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Von Bach zu Mozart
Grußwort zur Eröffnung des Bachfestes am 27. Mai 2006 in Leipzig

Über Johann Sebastian Bach ist fast alles gesagt und über Wolfgang Amadeus Mozart auch. Die vielen Neuerscheinungen von Büchern, Filmen, CDs und Noten, die anlässlich von Gedenkjahren immer wieder erscheinen, vermitteln nur noch selten neue Einsichten, dokumentieren aber die unangefochtene weltweite Wertschätzung dieser beiden herausragenden Repräsentanten deutscher und europäischer Kultur, die längst zum Kulturerbe der Menschheit gehören.

Die klügste Bemerkung zum Mozartjahr 2006 habe ich bei Georg Bernhard Shaw gefunden. 1891, also 100 Jahre nach Mozarts Tod, hat der große irische Dramatiker, dem wir manche bemerkenswerte Beobachtungen zu Kunst und Kultur und einige höchst originelle Rezensionen von Theater- und Konzertaufführungen verdanken, für das Mozartjahr 1991 die Prognose gewagt, man werde wohl erst in 100 Jahren klarer erkannt haben, dass Mozarts vollendete Musik das Schlusswort des 18. Jahrhunderts darstelle und nicht das Vorwort des 19. In der Kunst müsse es als größter Erfolg angesehen werden, der Letzte seines Stammes zu sein, nicht der Erste. Einen Anfang könne fast jeder machen; die Schwierigkeit bestehe darin, den Abschluss zu finden – etwas zu tun, was nicht mehr übertroffen werden kann.

Wie fast jede Verallgemeinerung ist auch diese Bemerkung ebenso intelligent wie übertrieben, gleichwohl eine ungewöhnlich geistreiche und anregende Beobachtung. Wenn sie für Mozart und die Wiener Klassik gilt, dann gilt sie erst recht für Johann Sebastian Bach und die Epoche des Barock, die er abschließt und vollendet. Für beide Komponisten gilt, dass sie ein Werk hinterlassen haben, das in seiner Art nicht mehr übertroffen werden kann. Deshalb ist im übrigen auch der Streit müßig, wer von beiden das größere Genie oder die alles überragende Persönlichkeit gewesen sei. Die meisten Musikliebhaber haben sich dazu ohnehin ihre – abschließende oder vorübergehende – Meinung gebildet, die sie aus guten Gründen in der Regel lieber für sich behalten, bevor sie bei gegebenen Anlass und herausragenden Konzerten ihrer eigenen Überzeugung untreu werden. Nach einer viel zitierten Vermutung wird im Himmel bei allen offiziellen Anlässen Bach gespielt, dagegen sollen die Engel, wenn sie unter sich sind, Mozart bevorzugen. Auch dies ist vermutlich eine voreilige Verallgemeinerung: erstens haben wir bis heute keine verlässlichen Informationen über die himmlischen Verhältnisse und zweitens sollte man die Engel und ihr Urteilsvermögen nicht unterschätzen.

Ich möchte zur Eröffnung des Bachfestes 2006 der Stadt Leipzig, insbesondere dem Kulturdezernenten und allen Mitwirkenden herzlich gratulieren, das schon nach wenigen Jahren dieses Bachfest einen festen Platz unter den großen bedeutenden Musikfestivals gefunden hat und sich längst internationaler Reputation erfreut. Dazu trägt ganz sicher auch die kluge Entscheidung bei, jedes Fest unter ein Thema zu stellen, dass Bach Jahr für Jahr in einen anderen Kontext stellt und damit Einsichten und Zusammenhänge vermittelt, die im üblichen Konzertbetrieb auf der Strecke bleiben. Im übrigen habe ich die begründete Hoffnung, dass Leipzig eher als manche andere Festivalstädte der scheinbar unwiderstehlichen Versuchung zur gnadenlosen Vermarktung und zur Banalisierung von Kunst und Künstlern widersteht. Kult und Kitsch liegen meist nahe beieinander und allzu oft haben sie mit Kunst und Kultur nur noch den Anlass gemeinsam.

In wenigen Tagen, unmittelbar nach Abschluss des Leipziger Bachfestes, beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. Diese profane Mitteilung scheint ausgerechnet in der Thomas-Kirche völlig unpassend, gibt mir aber die willkommene Gelegenheit, zu einer Prognose, die weniger mutig ist als die zu Beginn von Georg Bernard Shaw zitierte zum Mozartjahr 1891: In wiederum hundert Jahren werden wir uns von der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 vielleicht so gerade noch, notfalls unter zu Hilfenahme von Nachschlagewerken, an den Gewinner des Turniers erinnern, an die Namen der Spieler kaum noch, schon gar nicht an die einzelnen Spiele. Aber auch in hundert Jahren wird Mozarts c-Moll-Messe noch gespielt werden und Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion allemal. Und so ist in der Abfolge der Ereignisse der nächsten Woche das Bachfest 2006 eine gute Gelegenheit, sich bewusst zu machen, was interessant, vielleicht aufregend ist – und was tatsachlich bedeutend.


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