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Was bleibt, wird anders
Warum die Zukunft keine Verlängerung der Vergangenheit ist, Rede auf dem Zukunftskongress der CDU NRW am 16. März 2007

Wer sich mit der Zukunft befassen will, der muss sich bewusst sein, dass sie nie voraussetzungslos stattfindet, dass sie immer eine Vorgeschichte hat, die mit ihren unerledigten Aufgaben, alten Problemen und neuen Herausforderungen diese Zukunft prägt.

In seiner kurzen Geschichte des 20. Jahrhunderts hat der Historiker Eric Hobsbawm den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 als das Ende des 20. Jahrhunderts beschrieben, das er mit dem Beginn des 1. Weltkrieges anfangen lässt. Sein britischer Kollege Timothy Garton-Ash hat unter Bezugnahme auf diese vielzitierte Terminierung eines kurzen 20. Jahrhunderts den 11. September 2001 mit dem beispiellosen Terroranschlag in den Vereinigten Staaten als den wahren Anfang des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Dies ist sicher übertrieben. Ebenso wenig wie der 9. November 1989 für das blutige 20. Jahrhundert repräsentativ war, wird der 11. September 2001 hoffentlich das 21. Jahrhundert kennzeichnen. Aber wie sich dieses gerade begonnene neue Jahrhundert mit seinen politischen Ausgangsbedingungen, seinen technischen Optionen und ökonomischen Entwicklungsperspektiven tatsächlich entwickelt, wird weitgehend von den Konsequenzen abhängen, die nach den großen historischen Ereignissen der jüngeren Vergangenheit für eine neue Ordnung der einen Welt gezogen werden oder auch nicht.

In der allgemeinen Sprachlosigkeit im Angesicht solcher herausragenden Ereignisse wie dem Mauerfall und der Terroranschläge gab es in beiden Fällen nach wenigen Tagen einen Satz, auf den sich in der allgemeinen Ratlosigkeit alle scheinbar am ehesten mühelos einigen konnten: Nichts werde nach diesem Tag weiter so sein wie bisher. Der erste selbstkritische Befund – mit etwas zeitlichem Abstand zum einen wie dem anderen Ereignis – könnte lauten: Ja, es ist manches anders geworden, aber vieles ist beinahe wieder genau so, wie es meistens war. Drei Aktionsfelder sollen dies verdeutlichen:

- das Verhältnis von Politik und Krieg,
- das Verhältnis des Westens zur Dritten Welt,
- das Verhältnis von Entwicklung und Gewalt.

Die Wiederentdeckung des Militärischen ist ganz gewiss nicht neu, eher die überraschende Renaissance einer klassischen Domäne der Politik. In den USA eher wahrgenommen als Bestätigung einer ohnehin beinahe unverrückbaren Überzeugung, in Europa als Revision einer schönen Illusion über den Aufbruch einer vermeintlich neuen Zeit nach endgültiger Überwindung des waffenstarrenden Ost-West-Konflikts. Neu ist allerdings die Privatisierung militärischer Gewalt und die damit verbundene neue, inzwischen meist sogenannte asymmetrische Herausforderung, nichterklärten Kriegen nicht staatlicher Organisationen wirksam entgegentreten zu müssen. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft sehen sich genötigt, ihre offensichtliche Vernachlässigung der Sicherheit zu korrigieren, während die USA ihre ohnehin beispiellos hohen Militärausgaben auf ein Niveau steigern, das das Brutto-Inlandsprodukt der meisten Staaten dieser Welt bei weitem übersteigt und das mehr als doppelt so hoch ist wie die Summe aller Mittel, die von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft für den gleichen Zweck aufgebracht werden. Nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit wird niemand die Notwendigkeit einer kraftvollen Antwort auf die Anwendung oder Androhung von Gewalt ernsthaft widersprechen wollen. Aber dass wir bereits eine abschließende und überzeugende neue Antwort auf eine gründlich veränderte Welt mit ihrer veränderten Sicherheitslage gefunden hätten, wäre wohl doch eher übertrieben.

Was das Verhältnis des Westens zur übrigen Welt, insbesondere zu den weniger entwickelten Staaten auf dem Globus betrifft, haben wir Anlass, neben dem Stolz auf bemerkenswerte Fortschritte und Errungenschaften uns auch kritisch mit den Einwendungen und Vorhaltungen auseinanderzusetzen, die aus den Ländern außerhalb Europas und des Westens uns gegenüber immer wieder vorgetragen worden sind. Die seinerzeitigen Vorhaltungen der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy, die den „zivilisierten Westen“ mit der Frage konfrontiert hatte, ob sich der wohlhabende Norden mit seinen Wirtschaftsinteressen nicht gegenüber anderen Regionen auf dem Globus in einer Weise abgeriegelt habe, die deren Entwicklungs- und Überlebensinteressen kaum noch zur Kenntnis nähme, geschweige denn als gleichberechtigt betrachte, verbunden mit dem Hinweis, der Terrorismus sei ein Symptom, nicht aber die Krankheit, hat damals zunächst eher Empörung als Zustimmung gefunden. Dennoch ist diese Nachfrage nicht weit entfernt von den Einsichten, die schon im Jahre 1977 die internationale Nord-Süd-Kommission, von den Vereinten Nationen eingesetzt unter Vorsitz von Willy Brandt, unter dem Titel „Das Überleben sichern“ zu der Aufforderung veranlasst hatte, die gemeinsamen Interessen der Industrie und der Entwicklungsländer zu sondieren. Man müsse sich von der Vorstellung freimachen, „als hätte die ganze Welt die Modelle hochindustrialisierter Länder nachzuahmen“, die Gefahren eines „kulturellen Imperialismus“ sollte man nicht übersehen, Wachstum und Entwicklung dürften nicht ständig verwechselt werden, eigentliches Ziel der Entwicklung eines Landes sei dessen „Selbsterfüllung“ und „schöpferische Partnerschaft“, wozu nicht zuletzt „der Erhalt kultureller Identität und Selbständigkeit“ gehörten. Eine übrigens doppelt bemerkenswerte Empfehlung, weil sich mindestens der letzte Teil inzwischen mindestens so dringend auf den Westen selbst wie auf die zunächst vorzugsweise gemeinte Dritte Welt richtet.

Wenn wir uns heute mit beispiellosen neuen Herausforderungen unserer Sicherheitsinteressen konfrontiert sehen und mit Formen von Gewalt und Terrorismus, dann sind wir uns alle schnell und zu Recht einig, dass Gewalt nie hingenommen werden darf, mit welchen Begründungen auch immer, und dass dieser Grundsatz im internationalen Verhalten genau so Geltung haben muss wie innerhalb jeder beliebigen konkreten Gesellschaft, aber wir werden uns hoffentlich auch einig sein, dass es gute Gründe gibt, sich mit ihren möglichen Ursachen auseinanderzusetzen. Was die Entwicklungsperspektiven der großen einen Welt angeht, lässt sich schwerlich übersehen, dass wir auf diesem selben Globus höchst unterschiedliche Verhältnisse haben. Wir leben in einer Welt, in der fast die Hälfte der Menschen hungert, weder Arbeit noch ein festes Dach über dem Kopf hat, in der jeden Tag zigtausend Kinder an Unterernährung oder heilbaren Krankheiten sterben, in der rund drei Milliarden Menschen noch nie telefoniert haben, während einige Millionen wohlhabende Zeitgenossen für ihre mobile Kommunikation jeden Monat mehr Geld ausgeben als jene drei Milliarden überhaupt für ihren gesamten Lebensunterhalt zur Verfügung haben. Wir leben in einer Welt, in der unter den großen fünfzig Wirtschaften der Welt 25 multinationale Unternehmen sind, deren je einzelne Wertschöpfung höher ist als die der meisten Volkswirtschaften dieser Erde. In der zunehmend Staaten, die Regeln setzten, von Unternehmen verdrängt werden, die diese außer Kraft setzen, und in der sich Einkommens- und Vermögensunterschiede in vielen Regionen nicht aufeinander zu, sondern immer weiter auseinanderentwickeln. Ob eine Welt normal ist, die sich in dieser Verfassung befindet, und ob eine ernsthafte Aussicht auf Stabilität besteht, wenn sie so bleibt, wie sie ist: Die Frage wird man mindestens stellen müssen. Wir müssen auch für uns die Frage beantworten, ob wir auch in Zukunft weiter so leben können und wollen, wie wir das bisher für mehr oder weniger selbstverständlich gehalten haben.

Wenn wir die Frage nach den Zukunftsperspektiven der einen vielbeschworenen globalen Welt stellen, dann gibt es eine Reihe von Feldern, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, weil sich aus ihnen direkt und indirekt die Megathemen der Zukunft ergeben. Da ist zunächst das Thema der Entwicklung der Weltbevölkerung. Wir haben gerade in diesen Tagen die aktuellen Zahlen der jüngsten Projektion der Vereinten Nationen für die Entwicklung der Weltbevölkerung bis zur Mitte dieses Jahrhunderts vorgetragen bekommen. Nach der mittleren Variante der verschiedenen Projektionen, die da angestellt worden sind, wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2050 um weitere 2,6 Milliarden Menschen anwachsen auf dann mehr als neun Milliarden Menschen. Jedes Jahr wächst die Weltbevölkerung ziemlich genau um die Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland, etwa 80 Millionen Menschen. Von diesem Bevölkerungswachstum findet 95 Prozent in den Entwicklungsländern statt, vereinfacht gesagt, es findet fast nur in den Entwicklungsländern statt. In Industrieländern wird die Bevölkerungszahl bis 2050 nahezu konstant auf dem heutigen Niveau von 1,2 Milliarden bleiben. Ich empfehle uns dringend, die Relation nicht aus dem Auge zu verlieren: Von den dann 9,1 Milliarden werden gerade einmal 1,2 Milliarden unter den Verhältnissen leben, die wir für uns für selbstverständlich halten, und ein immer größerer Teil unter gründlich anderen Verhältnissen, wenn alles so bleibt wie es gegenwärtig ist. Dass wir mit einer deutlichen Alterung der Weltbevölkerung rechnen müssen, kann nach den vielfältigen Berichten der jüngeren Vergangenheit niemand mehr ernsthaft überraschen, die Zahl der Personen im Alter von über 60 Jahren wird sich bis zum Jahr 2050 von jetzt 670 Millionen auf dann 1,9 Milliarden verdreifachen. Mit dieser allgemeinen absehbaren Entwicklung der Weltbevölkerung ist ein weiterer Schub in der Urbanisierung verbunden. Die Stadt erlebt ihren endgültigen globalen Siegeszug. Anders als man zunächst und lange Zeit vermutet hatte, fördert die Wissensgesellschaft nicht primär Dezentralisierung und Regionalisierung, sondern sie führt zu einer weiteren Konzentration. Dieses Jahr 2007 wird das erste Jahr sein, in der die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten lebt, 2030 werden es nach Schätzung der Vereinten Nationen weltweit 60 Prozent sein, 2050 werden drei Viertel der Weltbevölkerung in immer größeren Städteagglomerationen leben.

Dass die Energie eines der großen und zentralen Herausforderungen für alle beteiligten Länder und Volkswirtschaften ist, kann als einigermaßen sicher gelten, zumal wir eher verlässlichere Einschätzungen über unseren künftigen Energieverbrauch haben als sichere Einsichten, wie wir ihn denn wirtschaftlich decken können. Zur Relativierung mancher Prognosen will ich in Erinnerung rufen, dass schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts, genau im Jahr 1914, das US-Bergbauamt damals erklärte, dass Öl als Rohstoff gerade noch weltweit für 10 Jahre reichen werde. Das ist nun allerdings eine Weile vorbei. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ging man von 40 Jahren Reichweite aus und seitdem ist es bei diesen 40 Jahren geblieben. Seit damals kommen alle Prognosen erstaunlicherweise Weise zu einer Einschätzung von 40jähriger Reichweite der Verfügbarkeit von Erdöl. Dazu passt eine kluge Bemerkung des langjährigen Saudi-Arabischen Energieministers Scheich Jamani, eines der Mitbegründer der Opec, der vor vielen Jahren einmal gesagt hat: „Die Steinzeit ging nicht aus einem Mangel an Steinen zu Ende, und auch das Ölzeitalter wird einmal enden, aber nicht aus Mangel an Öl.“ Tatsächlich stehen wir so oder so einem absehbaren Ende des Ölzeitalters, jedenfalls unter den Bedingungen der Verfügbarkeit und Nutzung von Öl als ganz wesentlicher Energieressource, die uns seit vielen Jahrzehnten selbstverständlich geworden ist. Irgendwann um die Mitte dieses Jahrhunderts werden die erneuerbaren Energien wahrscheinlich das Öl als wichtigste Energiequelle ablösen. Nicht nur weil sie klimafreundlicher, sondern weil sie dann voraussichtlich auch billiger sind. Bis Ende des Jahrhunderts werden sie die fossilen Energien endgültig verdrängt haben. In dieser prinzipiellen Perspektive sind sich fast alle Experten weitgehend einig, aber wie der Übergang verläuft und ob er sich organisch vollzieht oder mit Brüchen, ob das mit politischen Krisen verbunden sein könnte, einschließlich der Versuchung der Anwendung wiederum mit militärischer Gewalt Versorgungen zu erzwingen, welche Rolle die Liberalisierung von Märkten spielen kann in förderlicher und behindernder Hinsicht, darüber gehen die Annahmen weit auseinander. Wir haben natürlich manchen Anlass in diesem Zusammenhang, auch neu nachzudenken über die Rolle der Kernenergie. Aus meiner ganz persönlichen Sicht spricht manches für die Vermutung, dass der Ausstiegsbeschluss, den die rot-grüne Bundesregierung getroffen hat, mit Blick auf die aktuellen Notwendigkeiten unserer eigenen Energieversorgung reichlich voreilig gewesen ist, und gleichzeitig spricht manches für die Erwartung, dass die Zukunft unserer Energieversorgung nicht auf Kernenergie beruhen wird. Jedenfalls empfehle ich uns, uns mit der einen wie der anderen Seite dieser Fragestellung gleich nüchtern auseinanderzusetzen.

Ein viertes absehbar herausragendes Thema der Zukunft ist der vielbeschworene Klimawandel. Auch wenn man in Rechnung stellt, dass wie immer bei Themen, die sich mit besonderer Wucht öffentlich entfalten, auch ein beachtlicher Teil der öffentlichen Wirkung auf der Neigung zu Übertreibungen beruht, empfiehlt sich doch sehr, den Befund im Kern ernstzunehmen. Der Klimawandel findet statt. Niemand behauptet mehr ernsthaft, dass das ein eingebildetes Phänomen sei. Im übrigen erreichen ja die Folgen des Klimawandels auch zunehmend das Wahrnehmungsvermögen des normalen Zeitungslesers, Fernsehzuschauers, Urlaubers und in welcher Eigenschaft auch immer man damit im einzelnen konfrontiert sein mag. Nach jüngsten Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung könnten alleine auf die deutsche Volkswirtschaft bis zur Mitte dieses Jahrhunderts Kosten von 800 Milliarden Euro entstehen, wenn der Klimaschutz nicht drastisch verstärkt wird. Zusätzliche Kosten durch Klimaschäden, durch dramatisch ansteigende Energiepreise, durch höhere Kosten für Schutzmaßnahmen, wie Bau von Deichen, Schutzmauern und Wasserrückhaltebecken, Ernteeinbußen und viele andere Aspekte mehr. Die Politik wird an dieser Stelle Akzente setzen müssen, von denen wenig Aussicht besteht, dass sie von einer spontanen Begeisterung der Bevölkerung getragen und befördert sein werden. Sie wird Prioritäten setzen müssen, bei denen man an mancher Stelle eher mit dem hinhaltenden Widerstand als mit der Unterstützung der Begünstigten rechnen kann. Aber sie muss ihre Führungsaufgabe wahrnehmen, und Parlamente und Regierungen müssen das Mandat wahrnehmen, das sie von den Wählern erhalten haben, um nicht nur die Einschätzungen zu verdoppeln, die in der Bevölkerung zu diesem oder jenem Thema ohnehin vorhanden sind.

Ein gelegentlich unterschätztes, aber voraussichtlich bedeutendes Thema wird die Verfügbarkeit von Wasser werden. Vieles spricht für die Einschätzung, dass der heutige Wasserverbrauch nicht aufrechtzuerhalten ist. Manche Experten vermuten, dass der Kampf ums Wasser die eigentlich prägende Krise des 21. Jahrhunderts werden könnte. Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung lebt heute bereits mit ständigem Wassermangel, in zehn Jahren sollen es zwei Drittel sein. Dass es sich hier nicht um eine der offenkundigen Übertreibungen handelt, kann man daran erkennen, dass in so großen Ländern mit so vielen Einwohnern wie Indien und China, auch Pakistan, übrigens auch in einigen Bundesstaaten der Vereinigten Staaten, Jahr für Jahr doppelt so viel Wasser aus dem Boden gepumpt wird, wie dort an Regen fällt. Dass sich daraus dramatische Verteilungsprobleme für die Zukunft jedenfalls ergeben können, gehört zu den Herausforderungen, mit denen wir rechnen müssen.

Ganz sicher bleibt sechstens das Thema Information und Informationsmedien sowohl eine der großen Herausforderungen wie eine der großen Optionen für die Zukunft. Unsere Zeit, der Beginn des Jahrhunderts, unterscheidet sich von früheren Zeiten auch dadurch geradezu prinzipiell, dass uns zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte moderne Informationsmedien in die Lage versetzen, dass eine Information, die an einem Platz der Welt verfügbar ist, prinzipiell an jedem Platz der Welt gleichzeitig verfügbar ist. Das hat es früher nie gegeben. Handelsbeziehungen und Informationen gibt es beinahe so lange wie die Menschheitsgeschichte, aber früher hat es gelegentlich Jahrzehnte gebraucht, bis relevante Informationen von einem auf einen anderen Kontinent geraten waren, einschließlich damit verbundener Hinweise auf andere Produkte oder Verfahren - und gelegentlich hat man auch beachtlich lange Zeit gebraucht, bis man den Kontinent überhaupt identifiziert hatte, den man tatsächlich gefunden hatte.

Zugleich versetzen uns die heutigen Möglichkeiten der Mobilität in die Lage, beinahe jeden Platz der Welt spätestens innerhalb von 24 Stunden zu erreichen. Die Verbindung dieser beiden Sachverhalte, gleichzeitige Verfügbarkeit aller Informationen und extrem schnelle Erreichbarkeit jedes beliebigen Platzes auf diesem Globus, haben Globalisierung erst möglich gemacht, und weil sie möglich geworden ist, ist sie unvermeidlich geworden. Die Vorstellung, man könnte hinter diesen Zustand zurück, ist bestenfalls gut gemeint, aber sicher nicht wirklichkeitsnah. Ein kluger Kommentator hat einmal gesagt, mit der Globalisierung verhält es sich so ähnlich wie mit der Schwerkraft in der Physik, man muss nicht davon begeistert sein, aber man kann sich nicht dagegen entscheiden. Man kann nicht mit Mehrheit entscheiden, dass man nichts damit zu tun haben will, man muss sich auf den Boden dieser Realität stellen und das eigene Verhalten unter Berücksichtigung dieser unvermeidlichen Wirkungskräfte organisieren. Das gilt gewiss auch und gerade für ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland. Was das im übrigen wiederum mit Rückkoppelung auf das Klima alleine bedeutet, wenn die für selbstverständlich gehaltenen Zuwachsraten des Verkehrs im allgemeinen, des Luftverkehrs im besonderen ins 21. Jahrhundert verlängert werden, muss ich, glaube ich, nicht im einzelnen schildern. Nach übereinschätzender Schätzung aller Luftverkehrsgesellschaften werden schon im Jahr 2020 jährlich weltweit vier Milliarden Passagiere per Luft unterwegs sein, das ist eine Verdoppelung gegenüber dem Zustand heute. Seit etwa 25 Jahren machen wir die Erfahrung, dass das Luftverkehrsaufkommen pro Jahr doppelt so stark wächst wie das Wachstum der jeweiligen Volkswirtschaft, dabei ist es völlig gleichgültig, ob das zwei, vier oder ein Prozent des Wirtschaftswachstums sind. Dass das alles im wörtlichen und übertragenen Sinne nicht kostenlos zu haben ist, gehört zu den Herausforderungen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

Es verändert sich auch vieles im Verhältnis der Kulturen zueinander. Ihre Begegnung und gelegentliche Konfrontation ist unter vielerlei Gesichtspunkten naheliegender einfacher, manchmal auch unvermeidlicher geworden, und wir haben Anlass, die Bedeutung der Kultur für die Entwicklung der Gesellschaften im 21. Jahrhundert nicht zu unterschätzen. Schon gar nicht in einer Zeit, in der wir die Erfahrung machen, dass einer weit verbreiteten Säkularisierung im Westen ein genau umgekehrter Trend in anderen Teilen der Welt gegenübersteht, nämlich eine Wiederentdeckung und gleichzeitig massive Reaktivierung religiöser Überzeugungen, die immer häufiger mit fundamentalistischem Eifer zugleich zur Vorgabe staatlichen Handels erklärt werden. Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, haben wir tatsächlich gegenwärtig weltweit mit zwei großen Übertreibungen zu tun, die wir als Versuchungen im Auge behalten müssen. Das ist zum einen dieser religiöse Fundamentalismus und die damit verbundene Anmaßung, man könne, dürfe oder müsse gar religiöse Überzeugungen als unmittelbar geltendes staatliches Recht im wörtlichen wie im übertragenen Sinne exekutieren. Dieser Übertreibung steht auf der anderen Seite die Leichtfertigkeit gegenüber, religiöse Überzeugungen für überholt, belanglos und irrelevant zu erklären. Der zweite Irrtum ist nicht weniger gefährlich als der erste. Er ist im Westen aber allemal verbreiteter. Nicht wenige Intellektuelle haben sich in dem richtigen Bemühen um Zurückweisung des ersten zu lange an der Beförderung des zweiten Irrtums beteiligt. Wir haben auch deshalb Anlass zum Nachdenken und zur Überprüfung mancher Denkgewohnheiten, weil es zu den Herausforderungen unserer Zeit gehört, dass Verhältnis von Technik und Kultur nicht in ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis geraten zu lassen. Wie sehr die Technik die Kultur beeinflusst, wird schon durch den unwiderstehlichen Siegeszug des Internets deutlich sowie die Ausbreitung und Bedeutung der modernen Kommunikationsmedien. Es gibt in Deutschland inzwischen mehr Handys als Haushalte. Dies allein macht deutlich, wie sich die Dynamik bestimmter technischer Entwicklungen verselbständigt. Was der Siegeszug des Internets für die Relevanz anderer Medien bedeutet, ist im übrigen natürlich nicht nur eine ökonomisch reizvolle Frage mit Blick auf die Zukunftsperspektive von Zeitungen und Büchern, es ist auch eine außergewöhnlich wichtige, jedenfalls ernstzunehmende politische Frage mit Blick auf die Selbstverständigung einer Gesellschaft und die Ernsthaftigkeit, mit der sie mit ihren eigenen Optionen umgeht.

Es liegt im Wesen einer Beschäftigung mit Zukunftsperspektiven, dass es allemal einfacher ist, Themen zu benennen, die uns mit relativ hoher Sicherheit in den nächsten Jahren in Anspruch nehmen werden, als die Lösung der Aufgaben anzugeben, die uns erkennbar aus der Gegenwart in die Zukunft zugeliefert worden sind. Ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass eine Partei wie die Christlich-Demokratische Union für die Befassung mit solchen Zukunftsfragen nicht nur eine besondere Verantwortung, sondern auch eine besondere Begabung hat, weil gerade ihr programmatisches Selbstverständnis, um dessen Schärfung wir uns gerade in diesen Monaten mit der Fortschreibung unseres Grundsatzprogramms bemühen, von der Überzeugung geprägt ist, dass Zukunft mehr sein muss als die Verlängerung von Gegenwart oder Vergangenheit, sondern dass sie gestaltet werden muss, auf der Grundlage von Prinzipien, von Überzeugungen, von Orientierungen, die uns miteinander verbinden und ohne deren Gemeinsamkeit jede Gesellschaft ihren inneren Zusammenhalt verliert. Die Erfolgsgeschichte der Europäischen Union, deren 50. Geburtstag wir in diesen Tagen feiern werden, ermutigt und verpflichtet zugleich, dass wir unsere Verantwortung wahrnehmen und uns dabei bewusst sind, wir handeln immer nicht nur allein für uns, sondern gleichzeitig auch mit Wirkung für andere.


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