungen durch die Berliner Staatsoper und die Mailänder Scala.

Der technische Aufwand einer ununterbrochenen Laser- und Videoshow ist deutlich höher als der konzeptionelle Ehrgeiz der Inszenierung, die nichts erzählt, was man nicht ohnehin weiß, und manches vermittelt, was man nicht wirklich braucht. So bewegen sich Siegfried und Brünhilde, Hagen und Gunther ebenso tapfer wie hilflos in einer bunten, blinkenden Kulisse, die jede Nobeldisko in den Schatten stellt. Das hat man an manchen kleineren Häusern bescheidener, aber eindrucksvoller gesehen.

Wäre nicht Daniel Barenboim mit seiner grandiosen Staatskapelle in bestechender Form, könnte man wie die Helden des Dramas schier verzweifeln. So bleibt eine musikalische Interpretation in Erinnerung, die höchsten Ansprüchen genügt und neue Maßstäbe setzt. (Und die Hoffnung, dass die Staatsoper unter den Linden nach dem kostspieligen Umbau eine mindestens gleich gute Akustik hat wie das Schiller- Theater als verblüffend gut klingendes Provisorium...)

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