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Festrede bei der offiziellen Eröffnungsfeier des Stadtjubiläums "1250 Jahre Stadt Überlingen"
Überlingen, 12. Januar 2020

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft, Sport und Kultur, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Vereinen und Verbänden,
verehrte Gäste, meine Damen und Herren!

Es war immer schön, in Überlingen zu sein, und in diesem Jubiläumsjahr wird es ganz gewiss noch schöner. Deswegen freue ich mich, dass ich gleich zu Beginn dieses Jahres dabei sein kann und bedanke mich herzlich für die freundliche Einladung zur Mitwirkung an diesem Festakt und für Ihre liebenswürdige Begrüßung.

Unter den vielen Einladungen aller Art, von denen ich den meisten gar nicht nachkommen kann, habe ich diese ohne Zögern besonders gerne angenommen. Wenn Sie wollen, könnte ich Ihnen dafür gleich drei Gründe nennen, die Ihnen vermutlich alle einleuchten werden.

Erstens: Ich mag Jubiläen. Das mag der eine oder andere überraschend finden, aber meine Lebenserfahrung ist, dass Jubiläen wie Geburtstagsfeiern in aller Regel viel gemütlichere Veranstaltungen sind als Parteitage, Gewerkschaftskongresse, Zahnarzttermine, selbst Parlamentsdebatten. Schon deshalb war das eine unwiderstehliche Versuchung.

Zweitens: Der Oberbürgermeister hat es angedeutet, ich habe natürlich eine besondere Beziehung zu dieser Stadt. Meine Frau und ich haben zehn Jahre in der Stadt als Zweitwohnsitz gelebt. Das ist mit Blick auf die eigene Biographie immerhin eine beachtliche Zeitspanne, wenn auch – zugegebenermaßen – weniger als ein Hundertstel, also belanglos, geradezu läppisch mit Blick auf die lange Geschichte dieser Stadt und auf das, was in diesen Jahrhunderten an erfreulichen und weniger erfreulichen Ereignissen alles stattgefunden hat. Also einer langjährigen Geschichte, deren einzelne Kapitel in einer bemerkenswerten Veranstaltungsreihe im Verlaufe dieses Jahres der Reihe nach aufgeblättert werden.

Ich will die Gelegenheit gerne nutzen, all denjenigen, die für das Zustandekommen dieses Programms eine besondere Verantwortung haben, meinen persönlichen Respekt und mein Kompliment auszusprechen. Was diese Stadt sich für dieses Jahr alles vorgenommen hat, verdient hohe Anerkennung.

Was hat uns damals verlockt, nach Überlingen zu kommen? Offengestanden, die Zweitwohnungssteuer war es nicht. Jedenfalls war dies nicht die unwiderstehliche Versuchung, die gegenüber anderen, auch infrage kommenden Alternativen, die Entscheidung für diese Stadt und diese Region begründet hätte. Es war die Erwartung einer kleinen, von ihrer langen, ehrwürdigen Geschichte geprägten Stadt mitten in einer der vielfältigsten Kulturregionen im deutschsprachigen Raum, in einer grandiosen Landschaft. Wir haben die beinahe unerschöpflichen Optionen rund um den Bodensee sehr genossen: Das Wasser und die Berge, die Kirchen und die Klöster, die Burgen und die Schlösser, die Feste, die Weine und die Küche. Es hätte für unsere Expeditionen rund um den See und darüber hinaus keinen besseren Standort geben können als Überlingen.

Es war unter jedem Gesichtspunkt eine schöne, sehr intensive Zeit. Leider waren unsere Aufenthalte nicht ganz so häufig und schon gar nicht so regelmäßig, wie ich mir das leichtfertiger Weise vorgestellt hatte.

Der dritte Grund, heute Morgen besonders gerne hier zu sein ist, lautet: Es ist nicht irgendein Jubiläum, das Sie heute feiern, sondern eine unter jedem Gesichtspunkt besondere, außergewöhnliche Geschichte; der Rückblick und die Feier einer 1.250jährigen Stadtgeschichte.

Es gibt manche größere, aber nicht viele ältere Städte in Deutschland. München und Berlin zum Beispiel sind inzwischen etwas größer, aber deutlich jünger als Überlingen. Deswegen ist es im Übrigen eine schöne Logik, dass die deutsche Hauptstadt im Stadtnamen der großen Kreisstadt Ü-berlin-gen voll integriert ist und durch schlichte Zufügung von vier ergänzenden Buchstaben die wahren historischen Proportionen markiert werden.

Muss man ein solches Jubiläum feiern? Nein, man muss natürlich nicht, wie man überhaupt weder Geburtstage noch Jubiläen feiern muss. Aber es ist sicherlich nicht zufällig, dass sie in aller Regel nicht schlicht verdrängt, sondern wahrgenommen und besonders gerne auch gefeiert werden.

In diesem Jahr ist neben dem Jubiläum von Überlingen vermutlich Ludwig van Beethoven das zweite auffällige nationale Ereignis, für das sich die gleiche Frage stellt, die in gleicher Weise sich selbst beantwortet.

Nimmt man einen solchen Jahrestag wahr oder lässt man ihn schlicht und ergreifend im Kalenderjahr passieren? Muss man, wie wir das im vergangenen Jahr getan haben, an 70 Jahre Gründung der Bundesrepublik Deutschland erinnern? An 30 Jahre Mauerfall?

Nein, man muss nicht. Aber es gibt gute Gründe, dass wir es tun. Ein Grund ist sicher, dass es so etwas wie ein menschliches Grundbedürfnis gibt, Dinge zu feiern, die einem wichtig sind. Ereignisse demonstrativ wahrzunehmen, die man nicht belanglos findet. Sich über Erfolge zu freuen, wenn einem etwas gelungen ist. Das nochmal in Erinnerung zu rufen, was lange vorbei ist, aber eben nicht unbedeutend war und auch nicht unbedeutend bleiben soll.

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass unser erstaunlich stabiles Interesse, Jubiläen als Jubiläen wahrzunehmen über dieses Grundbedürfnis zum Feiern hinausgeht; dass es im Unterbewusstsein vielleicht mit der Einsicht zu tun hat, dass mit uns nicht die Weltgeschichte begonnen hat, sondern dass wir mit all dem, was wir heute machen und was wir für morgen planen, uns in der Kontinuität von Generationen befinden.

Der Philosoph Odo Marquard hat den schönen schlichten Satz formuliert „Zukunft braucht Herkunft“. Die Vorstellung, es gäbe so etwas wie eine voraussetzungslose Zukunft, ist wirklichkeitsfremd. Jede denkbare Zukunft hat ihre Voraussetzungen, hat ihre Vorgeschichte. Wir sind nicht die ersten Menschen, die auf dieser Welt leben. Sie sind auch nicht die ersten, die in dieser Stadt leben – nachweislich. Wir leben hier auf diesem Kontinent, in Europa schon seit Jahrhunderten nicht mehr auf unberührter Erde, auf unbebautem Boden – ganz im Gegenteil. Die Menschheit hat sich – biblisch gesprochen – längst die Erde untertan gemacht.

Wissenschaftler sprechen vom Anthropozän, wenn sie deutlich machen wollen, dass wir uns in einer neuen Phase der Geschichte befinden: In einer Zeit der durch Menschen geschaffenen Welt – bei der das, was die Welt heute prägt, durch Entscheidungen und durch das Gestalten von Menschen mindestens so sehr bestimmt wird wie durch die Vorgaben der Natur.

Das war über Jahrtausende anders und wird für die künftigen Jahrtausende vermutlich die veränderte Versuchsanordnung sein. Im Laufe der Menschheitsgeschichte wie der Stadtgeschichte von Überlingen hat es erhebliche Veränderungen gegeben. Es hat Herausforderungen gegeben, Errungenschaften, Bedrohungen, es gab Fortschritte, es gab Rückschritte. Dann hat man die neuen Herausforderungen angenommen, bis die nächsten Rückschritte zu neuen Planungen gezwungen und veranlasst haben. So entwickeln sich die kleinen und die großen Gemeinschaften immer wieder neu, mal so ähnlich, wie sie es sich vorgestellt haben, mal ganz anders, manchmal haben sich überhaupt nichts vorgestellt, was dann wiederum zu anderen Veränderungen führen mag.

Einer der guten Gründe, Jubiläen wahrzunehmen ist genau dieser: Sie bieten Gelegenheit, sich mit der Frage zu beschäftigen, was haben wir eigentlich gelernt? Und was sollten wir von dem, was in der Vergangenheit stattgefunden hat, besser nicht vergessen, sondern in aktiver Erinnerung behalten?

Eine gerade mit Blick auf die Gegenwart besonders wichtige Lektion der Vergangenheit ist die stabile Lebenserfahrung, dass Veränderungen sicher stattfinden. Unter allen Vorstellungen für die Zukunft ist die am wenigsten lebensnahe die Erwartung, alles könne so bleiben, wie es ist. Es bleibt sicher nicht alles so, wie es ist.

Die Frage ist nicht, ob sich etwas ändert, sondern was sich ändert, wo es sich ändert, in welche Richtung es sich ändert, mit welchem Tempo diese Veränderungen stattfinden, welche dieser sich abzeichnenden Veränderungen eher beschleunigt oder eher verlangsamt werden können oder sollen. Für all das befinden wir uns längst nicht mehr, wie in früheren Jahrhunderten, in einer Zuschauerrolle gegenüber übermächtigen Naturgewalten, auf die wir keinen Einfluss haben oder scheinbar ähnlich übermächtigen Feudalherrschern, auf deren einsame Entscheidungen wir keinen Einfluss haben. Sondern wir befinden uns in einer gründlich veränderten Welt, die uns mit manchen Herausforderungen konfrontiert, aber auch mit manchen Möglichkeiten versieht, die frühere Generationen sich nicht einmal hätten vorstellen können.

Von Karl Valentin, der kein Philosoph, aber auch ein kluger Mensch war, gibt es einen ähnlich knappen, prägnanten und ähnlich intelligenten Spruch wie den, den ich von Odo Marquard gerade zitiert habe und der sich auch auf die Zukunft bezieht. Karl Valentin hat vor etwa hundert Jahren gesagt, „die Zukunft war früher auch besser“.

Das war vermutlich damals schon nicht ganz richtig, aber er hat gewusst, warum er das so formuliert hat. Und ich habe keinen Zweifel, dass es auch heute, am 12. Januar 2020, nicht nur in dieser Stadt, sondern in diesem Land und weit darüber hinaus viele Menschen gibt, die genau das vermuten mit Blick auf Herausforderungen, die erkennbar sind, und vor allen Dingen auf Herausforderungen, die nicht erkennbar sind, dass wir unsere besten Zeiten hinter uns haben könnten, dass das, was wir uns unter Zukunft vorstellen, früher eigentlich besser war.

Ich glaube das nicht, auch wenn ich keinen Zweifel daran habe, dass wir es mit einer anspruchsvollen, offenen und in mancherlei Hinsicht auch komplizierten Zukunft zu tun haben werden.

Aber wenn ich mir die Verfassung der Welt zu Beginn des dritten Jahrzehnts, des 21. Jahrhunderts betrachte und schon gar die Verfassung des Teils der Welt, zu dem wir als Europäer gehören, also den Zustand auf diesem Kontinent, dann wird man ohne jede Übertreibung oder jede Selbstzufriedenheit sagen können und auch müssen: Die Welt befindet sich heute trotz mancher unvermeidbarer und schon gar trotz mancher ärgerlicher vermeidbarer Probleme in einer besseren Verfassung als jemals zuvor.

Es hat nie auch nur annähernd eine so hohe Lebenserwartung der Menschen gegeben wie heute. Es hat nie eine so breite, so lange, so tiefe Bildung und Ausbildung gegeben wie heute. Die Kindersterblichkeit ist kein Thema mehr, nicht, weil es sie nicht mehr gäbe, sondern weil sie zu der ganz, ganz seltenen Ausnahme geworden ist gegenüber Jahrhunderten und Jahrtausenden, in denen sie zur traurigen Regel gehörte. Seuchen und Epidemien kennen wir noch aus den Medien, finden auf diesem Kontinent aber nicht mehr statt.

Wir haben ein Ausmaß von Handel, von Handelsbeziehungen, von wirtschaftlichem Wohlstand und sozialer Sicherung, das sich die Generation unserer Großeltern nicht mal hätte vorstellen können.

Was die Infrastruktur mit Blick auf Verkehr, auf Informationen und auf Kommunikationen betrifft, sind wir heute in der Lage, räumliche Distanzen in einer erstaunlich kurzen Zeit zu überwinden und unvorstellbare Mengen an Informationen gleichzeitig verfügbar zu haben.

Dazu kommt, dass heute viel mehr Menschen als jemals zuvor viel mehr Einfluss auf ihre eigenen Zukunftsperspektiven haben. Das gilt vor allem in demokratisch verfassten Staaten, in denen allerdings ganze fünf Prozent der Weltbevölkerung leben. Sich das gelegentlich deutlich zu machen, ist bei der allgemeinen Neigung zur Beschwerde eine vielleicht auch nicht unpassende Bemerkung, gerade bei Jubiläumsveranstaltungen.

Wie überhaupt Jubiläen nicht die einzige, aber eine besonders gute Gelegenheit sind, sich genau mit den Fragen zu beschäftigen, mit denen man sich in Alltagssituationen in der Regel nicht so gerne beschäftigt und insbesondere die vielleicht wichtigsten einzelnen Fragen zu stellen und möglichst auch zu beantworten, die sich für jede Gemeinschaft von Menschen stellt, nämlich erstens: Wo kommen wir her? Und zweitens: Wo wollen wir hin?

Schon die erste Frage ist nicht so ganz einfach, aber mit ein bisschen Aufwand und hinreichender Zeit relativ verlässlich zu beantworten. Die zweite Frage ist notwendigerweise hochkontrovers.

Wobei ich solche Gelegenheiten besonders gerne nutze, darauf hinzuweisen, dass der Umstand, dass in Ländern wie unseren hochstreitig diskutiert wird, wo wir denn eigentlich hin wollen, nicht zu den Zumutungen gehört, mit denen wir es zu tun haben, sondern zu den Errungenschaften, um die uns der Rest der Welt beneidet.

Wir entscheiden heute im Wesentlichen selbst, wie wir unsere eigene Zukunft organisieren wollen. Dazu gehören viele Fragen, die eine intensivere Beschäftigung lohnen. Ich will zu drei Aspekten ein paar Bemerkungen machen.

Erstens: Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben?

Zweitens: Wie reden wir eigentlich miteinander und welche Formen der Kommunikation stellen wir uns für die Zukunft vor?

Und drittens: Wie wollen wir eigentlich unser Zusammenleben regeln? Wie wollen wir zu den Entscheidungen kommen, die wir brauchen in der Stadt, im Land, auf dem Kontinent und auf diesem Globus, auf den wir zusammen leben?

Die erste Frage hat was zu tun mit Heimat, einem nicht zufällig wiederentdeckten Begriff, der nicht als Begriff besonders spannend ist, sondern als Bedürfnis hochaufschlussreich.

Das zweite Thema hat zu tun mit den gigantischen Informationsveränderungsprozessen, die es jetzt seit etwa zwei Jahrzehnten in unserem Land gibt.

Und das dritte mit dem auch vom Oberbürgermeister angesprochene Thema: Wie stellen wir uns eigentlich vor, wer sich an welcher Art von Entscheidungen wie beteiligen kann und soll und will und möchte? Oder anders gefragt: Wie stellen wir uns die gelebte Verfassung einer aufgeklärten Bürgergesellschaft vor?

Alle drei von mir gerade genannten Fragen sind mehr als morgen- oder abendfüllend. Deswegen bitte ich schon jetzt um Generalabsolution, wenn ich das nicht enzyklopädisch behandle – was wahrscheinlich viele von Ihnen jetzt auch eher mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen –, sondern eher exemplarisch, aber in der Erwartung, dass der eine oder andere daraus vielleicht Anregungen oder Hinweise für eine intensivere Beschäftigung mit diesem Thema bezieht.

Wenn es für die Zeit, in der wir heute leben, überhaupt so etwas wie einen gemeinsam akzeptierten Nenner gibt, einen Begriff, unter dem sich all das scheinbar zusammenfassen lässt, was wir gegenwärtig an Veränderungen erleben, was kürzlich stattgefunden hat, absehbar im Augenblick stattfindet oder sich für die unmittelbare Zukunft andeutet, dann ist es der Begriff „Globalisierung“. Wir leben in einer globalen Welt.

Dem Satz stimmt beinahe ausnahmslos jeder zu, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob sich alle darunter genau dasselbe vorstellen. Aber mindestens haben die allermeisten den zutreffenden Eindruck, wir leben in einer Welt, die größer ist als jemals zuvor und paradoxer Weise zugleich kleiner ist als jemals zuvor.

Nie haben auf diesem Globus so viele Menschen gelebt wie jetzt: 7,5 Milliarden Menschen. Und nie sind diese sich so nahe gewesen wie jetzt. Nie haben wir so viel voneinander gewusst wie jetzt. Nie sind diese sich buchstäblich so sehr wechselseitig auf die Pelle gerückt wie jetzt. Nie haben sie so schnell voneinander gewusst. Ich hätte fast gesagt, wo es im Augenblick brennt - was den Vorgang im Allgemeinen wie im Konkreten illustriert: Was irgendwo auf der Welt stattfindet, nehmen wir gleichzeitig wahr. Das ist so, weil es in unserer Lebenszeit eine der gründlichsten Veränderungen in der Information der Menschheit untereinander und miteinander gegeben hat, die bislang überhaupt jemals stattgefunden haben und die wiederum mit dem Stichwort „Digitalisierung“ verbunden sind.

Die Digitalisierung von Daten, von Informationen hat zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit einen Zustand herbeigeführt, dass Informationen, die überhaupt verfügbar sind, prinzipiell an jedem Platz der Welt gleichzeitig verfügbar sind.

Wenn ich darüber gelegentlich früher mit meinen Kindern diskutiert habe, war die Wirkung übersichtlich, die Reaktion war: So war das immer. Ja, für die war das immer so, weil sie die erste Generation ist, die mit dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit aufgewachsen ist. Über einige tausend Jahre der Menschheitsgeschichte war das deutlich anders. Da haben Informationen, die es irgendwo an einem Platz der Welt gab, nicht nur Tage oder Wochen, sondern teilweise Jahre gebraucht, bis sie andere Städte, Regionen oder Kontinente erreicht haben mit den sich daraus ergebenden direkten und indirekten Wirkungen für Handelsbeziehungen, für Wettbewerbsbedingungen usw.

Heute leben wir zum ersten Mal seit dem Auftreten des Homo Sapiens, das ist immerhin eine Zeitspanne von 40.000 Jahre, in einer Welt, in der Informationen, die es überhaupt gibt, prinzipiell überall vorhanden sind.

Hinter diesen Zustand können wir übrigens auch nie wieder zurück, wobei die Frage, ob man das ganz toll oder ganz problematisch findet, jeweils berechtigt ist, aber an dem Sachverhalt nichts ändert. Es ist sicher so und es bleibt auch sicher so.

Alain Minc, ein kluger Franzose, hat vor über zwanzig Jahren, 1998, in einem Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT gesagt: „Die Globalisierung ist für unsere Volkswirtschaften das, was für die Physik die Schwerkraft ist.“ Man muss sie nicht mögen, aber es empfiehlt sich, sich darauf einzustellen. Das wäre auch meine Empfehlung.

Wir sollten uns darauf einstellen, denn sie findet sicher statt. Mit oder ohne unsere Beteiligung. Was dann doch die Schlussfolgerung nahe legt, dass es klüger sein könnte, dass wir uns beteiligen, als dass wir uns nicht beteiligen.

Aber richtig ist – und das führt mich zu der ersten vorhin genannten Frage, wie wollen wir eigentlich zusammenleben –, dass die Wahrnehmung dieser Veränderungen all dessen, was sich unter dem Sammelbegriff „Globalisierung“ abspielt, bei verschiedenen Menschen durchaus ganz unterschiedliche Stimmungen, Hoffnungen, Erwartungen und Befürchtungen erzeugt. Es gibt Leute, die finden das ganz toll und sagen, wir leben in der Zeit, in der es vermutlich die größten nachhaltigsten Veränderungen in der kürzesten Zeit der Menschheitsgeschichte gegeben hat und wir sind dabei – toll.

Und es gibt andere, die sagen: Ich wüsste eigentlich gerne, worauf das hinausläuft und weiß es nicht. Ich hätte gerne Einfluss darauf, in welche Richtung sich das verändert, und sehe nicht, dass ich darauf Einfluss habe. Das macht mir Angst; das macht mich mindestens skeptisch, das lässt mich zweifeln an einem Fortschritt, von dem ich nicht weiß, ob er sich wirklich als Fortschritt erweist.

Mein Eindruck ist jedenfalls, dass das Bedürfnis nach Verwurzelung, nach einem irgendwo konkreten oder imaginären Platz in einer Welt und auf einer Welt, die sich immer schneller verändert, in Zeiten der Globalisierung nicht zurückgegangen, sondern gewachsen ist.

Je mehr Leuten bewusst wird, dass wir in einer globalen Welt leben und dass es eine andere als eine globale Welt auch nicht mehr geben wird, eine Welt, die immer größer wird und gleichzeitig immer kleiner wird, in der es immer mehr immer schnellere Veränderungen gibt, wird das Bedürfnis nach Verwurzelung, nach einem gefühlt sicheren Platz immer größer.

Früher, als auch und gerade hier, in Überlingen, hier am Bodensee für die allermeisten Menschen der eigene Gesichtskreis und der Ort, an dem man wohnte, zumeist geboren und aufgewachsen war, mehr oder weniger übereinstimmte, bedeutete Heimat im Ergebnis gleichzeitig die Welt. Außer dem eigenen Ort kannte man die Welt nicht. Oder anders herum formuliert: Man kannte die Welt als den eigenen Ort.

Heute erwarten manche umgekehrt, dass die ganze Welt die Heimat, die neue Heimat sein solle und wir alle zu Weltbürgern geworden seien oder werden müssten. Ich bezweifle sehr, dass ein größerer Gesichtskreis und weltweite Mobilität die Heimat größer oder gar die Welt zur Heimat machen.

Auch Europa, das uns längst selbstverständlich geworden ist, wird natürlich nicht als Heimat wahrgenommen. Dafür ist Europa als Heimat zu groß und stiftet nur, wie wir ja auch immer wieder gelegentlich unangenehm erinnert werden, begrenzte Identität. Das wird kleinen Orten und Regionen immer eher und besser gelingen als großen Zusammenschlüssen.

Ich habe im Übrigen auch Zweifel daran, ob die selbstzugeschriebene Weltläufigkeit von modernen Jetsettern wirklich ausgeprägter ist als bei so solitären Gestalten wie Immanuel Kant, der bekanntlich nie aus seiner Heimatstadt Königsberg herausgekommen ist und trotzdem nicht nur seine damalige Welt besser verstanden hat als manche andere Zeitgenossen.

Wenn es aber richtig ist, dass es ein Identifikationsbedürfnis gibt, dass dieses Bedürfnis nach Beheimatung ein Fundamentalbedürfnis von Menschen ist und dass es in Zeiten der Globalisierung nicht kleiner, sondern eher größer wird, dann ist der Blick auf die Veränderungen, die wir in unseren Gesellschaften längst beobachten können und die sich auch weiter fortsetzen, umso notwendiger und die Auseinandersetzung mit der Frage, was macht das eigentlich mit unserer Gesellschaft.

Ich will auf zwei Veränderungen unter vielen nur beispielhaft hinweisen, die dabei eine Rolle spielen: Das eine ist der unaufhaltsame Prozess der Verstädterung. Wir feiern heute ganz selbstverständlich ein Stadtjubiläum, kein Ortsjubiläum. Zu dem Zeitpunkt, als Überlingen entstand, war nicht nur Überlingen keine Stadt, es gab eigentlich keine Städte. Die ersten Städte haben sich im ersten Jahrtausend in Asien entwickelt, von den antiken griechischen Stadtstaaten einmal abgesehen.

Dass Menschen in der Regel in Städten zusammenleben, ist nicht nur nicht die prägende Wirklichkeit der großen Mehrzahl der Jahre in der Geschichte der Menschheit, auch nicht dieser Stadt gewesen, sondern eine vergleichsweise junge Errungenschaft.

Ich will zwei Zahlen nennen: Noch 1800, das ist jetzt menschheitsgeschichtlich betrachtet vergleichsweise kurz zurückliegend, haben auch in Deutschland – korrekt muss man sagen: in der deutschen Bevölkerung, denn einen deutschen Nationalstaat gab es damals nicht – noch 75 Prozent der Menschen auf dem Land gewohnt und etwa 25 Prozent in sich allmählich bildenden oder gebildeten Städten.

1950, das ist jetzt gerade ein gutes halbes Jahrhundert her, hat noch über siebzig Prozent der Weltbevölkerung in ländlichen Regionen gelebt und weniger als dreißig Prozent in Städten.

Seit 2008, das ist nun buchstäblich seit gestern, wohnt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Der letzte erfasste Stand von 2018 ist: 55,3% von 7,5 Milliarden Menschen leben heute in Städten. Und dieser Trend setzt sich fort.

Fast alle damit verbundenen Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten, jedenfalls nicht in zumutbarer Zeit mit Blick auf die Planung des heutigen Vormittags. Aber dass das nicht nur was mit Statistik zu tun hat, wie sich eine wachsende Bevölkerung in welcher Weise in einem Territorium verteilt, das wird den meisten von Ihnen auch ohne jede weitere Erläuterung sofort einleuchten.

Ich will auf einen zweiten Punkt aufmerksam machen, bei dem nun allerdings die Entwicklung in Deutschland und in Europa sich beinahe vom Rest der Welt unterscheidet, und das ist die zunehmende Alterung unserer Gesellschaft. Der Oberbürgermeister hat mich vorhin aufgefordert zu sagen, ich solle erzählen, ob dieses nächste Jahrzehnt ähnlich goldene 20er Jahre werden, wie es die 20er Jahre vor hundert Jahren auch nicht gewesen sind. Das kann ich Ihnen in zehn Jahren etwas genauer beantworten als heute, aber eines beispielsweise wissen wir jetzt schon: Wir werden in zehn Jahren, also 2030, drei Millionen mehr Rentner und fast vier Millionen weniger Erwerbstätige haben. Dass das mehr ist als eine statistische Ansage, sondern eine beachtliche Herausforderung – nämlich: wie gehen wir um mit Situationen, die im Übrigen nicht wie Naturereignisse über uns gekommen sind, sondern die Folgen unserer eigenen Entscheidungen sind – daran wird man auch und gerade aus Anlass eines Jubiläums erinnern dürfen.

Wir müssen uns heute in einer ganz anderen Weise als früher mit der Frage beschäftigen: Was stiftet eigentlich den inneren Zusammenhalt von Gesellschaften, schon gar, wenn durch die ungleich einfacheren, günstigeren, preiswerteren, schnelleren Mobilitätsmöglichkeiten einer globalen Welt immer mehr Menschen im Verlaufe ihres Lebens immer größere Distanzen zu dauerhaften oder vorübergehenden Veränderung ihres Lebensmittelpunkts für sich vornehmen?

Eines wird man ganz sicher sagen können: Unabhängig von vielen Aspekten, über die in diesem Zusammenhang der Streit nicht nur erlaubt, sondern nötig ist, ausnahmslos jede Gesellschaft, jede moderne wie jede archaische Gesellschaft braucht ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten, Erfahrungen und Traditionen, an Rechten und Pflichten, an Orientierungen und Überzeugungen, die alle, die zusammenleben, miteinander teilen; ohne die es jedenfalls den inneren Zusammenhalt nicht länger gibt, auf denen genau dieses Zusammenleben beruht.

Natürlich kann eine freie Gesellschaft nie eine konfliktfreie Gesellschaft sein. Die Errungenschaft der Durchsetzung von wechselseitigen Freiheitsansprüchen wird logisch zwingend mit dem Preis bezahlt, dass sich ständig unterschiedliche Erwartungen, Ansprüche, Hoffnungen wechselseitig im Weg stehen.

Aber dann muss es doch mindestens die Einsicht geben, dass sich eine moderne, aufgeklärte, freie Gesellschaft die unvermeidlichen Konflikte, die sich aus diesen wechselseitigen Freiheitsversprechen ergeben, überhaupt nur erlauben kann, wenn es mindestens einen Konsens darüber gibt, wie diese Konflikte auszutragen sind, was die Regeln sind, an die sich jeder halten muss, wenn er seine Freiheitsansprüche für sich reklamiert. Ohne ein Mindestmaß an Konsens in einer Gesellschaft, auch und gerade in einer modernen Gesellschaft, hält eine Gesellschaft die Konflikte nicht aus, die die unvermeidliche Folge eines wechselseitigen Freiheitsversprechens sind.

Zu den Komplizierungen der Welt, in der wir leben – die sich im Übrigen natürlich nicht nur auf der ganz großen Ebene beim UN-Sicherheitsrat in New York oder in Europäischen Räten in Brüssel, sondern ganz sicher auch im Stadtrat von Überlingen und in welchen Körperschaften auch immer beobachten lassen –, ist die Neigung, immer detailliertere, spezifischere Interessen mit immer größerer Hartnäckigkeit zu verfolgen und den Rest der Welt um das eigene Interesse herum zu organisieren.

Ich bin kein Kulturphilosoph, aber subjektiv ziemlich sicher, dass diese erstaunliche Begabung, immer spezifischere Interessen für immer wichtiger zu halten und immer hartnäckiger gegenüber dem Rest der Welt einzufordern, mit dem Gefühl der Sicherheit der Rahmenbedingungen zu tun hat, indem man sich genau diese luxuriöse Gewohnheit erlauben kann. Ohne sich allerdings mit der Frage zu beschäftigen, wie lange wohl diese Rahmenbedingungen halten, wenn immer mehr sich genau auf diesen – ich formuliere es jetzt mal etwas platt – „Egotrip“ begeben, dass nichts interessiert außer das eigene Interesse.

Wie reden wir eigentlich miteinander? Es gehört zu den auch nicht von allen in gleicher Weise geschätzten, aber jedenfalls nicht übersehbaren Besonderheiten der neuen Welt, in der wir leben, dass wir seit etwa zwanzig Jahren den gründlichsten, weitreichsten, im Wortsinn revolutionären Veränderungsprozess mit Blick auf Informationen erleben, den es in der Menschheitsgeschichte jemals gegeben hat.

Auch das gehört inzwischen zu der uns natürlich längst vertrauten neuen Welt, bei der wir aber zu wenig darüber nachdenken, was diese Veränderungen eigentlich mit uns machen. Über Jahrhunderte und Jahrtausende war es nicht nur der Normalfall, dass Informationen lange brauchten, bis sie von einem Platz A an den Platz B gelangt oder von einer Person X eine Person Y erreichte. Denn der Normalfall – das Sammeln, Vermitteln und Weitergeben von Informationen – bestand darin, dass es Medien gab, in denen Profis aus der damals vergleichsweise kleinen Fülle von Informationen das aufgriffen, was ihnen relevant erschien und von dem sie den Eindruck hatten, dass es auch hinreichend geklärt war, dass es überhaupt zutrifft, bevor es weitergegeben wurde.

Das hat mit der Informationswelt, in der wir heute leben, fast nichts mehr zu tun, außer dem Umstand, dass es die alten Profis noch gibt, die aber für die tatsächliche Informationsvermittlung in unseren Gesellschaften eine immer geringere Rolle spielen.

Das kann man für eine Errungenschaft halten. Und das ist es auch. Aber ist es sicher nicht nur. Mindestens darüber wird man ja hoffentlich noch Einverständnis erreichen können, ob ich die Informationen, mit denen ich umgehe, von Leuten beziehe, die geprüft haben, ob sie zutreffen und ob sie überhaupt halbwegs relevant sind – oder ob ich das, womit ich umgehe, durch eigenes Nachfragen in einem anonymen Internet mir besorgt habe mit tausenden von Klicks, von Followern, die mir bestätigen, dass das erstens wichtig und zweitens auch wahr sei. Das ist jedenfalls nicht dasselbe. Jeder mag jetzt für sich entscheiden, ob er den früheren oder den neuen Zustand für den besseren hält. Aber uns sollte mindestens klar sein: Es ist nicht dasselbe – und das verändert die Gesellschaft.

Stand heute benutzen zwei Milliarden Menschen sogenannte Social-Media-Dienste zur Information, zur Kommunikation, zum Chatten, für Werbung und politische Propaganda. Weltweit gibt es 1,3 Milliarden Websites. Täglich kommen 150.000 hinzu. Auf Twitter werden jeden Tag 700 Millionen Nachrichten verbreitet. Rund 1,3 Milliarden Facebook-Nutzer teilen stündlich 180 Millionen Inhalte.

Nochmal: Das kann man ganz toll finden. Ich finde es auch ganz toll, aber ich finde es gleichzeitig hochproblematisch. Insbesondere finde ich hochproblematisch, dass die allermeisten der Nutzer offenkundig null Probleme mit dieser Veränderung haben und sich mit der Frage, was macht das mit uns, am liebsten gar nicht beschäftigen.

Ich habe vor einigen Monaten einen interessanten Artikel zu diesem Thema dazu in einem bedeutenden Monatsmagazin gefunden und möchte Ihnen einen kurzen Absatz daraus vortragen. Der Artikel unter der Überschrift „Lob der Blase“ ist von Jens Jessen in der Wochenzeitung DIE ZEIT zu lesen gewesen. Gemeint ist natürlich die Internetblase.

„Das Internet“, schreibt Jens Jessen, „ist zwar in der Tat ein Instrument des freien Meinungsaustausches, aber es dient nicht mehr der Befreiung, sondern der Einschüchterung. Durch das Netz ziehen marodierende Horden von Gesinnungstätern, die alles verfolgen, was ihrer Weltanschauung nicht entspricht. Den Lügen der Mächtigen werden keine Fakten entgegengesetzt, sondern Fakten werden mit Lügen niederkartätscht, für die sich der Begriff der alternativen Fakten eingebürgert hat. Das Netz selbst ist ein alternativer Raum geworden, die Alternative zur zivilisierten Welt.“

Das ist nun glücklicherweise stark übertrieben, jedenfalls als Verallgemeinerung übertrieben. Aber all das, was er hier beschreibt, das nicht nur überhaupt vorkommt, sondern immer häufiger vorkommt, dass die Art der Kommunikation in sozialen Medien anders ist als das miteinander Reden von Angesicht zu Angesicht, daran ist kein Zweifel möglich.

Was wir heute in diesen Kommunikationsmedien beobachten können, ist ein erstaunlicher Überbietungswettbewerb – eigentlich müsste man sagen Unterbietungswettbewerb – an Verdächtigungen, Beschimpfungen, Verleumdungen, Bedrohungen, die im Übrigen ja auch längst nicht mehr auf die vermeintlich harmlose Form von rausgerotzten Bemerkungen in Medien begrenzt bleiben.

Zwanzig Prozent aller Mitarbeiter in kommunalen Behörden sagen, sie seien persönlich Gegenstand solcher Beschimpfungen bis Bedrohungen. Ein immer größerer Teil von Amtsinhabern sagen, ich tue mir das nicht mehr an, jedenfalls meiner Familie nicht.

Dass die Hürde zwischen einer verbalen Bedrohung und einem tätlichen Angriff eben so groß dann auch nicht mehr ist, dafür haben wir inzwischen leider auch hinreichend viele einschlägige dramatische Beispiele.

Wir müssen uns natürlich alle miteinander mit der Frage beschäftigen, was macht diese Art von technologischem Fortschritt mit uns, mit dem, was wir damit machen können, was sich damit an Möglichkeiten, aber eben auch an Risiken ergibt.

Die künstliche Intelligenz selbstlernender Systeme aus immer gigantischeren Datenmengen eröffnet völlig neue Chancen für Wirtschaft, für Wissenschaft, für Medizin und zugleich große Risiken mit teuflischen Manipulationsmöglichkeiten.

Die ersten am Ende noch halbwegs beherrschten, aber beachtlichen Manipulationsversuche bei Wahlgängen haben wir inzwischen nicht theoretisch, sondern praktisch erlebt in großen zivilisierten Staaten. Inzwischen gibt es Videos mit technisch erzeugten Bildern und Texten, in denen uns bekannte Personen Dinge scheinbar sagen oder tun, von denen sie selber keine Ahnung haben.
Das kann man ganz toll finden. Der vermeintlich verschollene Patenonkel taucht auf einmal wieder in Bild und Text auf. Täuschend echt mit einer Stimme, an die man sich gut zu erinnern glaubt, und trägt Dinge vor, Empfehlungen, Forderungen, Bitten, denen man sich nur schwer entziehen kann, obwohl es entweder die Person gar nicht mehr gibt, die jedenfalls mit dieser Produktion nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

Wenn künstliche Intelligenz sich mit natürlicher Dummheit verbindet oder gar mit einer beinahe unbegrenzten Skrupellosigkeit, ist ganz gewiss kein Fortschritt unserer Zivilisation zu erwarten. Jedenfalls müssen wir uns damit beschäftigen, wie wir damit umgehen – in unserem ganz persönlichen Informations- und Kommunikationsverhalten und in dem der Systeme und der Regelsysteme, mit denen so was organisiert, erlaubt oder auch nicht erlaubt wird.

Zu den fatalen, beinahe unvermeidlichen Effekten dieser neuen Welt gehört, dass in der unüberschaubaren Menge von gleichzeitig eingestellten Nachrichten eine unauffällige, aber richtige Nachricht gar nicht wahrgenommen wird. Alle Beteiligten wissen auch, dass die Wahrscheinlichkeit, wahrgenommen zu werden umso größer ist, je spektakulärer die Behauptung ist, je schriller die Tonlage, je lauter die Ansage. Die beinahe sicherste Möglichkeit unter den heutigen Informationsbedingungen nicht wahrgenommen zu werden besteht darin, etwas schlicht Vernünftiges zu sagen. Es nimmt ganz sicher niemand zur Kenntnis.

Das gehört zu den Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen, ganz gewiss in diesem gerade jetzt begonnenen neuen Jahrzehnt, wo wir dazu viele Weichen vielleicht noch stellen können und spätestens jetzt stellen müssen, wenn wir nicht nach dem Zauberlehrlingseffekt Opfer des eigenen Fortschritts werden wollen.

Das führt mich zu dem letzten der angekündigten Themen. Wie stellen wir uns denn eigentlich in Zukunft Regelsysteme vor? Wer beteiligt sich an was? Wie kommen in einer modernen, aufgeklärten, weltoffenen, liberalen Gesellschaft überhaupt noch Entscheidungen zustande, die den Anspruch der Verbindlichkeit für alle eröffnen und mit Aussicht auf Erfolg reklamieren können? Auch dieses Thema ist viel umfassender und viel komplizierter, als es in wenigen Minuten vertretbarer Weise abgewickelt werden kann.

Die inzwischen am weitesten verbreitete Form der Erledigung dieser komplizierten Zusammenhänge ist genau die, die ich persönlich am wenigsten einleuchtend finde, nämlich die zunehmende Neigung zum Fundamentalismus und zum Populismus. Je komplizierter die Zusammenhänge werden, desto einfacher werden scheinbar die Antworten. Dazu zitiere ich immer gerne einen bedeutenden Iren, Georg Bernard Shaw, der vor gut hundert Jahren schon mal in einem Brief geschrieben hat: „Für jedes komplexe Problem gibt es stets eine einfache Lösung. Und die ist regelmäßig falsch.“

Von der Faszination des ersten Satzes lebt jeder Fundamentalismus und jeder Populismus. Und von der Einsicht in den zweiten Satz lebt jede vitale Demokratie.

Es kann doch bei gesundem Menschenverstand nicht richtig sein, dass in einer immer komplizierteren Welt die immer simpleren Antworten, die am ehesten richtigen sein sollen.

Es kann doch nicht überzeugend sein, dass auf einem Kontinent – auf dem wir zum ersten Mal übrigens in der Geschichte Europas in Ländern leben, in denen ausnahmslos durch freie Wahlen bestellte Parlamente und Regierungen im Amt sind – deswegen beinahe alle unterschiedlicher Meinung sind und uns wechselseitig auch ausdrücklich die Legitimation dieser unterschiedlichen Auffassungen zusagen und zubilligen, am Ende aber der Anspruch erhoben wird, es gäbe nur eine tatsächlich richtige Lösung.

Dass im 21. Jahrhundert schon gar in Deutschland mit den Erfahrungen, die dieses Land mit entsprechenden Verirrungen gemacht hat, die Parole, es gäbe so etwas wie den „wahren Volkswillen“ und den würde man nun vertreten und durchsetzen, überhaupt und in dieser Größenordnung Zustimmung findet, gehört zu den deprimierendsten Erfahrungen unseres Jahrhunderts.

Dass auf einem Kontinent, der die Aufklärung als eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit möglich gemacht hat, mit dem zentralen Gedanken der Mündigkeit des Menschen, seiner Befähigung und Erlaubnis, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, es eine erstaunliche Attraktivität für autoritäre Lösungen und autoritäre Regime gibt, macht mich hochgradig nervös.

Nur mal in Kurzfassung: Zu den leider verdrängten Lektionen der europäischen Geschichte gehört genau diese Einsicht, dass es so etwas wie einen erkennbaren Volkswillen nicht gibt, sondern dass er ein Kunstprodukt ist, das in einem öffentlichen Diskussionsprozess und in einem anschließend geregelten Entscheidungsverfahren zustande kommt, weil er als Naturprodukt nicht vorkommt.

Ich will Ihnen das an einigen Beispielen verdeutlichen.

Ob ein Staat von seinen Bürgern und deren hart verdienten Einkommen Steuern erheben soll, darüber gibt es dezidierte Vorstellungen, sicher aber keinen einheitlichen Volkswillen.

Ob es außer Einkommenssteuern auch Vermögenssteuern geben sollte und, wenn ja, in welcher Größenordnung, ob der Staat noch auf die kühne Idee kommen soll und darf, nicht nur Einkommen zu besteuern, sondern das, was die Leute aus versteuertem Einkommen kaufen, mit Umsatzsteuern zu belasten, dazu gibt es ganz dezidierte Vorstellungen, sicher aber keinen einheitlichen Volkswillen.

Ob es außer Umsatzsteuern im Allgemeinen noch so liebenswürdige Sonderinstrumente wie Weinsteuern, Sektsteuern, Biersteuern geben sollte –haben wir alles im Repertoire –, dazu gibt es sicher Willensäußerungen, aber ganz sicher keinen einheitlichen Volkswillen.

Ob die Stadt Überlingen vielleicht eine Stadthalle braucht, um nicht nur Jubiläen alle fünfzig Jahre in einer Weise feiern zu können, dass all diejenigen, die dabei sein wollen, auch dabei sein können, sondern auch andere bedeutende Kulturereignisse oder Kongresse schon gar an einer solchen, beinahe beispiellosen Kulisse angeboten werden könnten, dazu gibt es sicher dezidierte, aber eben leider unterschiedliche Auffassungen und sicher keinen einheitlichen Volkswillen.

Ob eine Gesellschaft Fremde, die hier nicht geboren sind, aufnehmen soll, wenn ja, wie viele, und wenn dann solche, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie verfolgt sind, oder freiwillig verlassen, obwohl sie nicht verfolgt sind, aber da, wo sie geboren und aufgewachsen sind, für sich und ihre Familien keine Zukunftsperspektiven haben, darüber gibt es ganz sicher keinen einheitlichen Volkswillen.

Ob man zwischen denen, die gehen müssen und denen, die gehen wollen, überhaupt unterscheiden kann, unterscheiden darf, vielleicht sogar unterscheiden muss, um das eine möglich zu machen und das andere zu vermeiden, darüber kann und muss man streiten, weil es einen einheitlichen Volkswillen nicht gibt.

Wenn Ihnen irgendjemand begegnet, der sagt, er sei Vertreter des wahren Volkswillens, dürfen Sie sicher sein, er ist sicher keiner, weil er schon die Geschäftsgrundlage demokratischer Entscheidungsprozesse entweder nicht begriffen hat oder souverän nicht zur Kenntnis nimmt.

Die Geschichte der Demokratie beginnt mit der Einsicht in die Aussichtslosigkeit einer abschließenden Beantwortung der Wahrheitsfrage. Wir wissen nicht, was wahr ist. Und weil wir es nicht wissen und leider auch nicht wissen können, müssen wir uns wechselseitig zubilligen, dass jeder das vertreten darf, was er selber für wichtig, richtig oder bedeutsam hält, was er vielleicht auch für wahr hält und deswegen glaubt, weil er es nicht weiß – wenn er es wüsste, müsste er das ja nicht glauben –, und dass wir uns deswegen in Ermangelung der Möglichkeit, die Wahrheit festzustellen, darauf verständigt haben, für ausnahmslos alle einschlägigen Auseinandersetzungen Entscheidungen durch eine Verfahrensregel zustande kommen zulassen, die darauf beruht, dass am Ende das gilt, was die Mehrheit entscheidet. Das ist dann übrigens nicht wahr – es gilt nur.

Dies ist auch wieder eines der vielen Missverständnisse, die vor allen Dingen an Wahltagen besonders ausgeprägt sind, wo dann siegreiche Parteien mit Brustton der Überzeugung den eigenen Wahlsieg als Nachweis der Richtigkeit der eigenen Position ausgeben. Die Wahrheit ist, hätten sie diesen Nachweis führen können, hätten die Wahlen gar nicht stattfinden müssen.

Deswegen will ich zum Schluss meiner Betrachtungen über erbauliche und weniger erbauliche, ermutigende und ernüchternde Zukunftsperspektiven an ein anderes, deutlich kleineres, aber ähnlich bedeutendes Jubiläum erinnern, das wir im vergangenen Jahr eben auch nicht wirklich gefeiert haben, aber an das wir aus guten Gründen erinnert haben.

Im vergangenen Jahr ist nicht nur das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland siebzig Jahre alt geworden. Gleichzeitig haben wir den hundertsten Geburtstag der ersten Verfassung einer deutschen demokratischen Republik begangen, nämlich der Verfassung, die nach Abdankung der Monarchie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – übrigens auch nicht in Berlin, sondern in Weimar – von einer verfassungsgebenden Nationalversammlung erarbeitet wurde und die zur demokratischen Grundlage einer ersten deutschen Republik werden sollte, die keine 14 Jahre alt geworden ist.

Die erste deutsche Demokratie ist an vielem gescheitert, sicher nicht an ihrer Verfassung. Wenn Sie sich, was ich Ihnen ernsthaft empfehle, gelegentlich mal an einem verregneten Sonntagnachmittag die Freude machen, die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz nebeneinander zu legen und hintereinander oder nebeneinander zu lesen, werden Sie erstaunliche Entdeckungen machen: Die Weimarer Verfassung liest sich ähnlich gut wie das Grundgesetz. Viele Bestimmungen, viele Regelungen, sogar viele Formulierungen sind sehr ähnlich, manchmal sogar identisch.

Es würde jetzt entschieden zu weit führen, die natürlich auch bedeutenden Unterschiede im Einzelnen hervorzuheben, aber auf eines kommt es mir an, und darauf möchte ich schon hinweisen, dass die Weimarer Demokratie nicht einmal volljährig geworden ist; sie ist nicht an fehlenden klugen Formulierungen der Verfassung gescheitert, sondern am unzureichenden Engagement der Demokraten.

Der Weimarer Demokratie ist gelegentlich von Historikern vorgeworfen worden, sie sei eine Demokratie ohne Demokraten geworden. Das ist wiederum übertrieben. Es gab Demokraten. Es gab leidenschaftliche Demokraten. Aber das ist sicher einer der deutlichen und auch ermutigenden Unterschiede der beiden deutschen Demokratien: Unter den leidenschaftlichen Demokraten, die es auch in der Weimarer Zeit zweifelslos gab, war der Rivalitätsreflex untereinander, das Konkurrenzdenken untereinander noch ausgeprägter als das Bewusstsein einer gemeinsamen Verantwortung für einen demokratischen Staat.

Dass diese zweite deutsche Demokratie unter vielerlei Gesichtspunkten stabiler, offensichtlich besser gelungen ist als die erste, gehört zu den dankbaren Erinnerungen an die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts, die so völlig anders verlaufen ist als die erste Hälfte, aber es gehört ganz sicher nicht zu den Selbstverständlichkeiten der Welt, in der wir leben.

Der eine oder andere wird sich vielleicht daran erinnern, dass es in den frühen 90er Jahren nach dem Fall der Berliner Mauer, nach dem Sturz der kommunistischen, sozialistischen autoritären Systeme in Mittel- und Osteuropa, nach dem Zusammenwachsen eines scheinbar ewig und immer getrennten europäischen Kontinents eine große Euphorie gab, nun seien die großen Menschheitsfragen geregelt und am Siegeszug der Demokratie könne kein ernsthafter Zweifel mehr sein.

Es gab damals ein berühmtes Buch eines amerikanischen Politikwissenschaftlers, das innerhalb weniger Wochen zum Weltbesteller wurde mit dem bescheidenen Titel „Das Ende der Geschichte“. Francis Fukuyama, so hieß der heute noch lebende Autor, hat damals natürlich nicht das Ende der Geschichte im Sinne von unmittelbar bevorstehendem jüngsten Gericht angekündigt, aber er hat geglaubt und gemeint und geschrieben, einige der großen Fragen der Menschheit sind geklärt, darunter die, wie Menschen ihr Zusammenleben regeln wollen. Natürlich als Demokratie. Alles andere ist in einer aufgeklärten Welt des 21. Jahrhunderts gar nicht mehr vorstellbar.

Jetzt sind wir keine dreißig Jahre weiter und all die Fragen, die scheinbar ein für alle Mal geklärt waren, sind wieder auf der Tagesordnung. Nichts ist sicher, wenn wir nicht dafür sorgen, dass es sicher bleibt oder sicher wird.

Wenn es denn einen wirklich fundamentalen Unterschied gibt zwischen demokratischen und nicht-demokratischen Systemen, dann ist es genau der, dass Demokratien mit dem Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger stehen und fallen. Stehen und fallen! Autoritäre Systeme brauchen kein bürgerschaftliches Engagement. Sie mögen es auch nicht. Da, wo es stattfindet. wird es unterbunden, wenn es nicht anders geht, mit rabiatesten denkbaren Mitteln.

Demokratische Systeme erlauben nicht nur Engagement, sie brauchen es. Und wie die deutsche Geschichte zeigt, sie existieren als Demokratien auch nicht länger als es dieses auf Dauer angesetzte Engagement tatsächlich gibt.

Die gelegentlich unangenehme Einsicht, dass eine Auffassung, die ich nicht teile, die ich ablehne, mindestens zulässig ist, vielleicht sogar richtig, dass jedenfalls die Aufrechterhaltung eines Regelsystems unverzichtbar ist, das jedem die Möglichkeit gibt, seine Auffassung zu sagen, aber auch jeden zwingt, sich an die Regeln zu halten, unter denen Entscheidungen zustande kommen, gehört zu den unaufgebbaren Errungenschaften der europäischen Zivilisation. Und wir müssen sie in einer Weise neu entdecken, von der ich vor zwanzig Jahren nicht vermutet hätte, dass ich aus Anlass des 1250. Stadtjubiläums von Überlingen an eine solche offensichtlich verschüttete Einsicht noch einmal erinnern muss.

Dies ist Ihre Stadt. Das ist unser Land. Unser Europa mit seiner Zivilisation, der Aufklärung, der Toleranz von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit einer rechtstaatlich verfassten Demokratie. Ob das auch unsere Zukunft ist, ist nicht sicher. Ob die Zukunft früher besser war oder besser wird als das, was früher war, entscheiden wir. Sie und ich. Das ist unsere Chance, aber es ist eben auch unsere Verantwortung.

In diesem Sinne gratuliere ich der Stadt zu ihrem stolzen Geburtstag und wünsche allen Bürgerinnen und Bürgern mit Erst- und Zweitwohnsitz, mit Urlaubs- und Badesitzen für die nächsten 1.250 Jahre alles Gute.


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