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Wolf Biermann
Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie
Propyläen Verlag, Berlin 2016


Die wohlfeile Behauptung, dieses oder jenes Buch müsse man unbedingt gelesen haben, ist fast immer falsch, jedenfalls stark übertrieben. "Man" muss überhaupt nichts lesen, auch die Autobiographie von Wolf Biermann nicht. Aber es fällt ziemlich schwer, sich einen Leser vorzustellen, der sie nicht mit Gewinn liest - mit Begeisterung oder Empörung, Freude oder Zorn: langweilen wird sie weder die einen noch die anderen.

Wolf Biermann beschreibt die langen Wege und krummen Strecken, die er in Deutschland zurückgelegt hat, freiwillig von West nach Ost und unfreiwillig zurück, und die noch schwierigeren Umwege und Irrwege zwischen messianischem Sendungsbewusstsein und nüchternem Wirklichkeitssinn. Dabei hilft der erstaunlich genauen Beschreibung der Ereignisse und Erfahrungen das umfangreiche Konvolut seiner Tagebücher, die er zeitlebens geführt und in Zeiten systematischer Bewachung und Verfolgung rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte.

Die große Auseinandersetzung der Systeme zwischen bürgerlich-demokratischer und realsozialistischer staatlicher Ordnung in zwei deutschen Staaten gleicher Nation und gemeinsamer Vergangenheit ist vielfach beschrieben worden, gelegentlich systematischer, soweit möglich auch objektiver, mit wissenschaftlichem Anspruch, aber kaum jemals plastischer, vitaler, lebensnäher, rücksichtslos subjektiver als von Biermann, dessen Biographie von dieser Auseinandersetzung nicht nur geprägt ist, sondern der selber ein wesentlicher Antreiber der Veränderungen war, dessen Opfer und Nutznießer er wurde. Auf bessre Zeiten geduldig gewartet hat er nie.

Die kurze, für die Lebensspanne der Verfolgten allzu lange Geschichte der DDR ist in Biermanns Autobiographie naturgemäß auch und insbesondere seine Geschichte der Freunde und Feinde, Begleiter, Beobachter, Bewacher, Agenten, Lektoren, Zensoren, also aller formellen und informellen Mitarbeiter am eigenen Leben. Nicht alle, soweit sie noch leben, werden sich in ihrer jeweiligen Rolle richtig gewürdigt finden. Aber der unbefangene, weil unbeteiligte Leser ist von dem Bemühen beeindruckt, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und Differenzierungen vorzutragen, wo andere längst fertige Urteile zu Protokoll gegeben haben. Dies gilt erstaunlicherweise auch für die Beschreibung der eigenen Biographie, die privat nicht weniger turbulent war wie politisch. Unter Minderwertigkeitskomplexen hat Wolf Biermann offenkundig nie gelitten, ohne seinen in jeder Beziehung außerordentlichen Selbstbehauptungswillen hätte er die Verhältnisse auch kaum überlebt, in die er sich mit ideologischem Eifer selber gestürzt hatte. Umso glaubwürdiger wirkt sein zunächst verstörter, dann entschlossener Abfall vom kommunistischen Glauben, zu dem neben eigenen Erfahrungen auch Einsichten neuer Weggefährten beigetragen haben.

Ob die "beste deutsche demokratische Republik aller Zeiten", wie Biermann sie sarkastisch beschreibt, nicht in Wahrheit ein "Unrechtsstaat" war, darüber wird es noch manche akademische wie politische Kontroverse geben. Von Richard Schröder, der weiß, wovon er redet, stammt die kluge Empfehlung, "nennt es, wie ihr wollt, aber vergesst nicht, wie es war". Wer daran wirklich interessiert ist, sollte tatsächlich Biermanns Erinnerungen lesen - und nicht auf bessre Zeiten warten.


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