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Festvortrag beim Festakt im Rahmen des Kongresses „… damit Du Hoffnung hast!“ anlässlich 70 Jahre Katholische Elternschaft Deutschlands
Würzburg, 15. März 2024

Guten Abend, meine Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Vorsitzende, liebe Frau Kastner,
Herr Oberbürgermeister,
meine Herren Domkapitulare,
Herr Scheller,
liebe aktive und ehemalige Abgeordnete,
verehrte Gäste,

als ich vor erstaunlich langer Zeit die Anfrage von Frau Kastner bekam, ob ich mir vorstellen könnte, die Festrede beim 70. Geburtstag der KED zu halten – unter ausdrücklichem Hinweis auf meine Mitwirkung beim 60. Geburtstag –, habe ich mich gefreut und dann anschließend fast erschrocken, weil die naheliegende Spekulation, ich könnte in zehn Jahren wieder eingeladen werden, dann zum 80. Geburtstag, schon beinahe übermütig ist, zumal ich nachweislich noch ein paar Jahre älter bin als der Verband, dem ich zu seinem 70. Geburtstag herzlich gratulieren möchte.

„Hoffnung in Krisenzeiten“ – die Ansage des Themas ist denkbar knapp und denkbar klar. Es geht um Krisen und es geht um Hoffnung und offensichtlich um die Frage, wie das eine mit dem anderen in Verbindung gebracht werden kann. Ich will versuchen, diese Frage mit drei Hinweisen zu beantworten, die alle nicht von mir sind; drei klugen Beobachtungen, Appellen und Empfehlungen; von einem Deutschen, einem Tschechen und einem Russen. Der erste Satz ist von dem berühmten Münchner Kabarettisten Karl Valentin und lautet: „Die Zukunft war früher auch besser.“ Der zweite Satz ist von Václav Havel – dem ersten frei gewählten Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, der als Bürgerrechtler und bekannter Autor großen Anteil an dem Veränderungsprozess hatte, der sich damals nicht nur, aber auch in seinem Land vollzog – und lautet: „Hoffnung ist nicht die Gewissheit, dass etwas gut ausgeht, sondern die Überzeugung, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Der dritte Hinweis, auf den ich mich gerne beziehen möchte, ist in diesen Tagen und Wochen besonders aktuell. Er ist von Boris Pasternak, dem russischen Nobelpreisträger – der im Übrigen, wie manche spätere Friedensnobelpreisträger aus Russland auch, den ihm zugedachten Preis nicht annehmen durfte –,der in seinem großen Roman „Doktor Schiwago“ folgenden Hinweis und Appell formuliert hat: „Niemals und unter keinen Bedingungen dürfen wir verzweifeln. Zu hoffen und zu handeln, das ist unsere Pflicht im Unglück. Tatenlose Verzweiflung bedeutet so viel wie die Pflicht vergessen und sich ihr zu entziehen.“

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass der vorhin vorgetragene Satz von Karl Valentin in den letzten Wochen und Monaten immer mal wieder in Aufsätzen, Reden, auf Kalenderblättern auftaucht. Wenn man die Entstehungszeit kennt, vor fast hundert Jahren, dann war dieser Satz „Die Zukunft war früher auch besser.“ schon damals nicht annähernd so witzig, wie er sich anhört, sondern er bringt eine Besorgnis zum Ausdruck, die es damals gab und die es heute auch bei vielen wieder gibt: Die Besorgnis nämlich, wir könnten unsere besten Zeiten hinter uns haben. Diese Besorgnis ist sicher nicht nur eingebildet, denn dass wir mit einer bemerkenswerten, seltenen, manche sagen auch einzigartig geballten Ladung von Krisen und Kriegen gleichzeitig konfrontiert sind, das ist nun nicht zu bestreiten und prägt die öffentliche Wahrnehmung und Stimmung.

Wir haben gerade eine große Pandemie hinter uns, und renommierte Virologen sagen, uns stehen weitere sicher bevor. Die Frage ist nicht, ob es sie geben wird, sondern wann und wie sie ausfallen werden. Dass diese große Pandemie nicht nur tausende Tote verursacht hat, sondern auch in die Lebenswirklichkeit, in ihre beruflichen Anforderungen und Ambitionen, wie in familiäre, ganz private Angelegenheiten tief eingegriffen und nachhaltige Wunden hinterlassen hat, das muss ich im Einzelnen gar nicht erläutern.

Wir haben es seit geraumer Zeit und sicher für mindestens noch einmal so viel Zeit, mit einem Klimawandel zu tun, von dem sich als Zwischenresümee vielleicht sagen lässt, dass wir inzwischen begriffen haben, dass er stattfindet und wir dagegen was unternehmen müssen. Dass wir ihn bewältigt hätten, wird niemand auch nur ernsthaft vortragen wollen.

Wir haben durch die Digitalisierung von Daten und Informationen den größten Umsturz in den Kommunikationsbedingungen der Menschheit seit der Erfindung des Buchdrucks, und weil inzwischen beinahe alle mit den technischen Optionen digitalen Datenaustausches mehr oder weniger virtuos umgehen, werden vor lauter Begeisterung über die damit zweifellos verbundenen neuen Chancen und Optionen, die damit verbundenen Risiken meist übersehen oder sorgfältig verdrängt. Wir stehen vor der nächsten großen technologischen Revolution, die mit der Künstlichen Intelligenz verbunden wird. Wobei ich gelegentlich den Eindruck habe, dass die riesigen, beinahe euphorischen Erwartungen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz sich vielleicht auch durch die ernüchternden Erfahrungen erklären, die man mit natürlicher Intelligenz gemacht hat.

Wir leben in Zeiten der Globalisierung, was die wenigsten von Ihnen jetzt in der Abteilung „Krisen und Herausforderungen“ spontan einsortieren würden. Tatsächlich gehört es aber zu den Veränderungen der Welt in der wir leben und in deren vielfältigen Implikationen wir uns, wenn überhaupt, nur sehr selektiv auseinandersetzen. Die Welt ist größer geworden, als sie jemals zuvor war. Mehr als acht Milliarden Menschen leben auf diesem Globus. Vor hundert Jahren waren es keine zwei. Gleichzeitig ist diese Welt kleiner geworden, als sie jemals war. Wozu wiederum nichts mehr beigetragen hat, als die veränderten Kommunikationsmöglichkeiten. Was immer in der Welt heute stattfindet, wird an jedem anderen Platz der Welt gleichzeitig wahrgenommen. Zu den grundstürzenden Veränderungen digitaler Kommunikation gehört genau dieser Effekt, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine Information, eine Entwicklung, eine Erfindung, die es überhaupt gibt, prinzipiell an jedem Platz der Welt gleichzeitig verfügbar ist. Wenn ich darüber gelegentlich früher mit meinen Kindern darüber gesprochen habe, war die Reaktion eher gelangweilt: „So what!? So war das doch immer.“ Und daran erkennt man schon: Das ist die erste Generation, die in einer digitalen Welt aufgewachsen ist, für die der Umgang mit dieser zeitgleichen Verfügbarkeit von Informationen der Normalzustand ist. Wenn ich dann gelegentlich darauf hingewiesen habe, dass die Menschheit, wenn man sie mal mit dem Homo Sapiens beginnen lässt, einige 10.000 Jahre gebraucht hat, um diesen vermeintlichen Normalzustand zu erreichen, gab es schon mal Anflüge von Beeindruckung. Aber was dies tatsächlich bedeutet, nicht nur, aber auch und gerade für die Wettbewerbsbedingungen von Ländern, von Unternehmen, von Betrieben; aber eben nicht nur ökonomisch bedeutet, sondern auch für die Lebensperspektiven von Menschen, das wird uns dann mit einer Herausforderung deutlich, die die Allermeisten vermutlich gar nicht in einen Kausalzusammenhang zu digitaler Kommunikation bringen, aber ganz sicher einen solchen Zusammenhang aufweist, nämlich den großen Migrationen, mit denen wir zu tun haben. Von den acht Milliarden Menschen, die auf dieser Welt leben, haben fünf Milliarden Zugang zum Internet, und um es nur an diesem praktischen, beinahe banalen Beispiel zu verdeutlichen: Selbst unter den ärmlichsten Verhältnissen in den vernachlässigsten Regionen Afrikas gibt es den Anschluss an diese Form der technischen Kommunikation. Das heißt, sie wissen nicht nur, in welchen Verhältnissen sie leben, sondern sie wissen auch, welche Verhältnisse es anderswo gibt, und das erklärt beinahe hinreichend, warum sich so viele aufmachen, weil die Diskrepanz so entsetzlich groß ist, dass auch dann, wenn sie dort, wo sie leben, nicht verfolgt und nicht bedroht sind, die Aussicht auf ein gelingendes Leben außerhalb der eigenen Herkunftswelt um Längen größer erscheint als da, wo man geboren und aufgewachsen ist.

Es gibt Krisen, auch im Inneren moderner, aufgeklärter, demokratisch verfasster Gesellschaften. Wir haben nicht nur, aber auch in Deutschland mit Populismus, mit Extremismus, mit Antisemitismus zu tun, und dass es überhaupt und ausgerechnet in einem Land wie Deutschland mit seiner besonderen Geschichte, nicht nur den nachhaltigen Immunisierungseffekt eben doch nicht gibt, den wir uns mindestens gewünscht, vielleicht auch erwartet hätten; und dass der entsetzliche Krieg, der jetzt im Nahen Osten zum sechsten Mal in den letzten achtzig Jahren geführt wird, in Deutschland zu einem massiven Anstieg von Antisemitismus führt, übrigens auch von Antiislamismus, mit teilweise auch gewalttätigen Übergriffen gegenüber Personen und Institutionen, die man nicht mag – das gehört zu den erstaunlichen, bemerkenswerten, bedrückenden Krisenerfahrungen der Gegenwart, mit denen wir zu tun haben.

Von der Krise der Kirche im Allgemeinen und der Katholischen Kirche im Besonderen, muss ich jetzt vor einem sachkundigen Publikum gar nicht besonders reden. Auch da spricht manches für die Vermutung, dass es die größte Krise seit der Reformation ist, in der sie sich befindet.

Wie werden wir damit fertig? Können wir damit überhaupt fertig werden? Schaffen wir das?

Die allgemeine Lebenserfahrung ist, je stärker Menschen mit Krisen und Kriegen konfrontiert werden, mit Pandemien, mit Naturkatastrophen, desto wichtiger und stärker wird für sie die Hoffnung. In Zeiten von Kriegen hoffen die Menschen auf Frieden. In Zeiten von Unterdrückung sehnen sie sich nach Freiheit. In Zeiten von Pandemien hoffen sie auf Genesung und Gesundheit. Hoffnung ist ein vitaler Reflex, mit dem Grundbedürfnis, nicht nur, aber insbesondere in Krisensituationen, dass es anders wird, als es jetzt gerade ist; dass es besser wird, idealerweise, dass es gut wird. Dabei macht Václav Havel mit seiner besonderen Lebenserfahrung in einem über Jahrzehnte autoritär regierten Land, der Unterdrückung von Meinungsfreiheit, einem bescheidenen Lebensstandard, darauf aufmerksam, wie wichtig Hoffnung ist und dass Hoffnung eben nicht, wie er sagt, die Gewissheit ist, dass etwas gut ausgeht, sondern die innere Überzeugung, dass es Sinn macht, sich um Verbesserung zu bemühen; die Krise nicht auf sich beruhen zu lassen.

Wenn wir uns mit Blick auf die genannten und manche ungenannten Krisen, Kriege, Herausforderungen fragen, was uns denn gelungen und was uns weniger gut gelungen ist, dann werden wir ganz sicher einräumen müssen: Manches ist nicht gut ausgegangen, aber manches ist eben auch doch besser geworden, als man gelegentlich vermutet. Die von Karl Valentin zum Ausdruck gebrachte Besorgnis, vielleicht haben wir die besten Zeiten schon hinter uns, steht eben auch unter dem Eindruck von Herausforderungen, von Krisen, von Problemen, die es zweifellos damals gab und heute gibt, aber die nicht berücksichtigt, wo es auch gelungen ist, Verbesserungen herbeizuführen.

Ich habe vorhin darauf hingewiesen, dass auf diesem Globus nie mehr Menschen gelebt haben als heute, und nie ist der Anteil derjenigen, die Hunger gelitten haben, kleiner gewesen als heute. Das ist nur eine begrenzt tröstliche Auskunft, weil es natürlich immer noch viel zu viele sind, und mit Blick auf den weltweit vorhandenen Wohlstand gibt es keine wirkliche überzeugende Begründung dafür, warum auch nur ein einziger auf diesem Globus nicht satt werden soll. Die Kindersterblichkeit war nie so niedrig wie jetzt. Nie sind so wenig Kinder bei der Geburt gestorben. Nie sind so viele, die geboren sind, fünf Jahre und älter geworden. Es gibt auch Entwicklungen, die Mut machen, die nicht nur Hoffnung begründen, sondern den Nachweis führen, dass Veränderungen und Verbesserungen möglich sind. Selbst beim Klimawandel, von dem ich ausdrücklich festgehalten habe, dass wir ihn hoffentlich inzwischen begriffen, aber ganz sicher nicht bewältigt haben, sagt gerade heute das Bundesumweltamt, dass manche zurecht skeptischen, besorgten Betrachtungen auch der letzten Jahre durch die jüngere Entwicklung relativiert werden. In Deutschland haben wir im vergangenen Jahr zehn Prozent weniger Treibhausgasemissionen gehabt als vorher, und zum ersten Mal sagt das Bundesumweltamt, dass wir die selbstgesetzten Ziele, nämlich bis zum Jahr 2030 65 Prozent weniger zu emittieren als im Referenzjahr 1990, dass wir diese Ziele erreichen können, wenn wir mit unseren Anstrengungen nicht nachlassen.

Wenn wir die politische Verfassung der Welt und schon gar unsere eigene Umgebung im eigenen Land und in Europa betrachten, gibt es auch gute und weniger gute Nachrichten. Zu den weniger guten Nachrichten gehört, dass die Zahl der ernstzunehmenden Demokratien in der Welt in den vergangenen dreißig Jahren nach dem Sturz der autoritären Systeme in Mittel- und Osteuropa nicht wie erhofft ständig gestiegen ist, sondern zurückgeht. Wir haben 2024 weniger vollumfänglich demokratisch funktionierende Systeme auf der Welt als Mitte der 1990. Wenn man einen Anspruch von Maßstab zugrunde legt und unter Demokratie – was jedenfalls nach meinem Verständnis auch nicht verhandelbar ist – ein System versteht, in dem die Menschen in regelmäßigen Abständen selbst entscheiden können, von wem sie regiert werden wollen, und dass das in Form von freien und fairen Wahlen stattfinden muss, von denen nur dann die Rede sein kann, wenn es Alternativen gibt, personelle und programmatische Alternativen, die unter ähnlichen, wenn nicht identischen Wettbewerbsbedingungen antreten, von denen nicht der eine Konkurrent alle und andere keine Möglichkeiten zur Verfügung haben; wenn man unter Demokratie ein System versteht, wo die in freien und fairen Wahlen vergebenen Mandate auf Zeit vergeben werden und nicht Lebenszeitperspektiven, schon gar nicht lebenslange Machtperspektiven vermitteln; wenn man natürlich unter einer modernen Demokratie ein System versteht, in dem auch die zeitlich befristete Macht nicht für alles und jedes, sondern immer nur für Teilkompetenzen vergeben wird – Gewaltenteilung: wo zwischen der Zuständigkeit, die Gesetze einer Gesellschaft zu definieren und der Zuständigkeit sie auszuführen durch Behörden und Institutionen, unterschieden wird, und es selbstverständlich als dritte unabhängige Instanz ein Justizwesen geben muss mit Gerichten, die nicht weisungsabhängig sind, die weder von Regierungen gesteuert werden, noch von Parlamenten; und wenn man darüber hinaus vielleicht noch die beinahe luxuriöse Vorstellung hat, das in einem so kompliziert geregelten politischen System es insbesondere individuelle Grundrechte geben muss, die da, wo sie gefährdet sind oder sein könnten, einklagbar sein müssen: Redefreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit von Kunst, Freiheit von Wissenschaft. Wenn das die Mindestanforderungen an eine funktionierende Demokratie sind, dann gibt es unter den heute in den Vereinten Nationen zusammengeschlossenen fast 200 Staaten wie viele funktionstüchtige demokratische Systeme? Zwei Dutzend – in denen etwa acht Prozent der Weltbevölkerung leben. Die gute Nachricht ist, Deutschland gehört dazu. Das finden wir inzwischen auch normal, ist aber nachweislich auch nicht der Normalzustand der deutschen Geschichte. Übrigens, das ist jetzt nicht unmittelbar mein Thema, will ich aber wenigstens in Parenthese sagen: Wenn ich gelegentlich in ähnlichen oder anderen Zusammenhängen diese Zahlen vortrage, dann ist ein regelmäßiger Einwand, das kann ja schon deswegen nicht stimmen, weil alleine die Europäische Union mehr Mitgliedstaaten hat – als die zwei Dutzend Staaten, die angeblich demokratisch organisiert sind. Tatsächlich genügt auch diese Staatengemeinschaft, die sich ausdrücklich als eine Gemeinschaft demokratischer Staat versteht, längst nicht mehr an jeder Stelle diesen Mindestansprüchen. Das ist die weniger gute Nachricht.

Übrigens, die noch weniger gute Nachricht ist: Diese Erosion von demokratischen Strukturen ist nicht die Folge von Militärputschen oder von Bürgerkriegen, sondern von Wahlergebnissen. Der Niedergang demokratischer Systeme in der Welt, da wo es sie gab und wo es sie heute nicht mehr oder nur noch in reduzierter Form gibt, ist nicht durch Bürgerkriege verursacht oder durch Militärputsche, sondern durch das Wahlverhalten mündiger Bürger, die durch ihre Präferenzen Personen und Parteien in Ämter gebracht haben, wo sie mit der demokratischen Legitimation dieser Entscheidung im Rücken mal an der Unabhängigkeit der Justiz rumfummeln, mal an der Freiheit der Presse oder der Freiheit der Wissenschaft, am liebsten alles gleichzeitig und regelmäßig ohne förmliche Änderung der Verfassung. Die gute Nachricht ist: Auch das ist wiederum durch Wahlen korrigierbar – wenn sie denn stattfinden. Polen ist ein Beispiel, das Mut macht, das Hoffnung begründet, dass Fehlentwicklungen auch korrigiert werden können. Mit Blick auf ein anderes, früher bedeutendes demokratisches Land jenseits des großen Teiches, fällt es mir außerordentlich schwer, von Hoffnungsschimmer zu reden.

Wir leben in aufregenden, schwierigen, komplizierten Zeiten, in denen vor allem die große Hoffnung der Wendejahre ‘89, ‘90 und folgende, dass wir jedenfalls in Europa jetzt eine ein für alle Mal vereinbarte, vertraglich abgesicherte, stabile Friedensordnung etabliert hätten, durch die jüngeren Ereignisse und Entwicklungen in einer brutalen Weise aufgelöst worden ist. Dafür hat Olaf Scholz den Begriff „Zeitenwende“ verwendet, der sicher nicht falsch ist, aber den Eindruck suggeriert, diese Veränderung habe erst vor zwei Jahren mit dem russischen Angriff auf die Ukraine stattgefunden. Wenn überhaupt hat die gewaltsame Aufkündigung einer vereinbarten Friedensordnung in Europa spätestens vor zehn Jahren mit dem Angriff und der Annexion der Krim begonnen, und bei noch sorgfältigerer Betrachtung noch sechs Jahre vorher, als russischen Soldaten in Georgien einmarschiert sind und da bis heute übrigens zwanzig Prozent des Staatsterritoriums besetzen. Der hat uns aber nicht wirklich interessiert: Er war hinreichend weit weg und hat im Unterschied zur ukrainischen Entwicklung nicht den Eindruck einer möglichen eigenen Betroffenheit erzeugt.

In der Charta von Paris, Ende 1990, wenige Wochen nach dem Vollzug der Deutschen Einheit beschlossen, haben ausnahmslos alle europäischen Staaten, einschließlich der Sowjetunion, die sich damals noch nicht aufgelöst hatte, plus die Vereinigten Staaten und Kanada sich feierlich und in erstaunlich euphorischen Formulierungen auf diese neue Zeit von Demokratie und Menschenrechten und Friedenssicherung verständigt. Die Realität ist von diesen Proklamationen, Vereinbarungen und Verpflichtungen weit entfernt. Gleichzeitig gibt es im Lichte der Erfahrungen unserer eigenen Biografien erstaunliche Entwicklungen, deren herausragende Bedeutung wir dann gelegentlich schon wieder vergessen haben oder aus dem Bewusstsein verdrängt haben, dass es zwischen Ländern wie Deutschland und Frankreich, die jahrhundertelang sich wechselseitig als natürliche Erzfeinde betrachtet haben, es nicht nur friedliches Einvernehmen selbst bei offenkundig unterschiedlichen Auffassungen amtierender Staats- und Regierungschefs gibt, sondern ein belastbares, stabiles Verhältnis, das über Jahrzehnte hinweg die Schlüsselrolle für jeden europäischen Fortschritt dargestellt hat – und übrigens, nach meiner Überzeugung, auch in Zukunft die Voraussetzung für jeden weiteren Fortschritt ist. Noch erstaunlicher ist, dass es ausgerechnet zwischen Deutschland und Israel nicht nur ein wiederhergestelltes Verhältnis gibt, sondern das israelische Staatspräsidenten, Regierungschefs, Parlamentspräsidenten Deutschland neben den Vereinigten Staaten als den wichtigsten, verlässlichsten Partner und Freund in der Welt wahrnehmen. Zu den eindrucksvollsten Erfahrungen, die ich in meiner politischen Laufbahn gemacht habe, gehören zwei offizielle Besuch in Jerusalem. Beim ersten, der jetzt beinahe zwanzig Jahre zurückliegt, habe ich erwartet, dass ein deutscher Parlamentspräsident auch in Israel höflich, aber eher kühl empfangen würde, und ich hätte nicht für möglich gehalten, dass dort mit militärischem Zeremoniell und unter Abspielen der deutschen Nationalhymne vor der Knesset ein deutscher Gast wahrgenommen wird. Als ich, um mich aus dem Amt zu verabschieden, meinen letzten Besuch gemacht habe, hat mir der damalige Knesset-Präsident symbolisch den Schlüssel der Knesset überreicht und gesagt: Wir wissen, wo unsere wirklichen Freunde sind.

Was mich in Verbindung mit vielen anderen Gesprächen, Erfahrungen und Erlebnissen zu dieser festen Überzeugung gebracht hat: Wenn es möglich war, nach der unglaublichen Vergangenheit, die zwischen Deutschland und Israel steht, zwischen diesen beiden Ländern nicht nur Versöhnung, sondern Freundschaft möglich zu machen, dann gibt es keine Probleme auf der Welt, die nicht lösbar sind. Was übrigens im Umkehrschluss bedeutet, nicht gelöste Probleme haben wir nicht lösen wollen und nicht etwa nicht lösen können. Aber man wird jeden verstehen müssen, der unter dem Eindruck der aktuellen Entwicklungen auch und gerade in dieser Region, nun nicht gerade hoffnungsvoll gestimmt ist, auch nicht unbedingt versöhnlich, sondern eher verzweifelt. Auch deswegen habe ich das Zitat von Boris Pasternak mitgebracht: „Niemals und unter keinen Bedingungen dürfen wir verzweifeln.“ Hoffen und Handeln, das sei unsere Verpflichtung, bei welchen Herausforderungen auch immer. Deswegen will ich zum Schluss auf ein anderes bedeutendes Jubiläum aufmerksam machen. Neben der KED gibt es noch eine andere bedeutende Einrichtung, die in diesem Jahr einen runden Geburtstag hat: das Grundgesetz – und damit die Bundesrepublik Deutschland, die mit der Verkündung des Grundgesetzes ins Leben getreten ist.

Es macht schon Sinn, sich nicht nur mit diesem erstaunlichen Verfassungstext zu beschäftigen, der im Übrigen – auch mal nur nachrichtlich –, nicht einmal Verfassung heißen durfte, um den provisorischen Charakter eines nicht souveränen westdeutschen Teilstaates mit Aufrechterhaltung eines Wiedervereinigungsanspruchs, der damals jenseits aller Realisierungsmöglichkeiten schien, unmissverständlich zu verdeutlichen. Diese Nicht-Verfassung, aber faktische Verfassung „Grundgesetz“, gehört inzwischen zu den ältesten Verfassungen der Welt. Mit anderen Worten: Es gibt wenige Länder auf dieser Welt, die eine länger geltende Verfassung haben, als die junge deutsche Demokratie. Ich wollte Ihre Aufmerksamkeit aber gar nicht mal so sehr, was immer allemal lohnt, auf diesen erstaunlichen Text und seine Bedeutung richten, sondern auf die Bedingungen, unter denen er zustande gekommen ist. Zwischen dem Herbst 1948 und dem Frühjahr 1949 traten 65, von den damals gerade gewählten, erstmals wiedergewählten Landtagen benannte Frauen und Männer im Parlamentarischen Rat zusammen. Übrigens: Der leichte Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit lässt sich auch daran erkennen, dass die damalige Geschlechterzusammensetzung wie folgt war: 61 Männer, vier Frauen. Im Vergleich dazu nähert sich der Deutsche Bundestag beinahe paritätischen Verhältnissen an, die wir zugegebenermaßen auch noch nicht erreicht haben. Damals befand sich das Land nicht nur auf dem Tiefpunkt seiner historischen Entwicklung, sondern vermutlich in der desaströsesten Lage, in der sich ein Land, ein Volk, eine Nation überhaupt befinden kann: Militärisch besiegt, politisch nicht mehr souverän, ökonomisch zerstört und moralisch diskreditiert. Wenn es jemals in der deutschen Geschichte eine Situation gab, wo Menschen mit hoher, nicht nur subjektiver Plausibilität sagen konnten: Lasst alle Hoffnung fahren, es hat keinen Sinn, es geht nicht – dann wäre es damals gewesen. Auch Konrad Adenauer hat in seiner Antrittsrede als Präsident des Parlamentarischen Rates seine Zweifel an den Erfolgsaussichten dieser Aufgaben zum Ausdruck gebracht, und ich will Ihnen eine Passage aus dieser Rede zum Schluss gerne vortragen: „Für jeden von uns war es eine schwere Entscheidung, ob er sich bei dem heutigen Zustand Deutschlands [...] zur Mitarbeit überhaupt zur Verfügung stellen [...] sollte. Ich glaube, [...] eine richtige Entscheidung auf diese Frage kann man nur dann finden, wenn man sich klar macht, was denn sein würde, [...] wenn dieser Rat nicht ins Leben träte. [...] Gleichwohl welche Ergebnisse unsere Arbeit für ganz Deutschland haben wird, das hängt von Faktoren ab, auf die wir nicht einwirken können. […] Trotzdem wollen wir die historische Aufgabe, die uns gestellt ist [...], unter Gottes Schutz mit dem ganzen Ernst und mit dem ganzen Pflichtgefühl zu lösen versuchen, die die Größe dieser Aufgabe von uns verlangt.“

Damals noch mehr als heute war die Frage berechtigt, ob die eigenen Kräfte, die eigenen Kompetenzen denn überhaupt ausreichen, um die Ergebnisse zu erzielen, um die man sich redlich bemühen will, denn alles, was die damals machten, waren dann noch von der Billigung der alliierten Besatzungsmächte abhängig. So wie wir heute gelegentlich sagen, ob wie dies zur Förderung der Begrenzung des Klimawandels oder dieses zur Erleichterung der Integration von Migrationspersonen machen, das ist im Maßstab der gesamten Aufgabe unerheblich. Auf die Bedingungen, unter denen der angestrebte Erfolg am Ende zustande kommt, haben wir doch gar keine hinreichend maßgeblichen Einfluss. Ja, wir stehen wieder vor historischen Aufgaben, und es ist jetzt müßig, darüber zu streiten, ob genauso groß, größer oder ein bisschen kleiner sind als früher. Es ist schon eine Menge, was da gleichzeitig auf uns zukommt, vor dem wir uns nicht drücken können. Aber wahr ist wohl auch: Es hat nicht nur selten eine solche Ballung von Herausforderungen, von Krisen und Kriegen gegeben wie jetzt, wir hatten auch nie mehr Möglichkeiten als jetzt, die Probleme zu lösen, mit den wir zu tun haben. Keine Generation vor uns hatte politisch, ökonomisch, technisch mehr Optionen zur Problemlösung als wir. Was wiederum die Schlussfolgerung nahe legt: Die Schlüsselfrage ist nicht, ob wir mit diesen Herausforderungen fertig werden können, sondern ob wir es wollen. Meine Empfehlung ist: Wir sollten es wollen – und wir sollten ganz im Sinne der damaligen Motivation von Konrad Adenauer mit ganzem Ernst, mit ganzem Pflichtbewusstsein und Gottes Hilfe uns an die Arbeit machen.


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