Gehört: Stefan Heucke, Diabelli-Variationen. Variationen mit Haydn.

Für kein anderes Instrument haben so viele Komponisten so viele so unterschiedliche Werke geschrieben wie für das Klavier: Suiten, Sonaten, Fantasien, Variationen.
Einem breiten Publikum vertraut sind vor allem Kompositionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, davor gab es noch keine Klaviere und danach gibt es kaum noch ein Publikum, das sich für zeitgenössische Musik gewinnen oder gar begeistern lässt.

Stefan Heucke, geboren 1959, steht in einer großen Tradition der Musikgeschichte, wenn er nach den Monumentalwerken von Bach und Beethoven neue Variationen für Klavier schreibt und so im 21. Jahrhundert auf große Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert zurückgreift. Seine DIABELLI-VARIATIONEN nehmen aus den fünfzig Einsendungen, die Anton Diabelli von den bekanntesten österreichischen Komponisten seiner Zeit zu seinem eigenen Klavierwalzer erhielt, den fast vergessenen, unscheinbaren Ländler des damals 22jährigen Franz Schubert wieder auf. Heucke stellt sich die ehrgeizige Frage, welches Werk vielleicht entstanden wäre, wenn Schubert sich nicht bescheiden mit einer kleinen, melancholischen Variation des Diabelli-Walzers begnügt, sondern wie Beethoven einen ganzen Zyklus geschrieben hätte. Seine Lösung ist ebenso originell wie überzeugend: aus vier mal acht Variationen - eine weniger als Beethoven - baut er eine große, fast einstündige Sonate mit einem Kopfsatz aus Introduktion, zwei Themen, Reprise und Coda, einem langsamen Mittelsatz und einem Scherzo; im Schlusssatz gipfeln die letzten acht Variationen in einer Passacaglia über den Bass des Schubert-Themas und einer Fuge als furioses Finale - ein grandioser Ritt durch die Musikgeschichte, bis noch einmal der schlichte Ländler von Franz Schubert jetzt im aufgehellten C-Dur langsam und leise, scheinbar aus fernen Zeiten und doch ganz nah den heutigen Zuhörer überrascht.

In ähnlicher Weise und wieder ganz anders verarbeitet Heucke Josef Haydn´s eigene, wiederum inzwischen fast unbekannte Klavierfassung seines berühmten langsamen Satzes aus dem „Kaiserquartett“ zu vier mal vier Variationen eines Themas, das später zur Melodie der deutschen Nationalhymne wurde. Und wenn als Coda nach knapp zwanzig Minuten „mit Haydn“ extrem unterschiedlicher Stilmittel, Tempi und Temperamente das Originalthema wieder intoniert wird, harmonisch gebrochen, ganz ruhig auf einem Orgelton in melancholischem Moll sich selbst verrätselnd, hat der Hörer den Eindruck, nicht nur eine Kurzfassung der stilistischen Entwicklung der Klaviermusik vom 18. bis ins 21. Jahrhundert erlebt zu haben, sondern zugleich eine musikalische Paraphrase der turbulenten deutschen Geschichte.

Romeo und Julia, Ballett nach Musik von Sergej Prokofjew
Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen
Februar 2018

Kann man ein großes Handlungsballett mit zahlreichen Solo-Rollen und Gruppenszenen mit einer vierzehnköpfigen Tanzcompagnie aufführen? Eigentlich nicht - es sei denn, man kann es. Bridget Breiner kann es und demonstriert einmal mehr ihre herausragende Begabung, große Stoffe mit bescheidenen Mitteln stilsicher und künstlerisch überzeugend in Szene zu setzen. Romeo und Julia haben viel größere Häuser mit wesentlich höherem Aufwand an Kulissen und Kostümen weniger eindrucksvoll umgesetzt als die kleine Gelsenkirchener Tanzcompagnie. Alle vierzehn Tänzerinnen und Tänzer bewältigen die anspruchsvollen Solopartien wie die großen Kampf- und Ballszenen mit beachtlicher Präsenz und Präzision. Und weil das Orchester unter seinem Chefdirigenten Rasmus Baumann wieder einmal seinem guten Ruf gerecht wird, wundert sich kaum noch jemand, warum das Musiktheater im Revier nun seit Jahren zu den besten Opernhäusern im Lande gehört.

Le Sacre du Printemps / De Materie
Eröffnung der Ruhrtriennale am 15.08.2014
Ein Festival ist beinahe überflüssig, wenn es das reproduziert, was im Repertoire der Stadt- und Staatstheater längst etabliert ist. Mut zum Wagnis ist gefragt: Produktionen, die es überhaupt oder so noch nie gab, Uraufführungen, Ausgrabungen, Wiederentdeckungen. Die große Begeisterung, wenn es gelingt, und die große Enttäuschung, wenn der hohe Anspruch sich nicht realisiert.

Bei der Eröffnung der Ruhrtriennale ist beides zu erleben, eine grandiose Entdeckung und eine ernüchternde Entzauberung. Heiner Goebbels inszeniert im dritten und letzten Jahr seiner Intendanz Louis Andriessens außergewöhnliche Oper "De Materie", die nach seiner Amsterdamer Uraufführung durch Robert Wilson 1989 nie wieder auf der Bühne zu sehen war. Das oratorienhafte, thematisch komplexe Libretto mit seiner scheinbar konfusen Collage von Texten aus der holländischen Landes-, Geistes- und Technikgeschichte zum Verhältnis von Geist und Materie - von politischen Proklamationen über philosophische Traktate, Bauanleitungen für Schiffe, mystische Beschwörungen, naturwissenschaftliche Abhandlungen bis zu privaten Briefen - setzt allerdings jeder szenischen Umsetzung besondere Hürden. Goebbels gelingt das doppelte Kunststück, die sperrigen Texte behutsam zu bebildern und sinnlich erfahrbar zu machen. Dabei kommt die erstaunliche, hochartifizielle wie spektakuläre Partitur durch das famose Ensemble Modern unter Peter Rundel, die glänzenden Solisten und Sänger des Chorwerks zu großer Wirkung.

Ebenso vielversprechend wie enttäuschend ist dagegen Romeo Castelluccis "Choreographie für 40 Maschinen mit Musik von Igor Strawinsky". Der Grundgedanke des italienischen Theatermachers, mit Bezug auf die zentralen Motive Opfer und Fruchtbarkeit die vor Vitalität berstende Musik Strawinskys in eine Choreographie aus industriell behandeltem tierischen Knochenstaub zu übersetzen, ist durchaus reizvoll, die Ankündigung im Programmheft aber schon eher ernüchternd, "das Stück auf seinen materiellen Ursprung zurückzuführen".
So ähnlich wirkt dann auch die Produktion: blutleer, trocken, steril, technisch - als sollten dem vielleicht expressivsten und explosivsten Werk der Musikgeschichte endlich einmal die Zähne gezogen werden. Ein langweiliger, schnell verbrauchter Triumph der Materie über den Geist.

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