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Rede zum Tag der Deutschen Einheit
am 3. Oktober 2007 in Schwerin

´┐ŻDiese deutsch-deutsche Harmonie ist doch eine Fiktion´┐Ż. Tatsache ist, dass die Deutschen einander nicht ausstehen k´┐Żnnen, Ossies und Wessies ´┐Ż das ist wie Hund und Katze!´┐Ż
Dieses selbst im ´┐Żblichen Lamento bemerkenswerte Urteil ´┐Żber die deutsch-deutsche Befindlichkeit stammt von einem unbestritten klugen Beobachter ´┐Ż und wurde vor zwanzig Jahren gef´┐Żllt. Es war Hans Magnus Enzensberger, der den Deutschen diese Diagnose bereits 1987 stellte, also zwei Jahre vor den Ereignissen in der DDR, die erst 1990 zur deutschen Einheit f´┐Żhren sollten.
Im Epilog zu seiner Aufsatzsammlung ´┐ŻAch Europa´┐Ż entwarf Enzensberger ´┐Ż 1987! ´┐Ż ein fiktives Gespr´┐Żch zwischen einem amerikanischen Reporter und einem britischen Korrespondenten ´┐Żber das wiedervereinigte Deutschland.
Staunend liest man dort folgenden Dialog: ´┐ŻIch dachte, sie h´┐Żtten sich zusammengerauft´┐Ż ´┐Ż ´┐ŻOffiziell schon. Aber wenn Du ihre Deklarationen beim Wort nimmst, ger´┐Żtst Du sofort in ein Unterholz von Komplexen, Rivalit´┐Żten und Ressentiments´┐Ż. Wenn ich meine jungen Freunde hier ´┐Żber die jeweils andere Seite reden h´┐Żre´┐Ż Mit einem Wort: jeder von beiden f´┐Żhlt sich ´┐Żber den andern weit erhaben´┐Ż ´┐Ż ´┐ŻUnd die ber´┐Żhmte Wiedervereinigung?´┐Ż ´┐Ż ´┐ŻAu´┐Żer Kaffee und Kuchen nichts gewesen´┐Ż.

Au´┐Żer Kaffee und Kuchen nichts gewesen? Eben doch! Mit der Revolution der Ostdeutschen 1989 und mit dem 3. Oktober 1990 ist Wesentliches erreicht worden: Einigkeit und Recht und Freiheit. Aus diesem Bekenntnis unserer Nationalhymne, in einem Land, das mehr als vierzig Jahre lang geteilt war, wo Freiheit, Demokratie und Menschenrechte Millionen Menschen ´┐Żber Jahrzehnte verweigert worden waren, sind Gestaltungsprinzipien eines wiedervereinigten Staates geworden ´┐Ż einer tats´┐Żchlich ´┐ŻDeutschen Demokratischen Republik´┐Ż.
Jenseits der handfesten Interessen und Erwartungen, die zu Recht viele Deutsche mit der Wiedervereinigung verbunden haben, sind dies die eigentlichen, die nachhaltigen Errungenschaften des 3. Oktober 1990.
Einigkeit. Und Recht. Und Freiheit.

Die Einheit ´┐Ż eine Erfolgsgeschichte

In der einseitigen Fixierung auf das Materielle, die wirtschaftlichen Unterschiede damals und heute, geraten zu oft diese einigenden Motive von 1989/90 aus den Augen. Sie wiederzuentdecken, hei´┐Żt aber nicht, die ´┐Żkonomie geringzusch´┐Żtzen. Im Gegenteil: Auch auf diesem Feld haben wir allen Grund, die gro´┐Że Aufbauleistung der B´┐Żrgerinnen und B´┐Żrger der vergangenen anderthalb Jahrzehnte in beiden Teilen Deutschlands zu w´┐Żrdigen. Nirgendwo sonst und nie zuvor hat ein Teil eines Landes einem anderen Teil in vergleichbarem Ma´┐Że geholfen. Und jede Investition ist eine Investition in die gemeinsame Zukunft. Wenn ich empfehle, lieber ´┐Żfter einmal die Mut machenden Erfolgsgeschichten zu erz´┐Żhlen, statt die unbestreitbaren Lasten zu beklagen, dann ist das nicht der ´┐ŻTagesbefehl zum Gl´┐Żcklichsein´┐Ż, wie gerne eingewandt wird; es ist vielmehr der Hinweis auf die Wirklichkeit.

Die echten und die vermeintlichen Fehler im Einigungsprozess sind oft genug vorgetragen worden, die Erfolge, um die uns im ´┐Żbrigen unsere Nachbarn beneiden, werden dagegen eher selten wahrgenommen.

Die deutsche Einheit als Erfolgsgeschichte zu sehen, hei´┐Żt keineswegs blind f´┐Żr die noch immer zu bew´┐Żltigenden Probleme zu sein. Dabei sollten wir uns aber wieder st´┐Żrker bewusst machen, dass wir hier ´┐Żber die Hinterlassenschaften der Teilung und weniger ´┐Żber die Folgen der deutschen Einheit reden. ´┐ŻRuinen schaffen ohne Waffen´┐Ż, spottete der Volksmund in der DDR ´┐Żber den deprimierenden Zustand vieler St´┐Żdte in Zeiten der Teilung. Die aufw´┐Żndige Wiederherstellung wertvoller alter Bausubstanz und die Wiedergeburt ganzer historischer Stadtquartiere ist ein grandioser Gewinn der Einheit. Auf dem ehemals v´┐Żllig verseuchten Uranabbaugebiet Wismut in Th´┐Żringen findet in diesem Jahr die Bundesgartenschau statt. Zugegeben: Nicht ´┐Żberall bl´┐Żhen die Landschaften so eindrucksvoll, aber manche Ver´┐Żnderungen sind zweifellos spektakul´┐Żr.

Der erzielte Fortschritt wird erst deutlich, wenn man die Entwicklung in den neuen Bundesl´┐Żndern vergleicht mit der Entwicklung, die osteurop´┐Żische Nachbarl´┐Żnder bei vergleichbarer politischer und wirtschaftlicher Ausgangslage im gleichen Zeitraum gemacht haben. Dort tr´┐Żbt aber der westliche Lebensstandard als innerstaatlicher Ma´┐Żstab nicht den Blick f´┐Żr das bereits Geschaffene. Unsere Probleme m´┐Żchten andere gerne haben ´┐Ż und die deutlich h´┐Żhere Wirtschaftskraft der neuen Bundesl´┐Żnder, ihre inzwischen beispielhafte Infrastruktur, die Kaufkraft und das Niveau der Sozialleistungen auch.
Der Aufbau Ost hat sich in den vergangenen Jahren in vielen Regionen sp´┐Żrbar beschleunigt. Einige St´┐Żdte und Kreise in den neuen Bundesl´┐Żndern konnten ihre Wettbewerbsf´┐Żhigkeit deutlich steigern. Acht der zehn St´┐Żdte und Kreise, die ihre Position in Deutschland am st´┐Żrksten verbesserten, geh´┐Żren zu den jungen Bundesl´┐Żndern. Mecklenburg-Vorpommern, das diesmal die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit ausrichtet, darf stolz darauf sein, dass Greifswald zum Aufsteiger des Jahres gek´┐Żrt wurde.

Noch gr´┐Ż´┐Żer als die Fortschritte sind aber die Erwartungen ´┐Ż auch die politisch bef´┐Żrderten Erwartungen. Sie kommen nicht zuletzt in der unabl´┐Żssig und gerade zu Feiertagsanl´┐Żssen gern bem´┐Żhten Frage nach der ´┐ŻVollendung der inneren Einheit´┐Ż zum Ausdruck. Zu Recht wird darauf die Gegenfrage gestellt, was das denn sein soll: die vollendete Einheit? Ost und West, alles einheitlich, ein Herz und eine Seele? Diese Vorstellung ist genauso unhistorisch wie naiv. Nichts ist so gut, als dass es nicht noch verbesserungsf´┐Żhig w´┐Żre. Aber Einheit hei´┐Żt eben nicht Einheitlichkeit. Aus gutem Grund wurde 1994 mit der Neufassung von Artikel 72 Absatz 2 GG die Formulierung ´┐ŻWahrung der Einheitlichkeit der Lebensverh´┐Żltnisse´┐Ż durch ´┐ŻHerstellung gleichwertiger Lebensverh´┐Żltnisse´┐Ż ersetzt. Damit wurde nicht nur gegen´┐Żber blo´┐Żem Erhalt und Sicherung in der Gegenwart ein in die Zukunft weisender dynamischer Prozess reklamiert. Es wurde auch zu Recht die Erwartung von der Einheitlichkeit der Lebensverh´┐Żltnisse relativiert. Einheitlichkeit gibt es nicht, weder im Osten noch im Westen ´┐Ż und nat´┐Żrlich auch nicht zwischen ihnen. Und ernsthaft betrachtet, wollen wir sie auch nicht.

Viele von Ihnen kennen das Bonmot, man habe im Osten getr´┐Żumt, ins Paradies zu kommen, und sei in Nordrhein-Westfalen aufgewacht. Als Bochumer habe ich diesen Gegensatz nie so recht verstanden. Im ´┐Żbrigen gilt f´┐Żr mich der weise Satz, dass sich das Paradies in der Regel erst dann als Paradies zu erkennen gibt, wenn wir daraus vertrieben wurden. Abseits der Hoffnung auf paradiesische Zust´┐Żnde ist aber l´┐Żngst eine differenzierte Betrachtung im Vergleich westdeutscher und ostdeutscher Bundesl´┐Żnder angebracht. Die Ausdifferenzierung strukturschwacher Regionen und Wachstumszentren ist jedenfalls l´┐Żngst kein allein ostdeutsches Ph´┐Żnomen mehr, und ist es wohl auch nie gewesen. Ostdeutschland ist nicht mehr der einheitliche Wirtschaftsraum, als der er lange betrachtet und behandelt wurde. Ebenso wenig ´┐Żbrigens wie Nord- oder S´┐Żddeutschland als geographische Zuordnung unterschiedlicher Bundesl´┐Żnder. Viele Kreise in Ost- und Westdeutschland haben heute vergleichbare Interessen und ´┐Żhnliche Probleme. Aber sie haben eine andere Geschichte.
Nach einer aktuellen Umfrage haben 64 Prozent der Menschen in den neuen Bundesl´┐Żndern eher positive und nur 17 Prozent eher negative Erinnerungen an die DDR. Ich finde das einleuchtend. Schlie´┐Żlich geht es dabei auch um die eigene Biographie. Zugleich sagen aber 71 Prozent der Ostdeutschen ebenso klar, dass sie Verh´┐Żltnisse wie in der DDR auf keinen Fall zur´┐Żckhaben wollen. Auch dieser Befund zeigt: Das Urteilsverm´┐Żgen der Leute ist nicht weniger ausgepr´┐Żgt als ihr Erinnerungsverm´┐Żgen.


Recht und Freiheit

Die Ostdeutschen wissen nur zu genau, was sie sich 1989 erk´┐Żmpft haben: Dem Ruf nach Einheit ´┐Ż ´┐ŻWir sind ein Volk´┐Ż ´┐Ż ging der selbstbewusste Satz ´┐ŻWir sind das Volk´┐Ż voraus, zusammen war dies der Ruf nach Recht und Freiheit f´┐Żr alle Deutschen. Unsere tagespolitischen Auseinandersetzungen um die L´┐Żsung noch ausstehender ´┐Żkonomischer und sozialer Aufgaben sollten den Blick auf diese Antriebskr´┐Żfte von 1989/90 nicht verstellen.
Die rechtsstaatliche Ordnung der westdeutschen Demokratie ´┐Żbte eine solche Faszination aus, dass Tausende in den Jahren der Trennung ihr Leben aufs Spiel setzten, um die diktatorischen Grenzen zu ´┐Żberwinden und Freiheit zu erreichen. Weil Tausende seit der Teilung wegliefen ´┐Ż insgesamt mehr als 2,5 Millionen Menschen ´┐Ż wurde 1961 die Mauer gebaut, und weil 1989 Tausende wegliefen, musste die Mauer auch wieder ge´┐Żffnet werden. Wohin sind sie nach der Mauer´┐Żffnung aber gelaufen? In den Westen oder nach Deutschland? Diese gescheite Frage hat der Journalist Peter Bender, der sich seit vielen Jahren mit diesem Thema besch´┐Żftigt, erst k´┐Żrzlich wieder gestellt: ´┐ŻW´┐Żren sie auch gelaufen´┐Ż, fragt er, ´┐Żwenn hinter der Westgrenze der DDR Frankreich gelegen h´┐Żtte? Sehr wahrscheinlich nur wenige. W´┐Żren sie gelaufen, wenn die Bundesrepublik ´┐Żrmer gewesen w´┐Żre als die DDR und ebenso unfrei? Sehr wahrscheinlich nicht.´┐Ż Sie liefen und ´┐Żbersiedelten in immer gr´┐Ż´┐Żerer Zahl und entschieden sich sp´┐Żter mehrheitlich f´┐Żr eine Vereinigung mit der Bundesrepublik, ´┐Żweil sich der Westen in deutscher Gestalt darbot und Deutschland in westlicher Form.´┐Ż Mit anderen Worten: Wenn es dazu noch eines Beweises bedurft h´┐Żtte, dass Einigkeit und Recht und Freiheit mehr bedeutet haben als ein unverbindliches Lippenbekenntnis, so haben die Deutschen zwischen Oder und Elbe diese Zweifel ausger´┐Żumt.

Das, was die Ostdeutschen 1989 als Voraussetzung f´┐Żr die deutsche Einheit mit gro´┐Żem Mut und der Bereitschaft zum pers´┐Żnlichen Opfer vollbrachten, war eine politische Revolution f´┐Żr das Recht und f´┐Żr die Freiheit. Dies gilt es gegen´┐Żber der allzu einfachen, beinahe niedlichen Version von der ´┐ŻWende´┐Ż zu betonen. W´┐Żhrend eine kluge Au´┐Żenpolitik die deutsche Einheit in Frieden mit allen unseren Nachbarn herbeif´┐Żhrte, stellen uns die nachhaltigen Folgen einer vierzigj´┐Żhrigen Teilungszeit innenpolitisch noch immer vor gro´┐Że Herausforderungen. Manches ist im Einigungsprozess vielleicht zu fr´┐Żh geschehen, anderes passierte aus der Sicht von Betroffenen und kritischen Beobachtern zu sp´┐Żt ´┐Ż ein nicht wirklich ´┐Żberraschendes, eher wohl unvermeidliches Ph´┐Żnomen.
In der strafrechtlichen Aufarbeitung von DDR-Verbrechen hat der deutsche Rechtsstaat mit der f´┐Żr Opfer manchmal schwer ertr´┐Żglichen, aber konsequenten Anwendung rechtsstaatlicher Prinzipien seine Haltung und seine St´┐Żrke bewiesen. Zu den Erfahrungswerten geh´┐Żrt aber auch: Recht und Gerechtigkeit stehen in einem durchaus spannungsreichen Verh´┐Żltnis. Die anhaltenden und unbedingt notwendigen Debatten um die angemessene gesellschaftliche Aufarbeitung der DDR-Verbrechen zeigen den best´┐Żndigen Konflikt, dem unser Gerechtigkeitsgef´┐Żhl gelegentlich ausgesetzt ist. Auch angesichts der unl´┐Żngst in Kraft getretenen Opferrenten sollten wir uns selbstkritische Fragen stellen: Haben wir uns im wiedervereinigten Deutschland nicht zu lange mit den T´┐Żtern und zu wenig mit den Opfern besch´┐Żftigt? Ist der Eindruck g´┐Żnzlich unberechtigt, das ´┐ŻNeue Deutschland´┐Ż, die demokratische Republik habe gegen´┐Żber den Opfern des Unrechts weniger Gro´┐Żz´┐Żgigkeit aufgebracht als gegen´┐Żber den T´┐Żtern?

Unbestritten aber ist: Die Revolution von 1989 brachte mit dem ´┐Żberwinden der DDR-Diktatur einen einzigartigen Fortschritt: das Menschenrecht auf Freiheit. Diese Bilanz entzieht sich jeder Frage nach der H´┐Żhe oder Aufrechenbarkeit der Kosten. Deshalb kann und sollte die Erinnerung an die Motive wie die Erfolge der Revolution von 1989 das Bewusstsein f´┐Żr den Wert der Freiheit st´┐Żrken. Freiheit, vor allem und zuerst verstanden als die ganz pers´┐Żnliche Handlungs- und Entscheidungsfreiheit, die Chance, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, es nach eigenen Vorstellungen und auf eigene Verantwortung hin zu gestalten. Gerade sie bekommt jedoch hierzulande nicht immer die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Die sozialwissenschaftliche Forschung der letzten 15 Jahre hat sich jedenfalls damit nur wenig besch´┐Żftigt. Hingegen wurde zum Thema Gleichheit ein Vielfaches an Ver´┐Żffentlichungen publiziert.
Die Forschungen zur deutschen Teilung und zum Einigungsprozess sind inzwischen kaum noch ´┐Żbersehbar, die publizierten Arbeiten gehen in die Tausende. Eine private Literaturdatenbank zur deutschen Wiedervereinigung wartet im Internet mit mehr als 52.000 Eintr´┐Żgen zur Online-Recherche ´┐Żber die deutsche Wiedervereinigung auf. Diese Aufarbeitung ist unbestreitbar wichtig, sie ersetzt allerdings weder die Aufkl´┐Żrung noch die Vermittlung der wesentlichen historischen Daten und Zusammenh´┐Żnge. Wenn nach einer aktuellen Studie der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands heute f´┐Żnf Prozent der deutschen Gymnasiasten Walter Ulbricht f´┐Żr einen oppositionellen Liedermacher der DDR halten und mehr als sieben Prozent in Erich Honecker den zweiten Bundeskanzler der Bundesrepublik sehen, dann ist das bei weitem nicht so komisch wie es sich anh´┐Żrt.

Man muss auch nicht die Bibliotheken konsultieren, um eine doch recht einseitig erscheinende Gewichtung im bisherigen Forschungsinteresse, vor allem aber eine unangemessene Fixierung auf das scheinbar unbekannte Wesen im Osten zu erkennen. Es reicht dazu ein einfacher Klick im Internet. Dort finden wir nicht weniger als 4,2 Millionen Eintr´┐Żge, die sich mit dem besch´┐Żftigen, was leider noch immer gemeinhin als ´┐Żder´┐Ż ´┐ŻOssi´┐Ż bezeichnet wird, aber kaum ´┐Żber 200.000 Eintr´┐Żge zu seinem Landsmann im Westen. Offensichtlich haben viele Beobachter bis heute nicht wahrgenommen, dass nicht nur der Westen den Osten ver´┐Żndert hat. Die zw´┐Żlfj´┐Żhrige Schulausbildung bis zum Abitur zum Beispiel, die in westlichen Bundesl´┐Żndern als Voraussetzung f´┐Żr den Hochschulzugang zun´┐Żchst gar nicht anerkannt werden sollte, ist inzwischen gesamtdeutscher Standard.

In der Einigkeit ´┐Żber die Leitprinzipien Recht und Freiheit, im Konsens ´┐Żber den freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat, liegt der eigentliche Kern der viel beschworenen ´┐Żinneren Einheit´┐Ż Deutschlands. ´┐ŻVollendet´┐Ż muss und kann sie nicht sein. Aber sie ist Wirklichkeit geworden. Dies allein ist mehr, als ganze Generationen gehofft oder geglaubt haben. Es geh´┐Żrt zu den merkw´┐Żrdigen Begabungen der Deutschen, dass sie Ereignisse und Entwicklungen, die sie jahrzehntelang f´┐Żr nahezu ausgeschlossen gehalten haben, von dem Augenblick an, in dem sie gleichwohl Realit´┐Żt geworden sind, f´┐Żr eine schiere Selbstverst´┐Żndlichkeit halten.

Demokratie, Rechtsstaat, Sozialstaat, Bundesstaat

Einheit muss wachsen. Sich vereinen, hei´┐Żt teilen lernen. Dieses nur scheinbare Paradoxon, mit dem Richard von Weizs´┐Żcker am 3. Oktober 1990 den Weg zur inneren Einheit beschrieb, hat nichts von seiner Bedeutung und Richtigkeit verloren. Und die Deutschen zeigen seit Jahren eine sicher nicht immer als schmerzfrei empfundene, im Prinzip aber doch ungebrochene, auch finanzielle Solidarit´┐Żt. Die Teilung ´┐Żberwinden, hei´┐Żt teilen lernen: dieser anhaltende Lernprozess wird aber auch ganz wesentlich ´┐Ż und heute mehr denn je ´┐Ż als Anliegen verstanden, die Erinnerungen miteinander zu teilen. Strukturen, so gut sie wissenschaftlich aufgearbeitet sind, erkl´┐Żren nicht alles. Gelebtes Leben geht weder in Anekdoten auf noch in wie gut auch immer recherchierten Reportagen, es will erz´┐Żhlt werden, wenn es verstanden werden soll. Die Politik verf´┐Żgt dabei nur ´┐Żber begrenzte Mittel, sie kann aber und sie sollte dazu Anst´┐Ż´┐Że geben. Ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin w´┐Żre ein wichtiger Beitrag, der l´┐Żngst ´┐Żberf´┐Żllig ist. Wir haben aus gutem Grund insbesondere in der Hauptstadt zahlreiche auff´┐Żllige St´┐Żtten der Erinnerung an die Verbrechen zweier Diktaturen in Deutschland, es gibt keinen vern´┐Żnftigen Grund, nicht auch in ´┐Żhnlich demonstrativer Weise der Freiheits- und Einheitsgeschichte der Deutschen zu gedenken. Sie ist f´┐Żr das Selbstverst´┐Żndnis und das Selbstbewu´┐Żtsein unseres Landes gewi´┐Ż nicht weniger wichtig. Und sp´┐Żtestens zum 25. Jahrestag des Falls der Mauer und der Wiedervereinigung k´┐Żnnte und sollte ein solches Denkmal stehen. Es w´┐Żre vor allem zugleich eine notwendige Ermunterung zu einer breiten ´┐Żffentlichen Debatte ´┐Żber den Wert von Einigkeit und Recht und Freiheit heute ´┐Ż und nicht zuletzt Ausdruck eines ´┐Żber wirtschaftliche Konjunkturen und auch ´┐Żber Moden hinweg tragenden aufgekl´┐Żrten Patriotismus, wie er uns in seiner ansteckend fr´┐Żhlichen Form w´┐Żhrend der Fu´┐Żball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr begegnete, gen´┐Żhrt von der stolzen Erinnerung an eine gelungene friedliche Revolution und getragen vom Grundakkord unserer Verfassung: Demokratie, Rechtsstaat, Sozialstaat, Bundesstaat. Und Kulturstaat, selbstverst´┐Żndlich.

Meine Damen und Herren, es gibt zu unserem Nationalfeiertag eine aufschlussreiche Geschichte, die von einer franz´┐Żsischen Journalistin zum zehnten Jahrestag der deutschen Einheit berichtet wurde. Was sie selbst damals geradezu fassungslos registrierte, wird uns heute, Jahre sp´┐Żter, leider noch immer nicht g´┐Żnzlich ´┐Żberraschen. Die Franz´┐Żsin hatte sich tags zuvor von einem deutschen Ladenverk´┐Żufer nicht mit einem einfachen ´┐ŻAuf Wiedersehen´┐Ż verabschiedet sondern gesagt: ´┐ŻIch w´┐Żnsche Ihnen morgen einen sch´┐Żnen Nationalfeiertag´┐Ż ´┐Ż und danach das Gef´┐Żhl gewonnen, sie h´┐Żtte etwas Unanst´┐Żndiges, jedenfalls Unpassendes gesagt. Der 3. Oktober ist aber ein Tag der Freude und ein Anlass zum Feiern ´┐Ż mithin also auch ein Grund f´┐Żr Kaffee und Kuchen.

Am 3. Oktober 1990 wurde die deutsche Einheit in Freiheit vollendet. Es war mehr als der formale Akt des Beitritts neuer Bundesl´┐Żnder aus der damaligen DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Es war der erfolgreiche Abschluss einer beispiellosen Entwicklung, eine gewaltfreie Revolution, die dennoch oder gerade deshalb die Verh´┐Żltnisse nicht nur im eigenen Land grundlegend ver´┐Żnderte ´┐Ż ein historischer Einschnitt, f´┐Żr Deutschland und f´┐Żr das freie Europa. Daran sollten wir uns gerade in diesem Jahr erinnern, in dem der ersten Manifestationen des Freiheits- und Einheitswillens der Deutschen gedacht wird: 1817 auf der Wartburg, 1832, vor 175 Jahren, auf dem Hambacher Schloss. Kein Jahrzehnt sp´┐Żter gab Hoffmann von Fallersleben mit der dritten Strophe seines Lieds der Deutschen die Losung aus, die f´┐Żr Generationen blo´┐Że Wunschvorstellung blieb: Einigkeit und Recht und Freiheit. Sie wurde zum Bekenntnis f´┐Żr ein demokratisches Deutschland, das es damals noch nicht gab, und sie ist zum Gestaltungsprinzip eines vereinten, freien und demokratischen Landes geworden, im Frieden mit allen seinen Nachbarn, mit ihnen verbunden in einer Gemeinschaft europ´┐Żischer Staaten.

Gr´┐Ż´┐Żeres Gl´┐Żck hatten die Deutschen in ihrer Geschichte nie. Aus diesem Gl´┐Żck kann Einheit wachsen.


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