Bruckners Vierte Sinfonie in der Sagrada Familia, Barcelona
3-Sat, 18.09.2021
Der Kultursender 3-Sat gehört zu den wenigen Programmangeboten, auf die sich der immer weniger verwöhnte Zuschauer unter den immer zahlreicheren und immer gleichförmigeren Sendern mit guten, aus Erfahrung gewonnenen Gründen glaubt verlassen zu können: anspruchsvolle Themen und Formate, anspruchsvoll aufbereitet, nicht unverdient als Nischenprogramm verdächtigt. Ganze Opern und komplette Konzerte, Übertragungen von den großen Kulturfestivals findet man im deutschen Fernsehen hier oder bei ARTE oder gar nicht.

Wenn dann am Samstagabend die Übertragung eines Konzerts mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Christian Thielemann mit der wohl populärsten Bruckner-Symphonie aus der spektakulären Kathedrale „Sagrada Familia“ in Barcelona angekündigt wird, stimmt eigentlich alles: das Programm, die Künstler, der Austragungsort.

Es ist längst üblich geworden und nicht zu beanstanden, dass auch Konzerte im Fernsehen nicht schlicht übertragen, sondern mit allen Mitteln der modernen Technik akustisch und visuell ausgestellt werden, manchmal ergänzen sich die Musik und ihre szenische Wiedergabe in eindrucksvoller Weise. Dass man mit zu viel Ehrgeiz und zu wenig Respekt auch der Musik wie der Kirche als architektonischem Kunstwerk schaden kann, dafür war diese missratene Inszenierung ein abschreckendes Beispiel.

Erfahrungsgemäß eignen sich große Kathedralen für die Aufführung großer sinfonischer Werke eigentlich nicht, der starke Nachhall beeinträchtigt empfindlich die saubere Wahrnehmung massiver Klangkörper. Der Einwand ist geschenkt, die meisten Zuhörer und auch viele Orchester nehmen die Eintrübungen gerne in Kauf, wenn die Kulisse außerordentlich ist. Das gilt für die Sagrada Familia zweifellos - kein Wunder, dass sich die Produktion in nicht weniger als fünfzig Länder verkaufen lässt.

Dass die überwältigende Wirkung von Raum und Licht dieser einzigartigen Kathedrale allerdings durch zusätzliche künstliche Beleuchtung in Bonbonfarben aufgedonnert wird, ist mindestens unnötig, die Kamera-Ausflüge in Fauna und Flora zur Untermalung von Architektur wie Musik schlicht ärgerlich, und das Gesamtkunstwerk verkommt schließlich fast zur Klamotte, wenn im Finale der hinreichend „Romantischen Symphonie“ eine verstörte Aktrice im geheimnisvoll verschatteten Wald mit verzweifelten Gebärden und tränenüberströmt ja was eigentlich dem Zuschauer zusätzlich vermitteln will.

Je länger die Aufführung dauert, desto mehr verdrängt die Erwartung der nächsten filmischen Überblendung die Konzentration auf die Musik wie die Architektur. Weder Anton Bruckner noch Antonio Gaudi haben sich gegen diese groteske Verballhornung ihrer bedeutenden Kunstwerke zur Wehr setzen können. Bleibt als schmaler Trost, dass sie nicht miterleben mussten, was nach Auslaufen ihrer Urheberrechte ein übermütiger Kultursender mit ihnen und ihren Werken macht. Glücklicherweise gibt es andere glänzende Einspielungen von Bruckners Symphonien und grandiose Dokumentationen über die Sagrada Familia. Demnächst wieder in 3-Sat.

Gehört: Stefan Heucke, Diabelli-Variationen. Variationen mit Haydn.

Für kein anderes Instrument haben so viele Komponisten so viele so unterschiedliche Werke geschrieben wie für das Klavier: Suiten, Sonaten, Fantasien, Variationen.
Einem breiten Publikum vertraut sind vor allem Kompositionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, davor gab es noch keine Klaviere und danach gibt es kaum noch ein Publikum, das sich für zeitgenössische Musik gewinnen oder gar begeistern lässt.

Stefan Heucke, geboren 1959, steht in einer großen Tradition der Musikgeschichte, wenn er nach den Monumentalwerken von Bach und Beethoven neue Variationen für Klavier schreibt und so im 21. Jahrhundert auf große Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert zurückgreift. Seine DIABELLI-VARIATIONEN nehmen aus den fünfzig Einsendungen, die Anton Diabelli von den bekanntesten österreichischen Komponisten seiner Zeit zu seinem eigenen Klavierwalzer erhielt, den fast vergessenen, unscheinbaren Ländler des damals 22jährigen Franz Schubert wieder auf. Heucke stellt sich die ehrgeizige Frage, welches Werk vielleicht entstanden wäre, wenn Schubert sich nicht bescheiden mit einer kleinen, melancholischen Variation des Diabelli-Walzers begnügt, sondern wie Beethoven einen ganzen Zyklus geschrieben hätte. Seine Lösung ist ebenso originell wie überzeugend: aus vier mal acht Variationen - eine weniger als Beethoven - baut er eine große, fast einstündige Sonate mit einem Kopfsatz aus Introduktion, zwei Themen, Reprise und Coda, einem langsamen Mittelsatz und einem Scherzo; im Schlusssatz gipfeln die letzten acht Variationen in einer Passacaglia über den Bass des Schubert-Themas und einer Fuge als furioses Finale - ein grandioser Ritt durch die Musikgeschichte, bis noch einmal der schlichte Ländler von Franz Schubert jetzt im aufgehellten C-Dur langsam und leise, scheinbar aus fernen Zeiten und doch ganz nah den heutigen Zuhörer überrascht.

In ähnlicher Weise und wieder ganz anders verarbeitet Heucke Josef Haydn´s eigene, wiederum inzwischen fast unbekannte Klavierfassung seines berühmten langsamen Satzes aus dem „Kaiserquartett“ zu vier mal vier Variationen eines Themas, das später zur Melodie der deutschen Nationalhymne wurde. Und wenn als Coda nach knapp zwanzig Minuten „mit Haydn“ extrem unterschiedlicher Stilmittel, Tempi und Temperamente das Originalthema wieder intoniert wird, harmonisch gebrochen, ganz ruhig auf einem Orgelton in melancholischem Moll sich selbst verrätselnd, hat der Hörer den Eindruck, nicht nur eine Kurzfassung der stilistischen Entwicklung der Klaviermusik vom 18. bis ins 21. Jahrhundert erlebt zu haben, sondern zugleich eine musikalische Paraphrase der turbulenten deutschen Geschichte.

Romeo und Julia, Ballett nach Musik von Sergej Prokofjew
Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen
Februar 2018

Kann man ein großes Handlungsballett mit zahlreichen Solo-Rollen und Gruppenszenen mit einer vierzehnköpfigen Tanzcompagnie aufführen? Eigentlich nicht - es sei denn, man kann es. Bridget Breiner kann es und demonstriert einmal mehr ihre herausragende Begabung, große Stoffe mit bescheidenen Mitteln stilsicher und künstlerisch überzeugend in Szene zu setzen. Romeo und Julia haben viel größere Häuser mit wesentlich höherem Aufwand an Kulissen und Kostümen weniger eindrucksvoll umgesetzt als die kleine Gelsenkirchener Tanzcompagnie. Alle vierzehn Tänzerinnen und Tänzer bewältigen die anspruchsvollen Solopartien wie die großen Kampf- und Ballszenen mit beachtlicher Präsenz und Präzision. Und weil das Orchester unter seinem Chefdirigenten Rasmus Baumann wieder einmal seinem guten Ruf gerecht wird, wundert sich kaum noch jemand, warum das Musiktheater im Revier nun seit Jahren zu den besten Opernhäusern im Lande gehört.

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