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Nicht typisch, aber deutsch. Nationale Identität in Zeiten der Globalisierung
Geleitwort zu "Was ist deutsch? Zehn klassische Antworten auf eine prekäre Frage", Bonn 2013

Was ist deutsch? Die wohl kürzeste Antwort darauf lautet: Diese Frage selbst. Zumindest von außen betrachtet mutet die nationale Nabelschau, der wir uns in beachtlicher Regelmäßigkeit unterziehen, bisweilen seltsam, jedenfalls sehr deutsch an. Dabei gehörte in der Geschichte – bis in die Gegenwart - nicht einmal diese Frage den Deutschen allein. Das zeigen die vorliegende Anthologie, die einen Zeitraum von zweitausend Jahren umfasst, ebenso wie zählebige Klischees über deutsche Charaktereigenschaften oder „deutsche Tugenden“, die in der ausländischen Berichterstattung ebenso schnell bei der Hand sind wie in den einheimischen Medien. Dabei lässt sich immer wieder beobachten: Eigentlich will keiner „typisch deutsch“ sein; „typisch deutsch“, das sind vor allem die anderen.

Was ist deutsch? Im Internet, dem Medium der globalen Gemeinde, führt diese Frage zu erstaunlichen 39.000 Treffern. Wirklich bemerkenswert wird dieser Befund erst dadurch, dass der Suchbegriff „Typisch deutsch“ sogar 145.000 Einträge aufweist. Also: Mehr typisch als deutsch? Jedenfalls mehr Antworten als Fragen? Schon Arnold Gehlen hat festgehalten, „Diese Frage kann keine runde Beantwortung erwarten, sie lässt sich nur erörtern.“ Dies gilt auch für meine Annäherung an das, was „deutsch“ ist; sie wird wiederum mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern.


„Nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes“

Die Auswahl der Beiträge in diesem Band lädt ein zu einer Tour d‘ Horizont über 20 Jahrhunderte. Die zehn ausgewählten „Klassiker“ beginnen mit Tacitus und enden mit Arnold Gehlen, den der Deutschlandfunk neben einer Reihe namhafter Publizisten und Intellektuellen 1965 gebeten hatte, die Eingangsfrage zu behandeln. Seine Antwort legt bereits nahe, dass diese auch seitdem immer wieder und noch immer bewegt. Fünfunddreißig Jahre später – mitten in der mit gelegentlich „teutonischem“ Eifer geführten „Leitkultur“-Debatte – sendete der Deutschlandfunk eine Auswahl der historischen Reihe noch einmal und stellte die Frage neu: „Was ist deutsch?“ Einer der Befragten, Heinrich August Winkler, antwortete darauf: „Offenbar nicht immer dasselbe.“ Das Bild, das die Welt von den Deutschen und die Deutschen von sich selbst hätten, sei heute ein anderes als etwa vor 100 oder 200 Jahren. Der Historiker betont damit das Wandelbare einer im Selbst- und Fremdbild konstruierten nationalen Identität. Demgegenüber fand bereits vor Jahren der Theologe und Bürgerrechtler Richard Schröder diese besonders schöne Formel mit Potenzial zum Klassiker: Das Nationale, also auch das Deutsche, ist nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes.

Die Prägung der Sprache

Ein bestimmtes, aber nicht unbedingt weiter bestimmendes Element deutscher Identität hat Gehlen 1965 zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen gemacht. Er wies darauf hin, „dass die Deutschen als einziges Volk in Europa ihre Bezeichnung nicht auf einen alten Landes- oder Volksnamen zurückführen können.“ Deutschland war, lange bevor es zur politischen Einheit fand, ein Kultur- und Sprachraum, die Deutschen eine Sprachgemeinschaft. Ich bin überzeugt: Für das Selbstverständnis eines Landes, auch und gerade für unseres, gibt es keinen wichtigeren Faktor als die Sprache. Sie ist das „prägende Element der deutschen Identität“, wie die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Kultur in Deutschland in ihrem Schlussbericht ebenso schlicht wie bündig feststellte – oder in den Worten Humboldts: Sie ist „die wahre Heimat“.

Ein Gefühl von Heimat

Auch den Begriff „Heimat“ empfinden viele Menschen als sehr deutsch, manche sogar als typisch deutsch. Dabei erfreut sich der deutsche Ausdruck international großer Beliebtheit – wohl auch oder gerade weil für ihn keine Übersetzung existiert. Heimat ist überall, aber überall anders. Deutschland, das ist gelebte Vielfalt. Bayern und Brandenburger, Franken und Friesen, Rheinländer und Westfalen, Thüringer und Pfälzer, Hessen und Württemberger: Jede Landsmannschaft hat ihre Geschichte, ihren Dialekt, ihre Mentalität, ihre eigene Identität. Zweifellos sind Heimat, Sprache und Identität auf das Engste miteinander verbunden. Die jeweiligen Begriffe sind leicht voneinander zu trennen, die Sachverhalte und Lebensbezüge dagegen nicht. Erasmus von Rotterdam, hat einmal gesagt, „meine Heimat ist dort, wo ich meine Bibliothek habe“. Demnach ist Heimat nicht allein ein geographischer Fixpunkt, sondern eine anthropologische Kategorie, eine Grundbefindlichkeit des Menschen, der sich durch Kultur die Welt, in der er lebt, selbst schafft. Heimat wird also in erster Linie als ein imaginärer Ort empfunden, an dem sich Nostalgie und Utopie begegnen. Ein Wunschtraum, der Traum von einem Ort ohne Vergänglichkeit, ohne die Gemeinheiten des Alltages, ohne Bosheit und Niedertracht. Ist das typisch deutsch? Als der Deutsche Sprachrat 2004 „Das schönste deutsche Wort“ suchte, landete ‚Heimat‘ unter den Einreichungen im Inland auf Platz vier. Häufiger schlugen die Deutschen nur „Liebe“, „Gemütlichkeit“ und „Sehnsucht“ vor. Kommt hier schon in der Terminologie eine deutsche Sehnsucht nach Gemütlichkeit zum Ausdruck oder eine besondere Liebe zur Heimat? Oder spiegeln sich hier nicht vielmehr allgemeinmenschliche Entwurzelungs-erfahrungen in Zeiten zunehmender Individualisierung und Globalisierung?
Deutsche Geschichte – deutsche Identität

„Eine Zugehörigkeit muss man erleben, nicht definieren. Auch die Zugehörigkeit zu einem Geschichtlichen hat man nicht zuerst als Erkenntnis parat, sondern als Empfindung, als Gefühl.“ Martin Walsers heftig debattierter Verweis auf das „Geschichtsgefühl“ eines Menschen, einer Gesellschaft, verweist auf ein spezifisch deutsches Problem. Denn deutsche Geschichte weckt aus nachvollziehbarem Grund häufig mehr ein Bedürfnis nach Distanz denn den Wunsch nach Identifikation. In seinem in diese Anthologie aufgenommenen Beitrag „Deutschland und die Deutschen“ entfaltet etwa Thomas Mann 1945 seine Analyse der Folgen deutscher „Innerlichkeit“ vor dem Hintergrund des Menschheitsverbrechens, das von Deutschen begangen wurde. Der Umgang mit Schuld und Verantwortung ist zum unaufgebbaren Bestandteil deutscher Identität geworden. Bundespräsident Joachim Gauck hat es so formuliert: „Wer das typisch Deutsche also begreifen und fruchtbar machen will, muss auch über die historischen Prägungen sprechen, die wir als Volk mit uns tragen, in uns tragen, die eine Bürde, aber manchmal auch eine Kraftquelle sein können.“

Den sorgfältigen politischen Umgang mit unserer eigenen Geschichte und Kultur einschließlich ihrer Krisen und blutigen Irrtümer kann uns niemand abnehmen. Eine Errungenschaft der jüngeren deutschen Geschichte ist, dass der dröhnende Nationalismus mit seinen verheerenden Folgen chancenlos geworden und einer bescheidenen, oft geradezu demütigen Haltung gewichen ist. Die Kehrseite davon war die Übertreibung, uns gar nicht mehr zu trauen, sich zum eigenen Land und seinen Leistungen, den selbstverständlichen Grundlagen dieser Gesellschaft und ihren historischen Erfahrungen zu bekennen. Das hat sich zuletzt merklich gewandelt und ist einem verantwortungsvollen Bewusstsein gewichen, das nicht nur in Marketingaktionen zum Ausdruck kommt: Wir sind Deutschland.


Plurale Identitäten in modernen Gesellschaften

Dieses Deutschland ist aber längst nicht mehr nur das der Deutschen. Hier leben heute 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Das sind fast 20 Prozent unserer Bevölkerung. Ihr Anteil steigt insbesondere unter den Jüngeren kontinuierlich. Die gesellschaftliche Realität multikultureller Gesellschaften gibt der Frage nach Identität eine gänzlich neue Wendung. „Meine Heimat ist nicht Deutschland. Sie ist mehr als Deutschland“, beschreibt etwa der Kleist-Preisträger 2012, Navid Kermani, in seinem lesenswerten Buch „Wer ist wir?“ die Erfahrung mehrerer Identitäten. „Meine Heimat ist Köln geworden. Meine Heimat ist das gesprochene Persisch und das geschriebene Deutsch.“ Und weiter: „So widersprüchlich sind wir alle. Jede Persönlichkeit setzt sich aus vielen unterschiedlichen und veränderlichen Identitäten zusammen. Man stelle sich nur einmal vor, man würde in allem, was man tut, denkt, fühlt, Deutscher sein, nur als Deutscher agieren, essen, lieben – das wäre doch ziemlich grauenhaft.“

Politisch betrachtet allerdings ist Multikulturalität zwar eine zutreffende Beschreibung des Erscheinungsbildes, nicht aber ein Konzept zur Selbstvergewisserung und Selbststabilisierung einer modernen Gesellschaft. Kurt Biedenkopf hat vor vielen Jahren in einem Interview in diesem Kontext gesagt: „Wenn eine Gesellschaft multikulturell sein und zugleich ihre eigene Identität nicht verlieren will, dann braucht sie einen gemeinsamen roten Faden, eben eine Leitkultur.“ Soweit dieser Mindestbestand an gemeinsamen Orientierungen und Überzeugungen kanonisierungsbedürftig und überhaupt kanonisierbar ist, muss dieser Kanon meiner Überzeugung nach als ein kontinuierlicher, reflexiver Diskurs organisiert werden, unter allen Bürgerinnen und Bürgern einer Gesellschaft, den Einheimischen wie den Zuwanderern. Dabei geht es nicht darum, um Kermani noch einmal zu zitieren, „sich selbst zu verleugnen, sondern den anderen zu achten“, wobei für alle Seiten gleichermaßen gilt: „Wer sich selbst nicht respektiert, kann keinen Respekt erwarten.“
Deutsche Identität und Europa

Wir sind heute deutsche Europäer, der Zusammenführung Europas politisch nicht weniger verpflichtet als unserem Land. Damit rede ich nicht der Identitätsflucht das Wort. Denn ich glaube nicht, dass Europa unter den historischen Bedingungen, unter denen dieser Kontinent gewachsen ist, rational und vor allem emotional die Position ersetzen könnte, die Nationen im Bewusstsein der Menschen über Jahrhunderte lang eingenommen haben. Aber: Alle prägenden Orientierungen, die im Zentrum der „Leit¬kultur“-Debatten standen und noch immer stehen, also die weltanschaulichen, die religiös fundierten Überzeugungen, sind nie spezifisch deutsch gewesen, sondern mindestens europäisch: Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, sein Anspruch auf Freiheit und Selbstbestimmung, auf gleiche Rechte für alle, die Verantwortung für sich selbst und für die Gemeinschaft. Für mich persönlich ist ihr harter Kern die einzigartige Verbindung von Glaube und Vernunft, die es in dieser Verbindung mit der wechselseitigen Begründung und wechselseitigen Relativierung weder vorher jemals gegeben hat noch anderswo in ähnlicher Weise gibt. Zu dieser europäischen Kultur haben viele Deutsche in einer beachtlichen Weise beigetragen. Aber das ist keine deutsche, sondern eine europäische, eine westliche, eine abendländische Kultur.

Anstelle einer Conclusio

Als Heimat bleibt Europa zu groß, aber als Standort in der einen Welt ist die Heimat zu klein. In diesem Zwiespalt wird sich die Debatte um „die“ deutsche Identität ganz sicher auch künftig immer wieder stellen. Eine Frage – zehn Antworten, heißt es im Titel des vorliegenden Sammelbands. Unzählige andere wären möglich gewesen – und jede provoziert mindestens zehn neue Fragen. Es fehlt ein elfter Beitrag aus dem noch jungen 21. Jahrhundert. Er ist noch nicht geschrieben, jedenfalls noch nicht gefunden. Günter Seubold gebührt Anerkennung für die mit großer Umsicht getroffene Auswahl dieser Anthologie, der ich viele neugierige Leser wünsche – selbst wenn am Ende der Lektüre einmal mehr die Erkenntnis Brechts stehen sollte: „Der Vorhang zu und alle Fragen offen.“


Quelle: Was ist deutsch? Zehn klassische Antworten auf eine prekäre Frage, hg. von Günter Seubold, Bonn 2013, S. 7-11.


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