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Schmeichelnd? Hold? Und lieblich? Die "Chorfantasie" im Schatten der Neunten
FAZ, 25. Mai 2020

In Beethovens „Chorfantasie“ beginnt das Chorfinale mit den Worten „Schmeichelnd hold und lieblich klingen unsers Lebens Harmonien“. Gerade diese Attribute werden mit dem Menschen Beethoven und seiner Musik am wenigstens verbunden. Beethoven selbst fand den Text wohl wenig schmeichelhaft, geschweige denn hold und lieblich. Wobei: Richtig einzuschätzen ist seine Meinung in dieser Sache im Rückblick kaum. Dies eines der vielen kleinen Mysterien, die sich um den weltberühmten Komponisten ranken.

Die „Chorfantasie“ zählt zu seinen weniger bekannten Werken, obwohl - oder gerade weil - sie auch die „Kleine Neunte“ genannt wird, was ihren Bekanntheitsgrad wiederum erklärt: Im Schatten der neunten Sinfonie verblassen andere Werke unweigerlich - und unberechtigterweise. Dank der Anfrage eines deutschen Opernhauses, mit der Bitte um einen anderen Text, habe ich mich mit Blick auf das Beethovenjahr intensiv mit der „Chorfantasie“ beschäftigt.

Als ich sie als junger Mann erstmals hörte, fühlte ich mich förmlich überrumpelt und mitgerissen: ein Klavierkonzert, dessen erster stürmischer Satz wider Erwarten nicht in einen langsameren, ruhigeren Satz mündet, sondern in einem überraschenden, oratorienhaften Chorsatz gipfelt. Mich fasziniert, wie Beethoven hier wie so oft ein konventionelles Format aufbricht und es über sich hinausführt.

Auch als Kompositionsstudie beeindruckt mich das Werk: Zeit seines Wirkens verfolgte Beethoven den Gedanken, Schillers Gedicht „An die Freude“ zu vertonen. Tatsächlich griff er es aber erst im Schlusssatz seiner letzten vollendeten neunten Sinfonie auf als Text für das Chorfinale. Die zugrundeliegende Melodie aber hat er zuerst in der „Chorfantasie“ 1808 verwendet, die ihm bereits da so wichtig war, dass er erst die Komposition fertigstellte und dafür dann den Text verfassen ließ. Davon nur mäßig begeistert, schrieb er seinem Verleger 1810, dass dieser für die „Chorfantasie“ „vielleicht einen anderen Text unterlegen“ wolle, da sie „das Werk einer sehr kurzen Zeit war“. Zwei Monate vor der Uraufführung der neunten Sinfonie, im März 1824, heißt es dann aber in einem seiner Briefe, dass die neunte Sinfonie eine Version von Schillers Gedicht ähnlich seiner Chorfantasie sei - nur in größerem Rahmen.

Wobei man sagen muss: Rahmen kannte Beethoven an sich nicht, schon gar nicht als verbindliche Vorgaben. Wie kaum ein anderer Künstler hat er bekannte Rahmen aufgebrochen, ohne sie zu zerstören; er hat sie aufgegriffen und neuartig erweitert. Er hat traditionelle Stile und Formate aufgenommen und in oft unerhörter Weise weiterentwickelt. Für Adorno beginnt mit Beethoven die neuere Musikgeschichte, weil er mit Tradiertem breche - nicht, weil er es ablehne oder verschwinden lassen wolle, sondern weil er es aufbreche und Neues daraus forme.

Diese Verbindung von Tradition und Moderne macht sein OEuvre bis heute einzigartig - und in gewisser Weise zeitlos. Tabea Zimmermann konstatierte in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 17. Januar) kürzlich: „Was kann man Größeres schaffen, als das Zeitgefühl zu überwinden?“ - und das in der Phase eines kulturellen Epochenwandels. Beethoven ist der letzte Klassiker und zugleich der erste Romantiker. Ebenso lässt sich sagen: Er ist weder das eine noch das andere. „Mit Entweder-oder ist Beethoven nicht beizukommen“, meint Thea Dorn zu Recht („Die Zeit“ vom 3. Januar) und beschreibt seine Musik zutreffend als „zärtlich und brachial, verspielt und humorlos, heiter und verheert“.

Das Beethovenjahr bietet Anlass, den einen wie den anderen Beethoven wiederzuentdecken.


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