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Grußwort zur Verleihung der Moses Mendelssohn Medaille an Andreas Nachama
Berlin, 9. September 2019

Guten Abend, meine Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Staatsministerin, liebe Monika Grütters,
lieber Herr Professor Schoeps,
liebe Mitglieder der Bundesregierung, des Bundestages,
verehrte Gäste,
und insbesondere verehrter lieber Herr Nachama,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich zur Verleihung der Moses Mendelssohn Medaille und freue mich, dass diese Veranstaltung trotz unfreundlicher Witterungsbedingungen eine so demonstrativ starke Beteiligung erhält. Dass die Verleihung dieses Preises immer in der Nähe des Geburtstages von Moses Mendelssohn erfolgt, ist nicht weiter erläuterungsbedürftig, dass es aus den unterschiedlichsten, meist technischen, kalendarischen Gründen nicht immer gelingt, präzise an diesem Tag die Verleihung vorzunehmen, leuchtet wahrscheinlich auch sofort ein. Aber wenn man dann den eher zufällig in der Nähe des Geburtstages gefundenen Termin unter dem Gesichtspunkt der Einschlägigkeit des Termins für den heutigen Anlass befragt, dann stößt man im ewigen Kalendarium unter anderem auf den 9. September 1553, ‒ ich ahne, daran erinnert sich niemand mehr so ganz lebhaft, denn das ist 466 Jahre her ‒, als Papst Julius III. in Rom die in den Tagen zuvor bei Juden konfiszierten Talmudexemplare öffentlich verbrennen ließ. Die Heilige Römische Inquisition, ein übrigens schon monströser Terminus, rät in der Folge auch anderen christlichen Herrschern zu diesem Vorgehen gegenüber jüdischen Schriftwerken, und war, wie wir wissen, mit dieser Empfehlung durchaus erfolgreich.

Wenn wir heute Abend die Moses Mendelssohn Medaille für jahrzehntelangen Einsatz für die Werte, die Überzeugungen verleihen, die wir vor allem mit dem Lebenswerk von Moses Mendelssohn verbinden, dann wird uns eben auch wieder bewusst, dass wir Jahr für Jahr über ein Thema reden, das an Dringlichkeit nicht verloren hat und von dem man ärgerlicherweise immer wieder den Eindruck gewinnt, dass es an Dringlichkeit eher zunimmt als abnimmt.

Als das Moses Mendelssohn Zentrum gegründet wurde, 1992, da fand das statt im 50sten Jahr der Wiederkehr der berüchtigten Wannsee-Konferenz und im 500sten Jahr der Vertreibung der Juden aus Spanien.

Ein Jahr später wurde diese Medaille geschaffen, die nun seit einem Vierteljahrhundert vergeben wird, in etwas unregelmäßigen Abständen, was, wenn ich mir diesen Kommentar erlauben darf, eher für als gegen die Verleihungspraxis spricht, da hatte man schon damals den zutreffenden Eindruck, dass es hinreichenden Anlass gibt, sich nicht nur mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern Persönlichkeiten zu identifizieren, die durch ihren Einsatz für dieses gemeinsame Anliegen hoffentlich auch eine Ermutigung für möglichst viele Zeitgenossen sind, sich dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe mit eigenem Engagement zu stellen.

Von Moses Mendelssohn gibt es viele, immer wieder gern zitierte Lebensweisheiten, eine auf den ersten Blick besonders schlichte und gleichzeitig besonders anspruchsvolle lautet: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun – das ist die Bestimmung des Menschen.“

Ich bin nicht ganz sicher, ob das eine vollständige ultimative Beschreibung der Bestimmung des Menschen ist, aber so schlicht sich das anhört, so hoch ist spätestens auf den zweiten Blick der Anspruch, der sich damit verbindet: Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun.

Die Laudatorin wird nachher hoffentlich meinen Eindruck förmlich bestätigen, dass der diesjährige Preisträger jedenfalls nahe darankommt. Und zu wieviel Prozent die einzelnen der gerade genannten Kriterien ihn in seinem Schaffen beeinflusst haben und in welchem Anteil ihm das gelungen ist, weiß er ohnehin vermutlich selber viel besser als irgendjemand das von außen mit Anspruch auf Erfolg beurteilen könnte.

Mit Blick auf den Antisemitismus, der zur den besonders ärgerlichen Dauerherausforderungen auch und gerade unserer deutschen Gesellschaft gehört, hat Andreas Nachama in einem Interview vor vier Jahren einmal zwei wiederum schlichte, aber anspruchsvolle Sätze gesagt: „Der Antisemitismus ist ein unglaublicher Blödsinn. Ich glaube an die Belehrbarkeit der Menschen.“

Rein intellektuell betrachtet ist der Antisemitismus selbstverständlich ein unglaublicher Blödsinn. Bedauerlicherweise ist er mehr als das. Und er ist mit diesem zutreffenden Hinweis eben leider weder intellektuell noch politisch erledigt; er ist vielmehr nach wie vor vital, auch und gerade in unserer Gesellschaft, vorhanden.

Deswegen hoffe ich sehr, dass jedenfalls Ihnen, lieber Herr Nachama, der Glaube an die Belehrbarkeit der Menschen nicht in der Zwischenzeit abhandengekommen ist, wofür es ja wiederum Anlässe gäbe.

Noch vor wenigen Wochen ist wieder einmal hier in Berlin einer von vielen Übergriffen zu registrieren gewesen, damals auf Yehuda Teichtal, der dann wiederum, befragt auf seine Wahrnehmung dieser Attacke, in einem Interview darauf hingewiesen hat, dass gerade Deutschland ein Leuchtturm für Respekt und Toleranz sein müsse, woran prinzipiell ganz sicher kein Zweifel sein kann, praktisch aber leider wieder entstanden ist.

Wenn das allgemein gültige Prinzip von Respekt gegenüber anderen Meinungen, Toleranz, auch und gerade gegenüber Überzeugungen, die man nicht teilt, irgendwo eine besondere Dringlichkeit hat, dann hier. Weil nirgendwo verheerendere Folgen zu beobachten waren als hier, wenn es das Mindestmaß an Respekt und Toleranz nicht gibt, oder, ganz im Gegenteil, unter Berufung auf eine menschenfeindliche Ideologie Respekt wie Toleranz für gegenstandslos erklärt werden.

Von Voltaire, der die Moses Mendelssohn Medaille nie erhalten hat, gibt es in einem schönen Essay über die Toleranz den wiederum aufschlussreichen Satz: „Hat der Fanatismus das Gehirn einmal verpestet, so ist die Krankheit fast unheilbar.“

Das ist gut beobachtet. Wenn nämlich mein eigener Eindruck nicht täuscht, ist das auch eine der starken Erfahrungen, die wir mit dem Antisemitismus machen: Wessen Gehirn mit dieser Krankheit einmal verpestet ist, ist beinahe nicht mehr erreichbar, nicht mehr belehrbar.

Und deswegen wird für alle diejenigen, die in Politik wie in Gesellschaft Verantwortung dafür haben, die Anstrengung da ansetzen müssen, wo es darum geht, Menschen vor dieser Versuchung, soweit es denn eben geht, zu immunisieren, die Viren erst gar nicht die Köpfe erreichen zu lassen. Denn wenn sie sich einmal festgesetzt haben, dann ist es in aller Regel schon zu spät.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Verleihung der Moses Mendelssohn Medaille, an der ich in den vergangenen Jahren immer mal wieder teilgenommen habe, selten rundum fröhliche Veranstaltungen sind. Und ich fürchte, das wird auch heute Abend nicht ganz anders sein, und ich habe selber mit meinem Beitrag ja auch die Stimmung nicht gerade angefeuert.

Aber wenn denn solche Preise überhaupt außer der Auszeichnung derjenigen, die sie erhalten, einen Sinn haben, dann doch genau den, sich selber zu nötigen, über Sachverhalte nachzudenken, die wir nicht auf sich beruhen lassen dürfen.

Und gerade deswegen freue ich mich, dass wir heute Abend in einer so stattlichen Anzahl zu genau diesem Anlass zusammengekommen sind, begrüße Sie alle noch einmal ganz herzlich und freue mich auf die anschließenden Reden, insbesondere aber auch auf die uns dabei begleitenden Musiker. Guten Abend!


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