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Der Parlamentarier. Die Debatten-Kultur als Seele der Demokratie - Nachruf auf Norbert Blüm
Soziale Ordnung - Sonderausgabe anlässlich des Todes von Norbert Blüm 2020

Im Parlament schlägt bekanntlich das Herz der Demokratie; zum Schlagen bringen es aber erst die Parlamentarier: Sie sind es, die die Volksvertretung und die repräsentative Demokratie mit Leben füllen. Sie debattieren und argumentieren, verhandeln und schließen Kompromisse. Ganz in diesem Sinne war Norbert Blüm ein Paradebeispiel für einen leidenschaftlichen Parlamentarier – nicht nur, aber vor allem, wenn es um den deutschen Sozialstaat ging. Fast drei Jahrzehnte prägte er die arbeits- und sozialpolitischen Debatten im Deutschen Bundestag wie kein anderer.

Aus der Retrospektive steht seine parlamentarische Aktivität im Schatten seiner langjährigen Amtszeit als Minister für Arbeit und Sozialordnung unter Bundeskanzler Helmut Kohl; der Name Blüm ist untrennbar verbunden mit der Rentenpolitik und der Pflegeversicherung. Doch zugleich war er ein leidenschaftlicher Parlamentarier; aufgrund seines Lebensweges, seiner moralischen und religiösen Überzeugungen sowie seines Charakters vereinte er viele Eigenschaften, die einen ausgezeichneten Abgeordneten ausmachen.

Ganz oben auf der Liste dieser Eigenschaften steht die Bereitschaft und die Fähigkeit, zu debattieren und zu kommunizieren. Das ist weniger banal, als es auf den ersten Blick scheint. Denn obwohl es eigentlich eine Selbstverständlichkeit für einen Parlamentarier sein sollte, ist dies nicht jedermanns Stärke; Norbert Blüm aber hat sie hervorragend beherrscht. Wenn er sprach, dann hat man ihm gerne zugehört. Das heißt natürlich nicht, dass jede und jeder zu jeder Zeit mit ihm einverstanden war, aber wenn Norbert Blüm sprach, hat man ihn verstanden und ernstgenommen. Übrigens nicht nur zu sozialpolitischen Themen.

In der Berlin-Bonn-Debatte formulierte er im Bundestag den schönen Satz: „Ein Staat, der mit dem Leben nicht rückgekoppelt ist, ist ein fremder, ferner, ein kalter Staat.“ Das hat auch viel über Blüm und sein Selbstverständnis als Parlamentarier ausgesagt. Vom Werkzeugmacher und Gewerkschafter übers Abitur auf dem zweiten Bildungsweg zum geisteswissenschaftlichen Studium bis hin zur Promotion in Philosophie – Norbert Blüm wusste um die Macht der Sprache und der Kommunikation in der Politik. Er wusste aber auch, dass zu einer guten Debattenkultur nicht nur das Reden gehört, sondern auch das Zuhören. Sein Verständnis als Volksvertreter im Bundestag hat er wörtlich genommen und diejenigen repräsentiert, die ansonsten wenige Fürsprecher hatten; er hat den Schwachen der Gesellschaft seine kämpferische Stimme gegeben – zu Hause und notfalls auch vor ausländischen Potentaten.

Dabei ging er dem Streit in der Sache nie aus dem Weg, sondern vertrat leidenschaftlich und eloquent seinen Standpunkt – ohne dabei seinen rheinischen Humor und schon gar nicht sein grundfreundliches hessisches Idiom aufzugeben. Das Machbare hat er dabei nie aus den Augen verloren; stets verstand er es, seine Grundsätze mit dem notwendigen Pragmatismus zu verbinden. Ihm war es wichtig, Menschen zu helfen – ohne ideologische Scheuklappen und rhetorische Taschenspielertricks.

Die Demokratie ist auf Parlamentarier wie Norbert Blüm geradezu angewiesen, sie verkörpern das, was die Vitalität einer Demokratie im doppelten Wortsinn ausmacht: Streitkultur. Wir werden sein politisches Erbe und seine Leidenschaft in dankbarer Erinnerung bewahren.


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