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Beitrag von Dr. Norbert Lammert zur Debatte über den Import von embryonalen Stammzellen am 30. Januar 2002 im Deutschen Bundestag
"... die Nutzung von Embryonen ist die Verdinglichung werdenden menschlichen Lebens. Dies ist für mich der Anfang vom Ende einer glasklaren Unterscheidung zwischen Person und Sache."

214. Sitzung des Deutschen Bundestages

Debatte um den Import von embryonalen Stammzellen

Berlin, Mittwoch, den 30. Januar 2002

Rede von Dr. Norbert Lammert MdB

Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters:
Als letzter Redner spricht der Genosse Norbert Lammert.
(Heiterkeit)

Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU): Herr Präsident! Unser ausgesprochen gutes persönliches Verhältnis wird durch diese Gemeinheit nicht ernstlich getrübt werden.
(Heiterkeit)

Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Je mehr ich in den vergangenen Monaten über das Thema, über das wir heute diskutieren, gehört und gelesen habe und je mehr ich glaubte, davon verstanden zu haben, desto unsicherer bin ich in meiner Beurteilung vieler Aspekte der Genomforschung und der Biomedizin geworden. Drei Einschätzungen sind mir allerdings ganz persönlich bei meinem jedenfalls sehr ernsthaften Bemühen um sorgfältige Behandlung dieses Themas zur Gewissheit geworden:

Erstens. Es gibt keine Entscheidung, die ethisch vollkommen aufgeht, die über alle Zweifel erhaben ist, weil sie allen ethischen Ansprüchen genügt.

Zweitens. Es gibt keine Möglichkeit, das grundsätzliche Verbot der Forschung an menschlichen Embryonen gleichzeitig mit der Erlaubnis der Forschung unter bestimmten Bedingungen zu verbinden.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)Wenn Forschung an Embryonen und ihre Tötung unter festgelegten Voraussetzungen überhaupt erlaubt ist, dann wird aus genau denselben Gründen auch die Herstellung von Embryonen zu Heilungs- und Forschungszwecken erlaubt werden. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)

Der gesamte Gang der Menschheitsgeschichte ist eine unübersehbare Demonstration der Eigendynamik solcher Entwicklungen. Deshalb kann die Genehmigung des Imports von embryonalen Stammzellen – trotz aller guten Motive, die einer solchen Entscheidung zugrunde liegen mögen und die ich keinen Augenblick in Abrede stelle – ganz gewiss nicht die Brandmauer zum Schutz menschlichen Lebens und der Würde des Menschen sein, als die sie in dieser Diskussion immer wieder ausgegeben wird.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)

Drittens. Soweit uns die Fortschritte der Biogenetik Heilungschancen für bislang nicht therapierbare, schwere Krankheiten eröffnen, bieten sie zugleich höchst zweifelhafte Aussichten auf eine genetische Programmierung noch nicht geborener Menschen. In Frankreich gibt es nach Auskunft des Vorsitzenden des Nationalen Ethikrates gegenwärtig vier Fälle, in denen Kinder genetisch so „optimiert“ werden sollen, dass man aus ihren Körpern später Zellen gewinnen kann, mit denen ihre kranken Geschwister geheilt werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, schon ihre Geburt verfolgt einen anderen Zweck als sie selbst.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der PDS)

Genau dies, die Nutzung von Embryonen, ist die Verdinglichung werdenden menschlichen Lebens. Dies ist für mich der Anfang vom Ende einer glasklaren Unterscheidung zwischen Person und Sache.

Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)

Genau deswegen geht es bei den heute zu treffenden Entscheidungen eben nicht nur um den Umgang unserer Gesellschaft mit Wissenschaft und Technik, sondern auch um den Umgang unserer Gesellschaft mit ihren grundlegenden Wertüberzeugungen. Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“ mit dem nach mathematisch-naturwissenschaftlichen Gesetzen perfekt funktionierenden Menschen wäre bestenfalls eine neue, ganz gewiss aber keine schöne Welt.

Der Mensch hat sich, so wie er geschaffen ist und sich entwickelt hat, nie mit den Defiziten seiner Existenz abfinden wollen – am wenigsten mit der Schicksalhaftigkeit von Anfang und Ende seines Lebens. Er hat immer wieder vorgefundene Grenzen bekämpft, bis sie überwunden, mindestens aber verschoben waren. So ist das Maß des Möglichen immer mehr zum Maßstab des Erlaubten geworden. Und wenn am Ende alles möglich ist, soll dann auch alles erlaubt sein? Die Politik – dieses Parlament – hat nicht zu klären, was wissenschaftlich, technisch oder medizinisch möglich ist, sondern es hat zu entscheiden, was in unserer Gesellschaft erlaubt sein soll und was nicht zuge- lassen werden darf.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS sowie des Abg. Hans-Michael Goldmann [FDP])
Dies ist unsere ureigene Aufgabe.

Vor gut zehn Jahren – darauf ist in dieser Debatte mehrfach hingewiesen worden – hat der Bundestag das Embryonenschutzgesetz beschlossen. Damals wollte er das Entstehen menschlichen Lebens auch außerhalb des Mutterleibes möglich machen. Zugleich wollte er jede Manipulation menschlichen Erbguts unterbinden. Wie ernst haben wir das Verbot der Forschung an menschlichen Embryonen und embryonalen Stammzellen eigentlich gemeint, wenn es fallen soll, sobald Wissenschaft und Medizin die Möglichkeiten dafür eröffnen?
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)

Wie unantastbar sind der Schutz des Lebens und die Würde des Menschen von seinem Entstehen an, wenn sie – über den unlösbaren Konflikt „Leben gegen Leben“ hinaus – der Abwägung mit anderen Interessen zum Opfer fallen können?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, den Anfängen zu wehren, ist es längst zu spät. Aber es ist nie zu spät, Entwicklungen, deren Folgen unabsehbar sind, anzuhalten oder mindestens aufzuhalten – wenn wir nur den Mut haben, Nein zu sagen, solange dies – hoffentlich – noch möglich ist.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)


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