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Jüdisches Leben in Deutschland – ein Teil von uns
Jüdische Allgemeine, 2. September 2021

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein“, antwortete Konrad Adenauer auf die Frage, wie man den Wiederaufbau der in der Pogromnacht zerstörten Synagoge in der Roonstraße in Köln Ende der 1950er Jahren finanzieren sollte. Deutschlands erster Bundeskanzler machte die Angelegenheit zur Chefsache; er wollte klarstellen, dass jüdisches Leben seinen Platz in Deutschland wieder einnehmen sollte. Feierlich wurde die Synagoge im September 1959 eingeweiht. Dass die erste wiederaufgebaute Synagoge der Bundesrepublik in Köln stand, hatte nicht nur damit zu tun, dass Adenauer in früheren Zeiten Oberbürgermeister der Stadt war, sondern auch mit der langen Geschichte der jüdischen Gemeinde. Deren dokumentierte Anfänge gehen nämlich zurück auf das in diesem Jahr vielzitierte Dekret von Kaiser Konstantin aus dem Jahr 321. Daran erinnert das derzeit begangene Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Dabei handelt es sich keineswegs um einen rein historischen Jahrestag, denn das Thema ist ebenso aktuell wie ambivalent.

Aktuell deshalb, weil es heute wieder eine lebendige jüdische Gemeinde in Deutschland gibt. Jüdisches Leben hierzulande steht nicht nur im Geschichtsbuch, sondern wird tagtäglich mit Leben gefüllt. Das ist alles andere als eine Banalität. Im Gegenteil! Dass nach den traumatischen Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur und der Shoah wieder jüdisches Leben in unserem Land entstanden ist, dass inzwischen viele Tausend jüdische Bürgerinnen und Bürger zugezogen sind, die hier ihre Kinder großziehen, dass es neue Synagogen und jüdische Schulen gibt, grenzt eigentlich an ein Wunder; jedenfalls ist es eine der schönsten Entwicklungen in der jüngeren deutschen Geschichte und nicht nur ein beachtliches Kompliment, sondern auch eine profunde Vertrauenserklärung für unsere Demokratie.

Deutsche Jüdinnen und Juden haben einerseits – und hier kommt die Ambivalenz ins Spiel – dieses Land in vielfältiger Weise geprägt. Gleichzeitig gingen von deutschen Juden bemerkenswerte Impulse für das gesamte Judentum aus. So beeinflussten jüdische Gelehrte in den SchUM-Städten (Speyer, Worms und Mainz), die jüngst zum Weltkulturerbe erklärt wurden, im Mittelalter jüdische Philosophie und Traditionen. „Deutschland prägte das Judentum, und Juden prägten Deutschland“, brachte Anna Staroselski, die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion, es auf den Punkt.

Auch deshalb ist es umso beschämender, dass es in Deutschland noch immer einen virulenten Antisemitismus gibt, der gerade in der jüngsten Zeit wieder unverblümter zutage tritt. In unserem Land mit seiner demokratischen Verfassung dulden wir aber keinen Antisemitismus, unabhängig davon, ob er einheimisch oder zugewandert ist. Wir begegnen ihm mit den Mitteln der Strafverfolgung und treten ihm von Seiten des Staates und als Zivilgesellschaft entgegen. Öffentlich gelebte jüdische Religion und Kultur sollen selbstverständliche Teile des Alltags sein. Und an der Ernsthaftigkeit des Staates dem jüdischen Glauben rechtlich wie faktisch Raum zu seiner Entfaltung zu geben, sind keine Zweifel begründet. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass im Zuge der Veränderungen, die es bei uns wie anderswo gibt, da wir weder eine abgeschlossene Gesellschaft sind noch sein wollen, auch viele Menschen zu uns kommen, die ihre Sozialisation mitbringen, die von einer anderen Haltung gegenüber dem Judentum und dem Staat Israel geprägt ist. Wir müssen in diesem Zusammenhang unmissverständlich klarmachen und durchsetzen, dass Menschen, die nach Deutschland kommen und ein feindseliges Verhältnis zum Judentum haben, die mit jüdischen Mitbürgerinnen und -bürgern nicht zusammenleben wollen oder die Existenz Israels ablehnen, in Deutschland keine Heimat haben können.

Der aktuelle Antisemitismus in Deutschland hat aber noch andere Aspekte und Wirkungen. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie hat die Verbreitung von Verschwörungstheorien zugenommen. „In Zeiten der Krise sind Menschen offener für irrationale Erklärungsmuster, dazu zählen auch antisemitische Stereotypen. Leider hat es in Deutschland seit Jahrhunderten Tradition, dass Juden für Krisen verantwortlich gemacht werden“, erklärt Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. So hat die Polizei 2020 mehr antisemitische Vorfälle festgestellt als jemals zuvor seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 2001. Angesichts dessen fordert Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, die freiheitlichste Verfassung, die dieses Land je hatte, entschlossen gegen alle Angriffe zu verteidigen: „Nicht einen Tag dürfen wir vergessen, wie zerbrechlich die kostbaren Errungenschaften der letzten 76 Jahre sind! […] Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine Sisyphos-Aufgabe. Aber wer sich nicht an Maschinengewehre vor jüdischen Einrichtungen gewöhnen möchte, muss diese bewältigen.“

In diesem Sinne ist es entscheidend, dass es nicht bei Apellen bleibt, sondern dass wir das, was uns wichtig ist, immer wieder ganz unmittelbar nachvollziehbar praktizieren und erlebbar machen: Jüdisches Leben gehört zu Deutschland. Die Konrad-Adenauer-Stiftung nimmt deshalb die anstehenden jüdischen Feiertage im September zum Anlass, ihre entsprechenden Bemühungen nicht nur fortzusetzen, sondern zu intensivieren. Ein Beispiel hierfür ist der im September stattfindende „denkt@g“, ein bundesweiter Wettbewerb, der Jugendliche dazu aufruft, sich intensiv mit der Shoah und der NS-Diktatur, aber auch mit heutigen Formen von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auseinanderzusetzen. Auch unsere alljährliche Festveranstaltung am Tag der Deutschen Einheit, das Bonner Forum, steht in diesem Jahr ganz unter dem Zeichen jüdischen Lebens in Deutschland und wir freuen uns auf die Mitwirkung von Charlotte Knobloch und Prof. Armin Nassehi. So wollen wir mit unserer Arbeit aufklären und informieren, aber eben auch Haltungen vermitteln, die für Demokraten selbstverständlich sein sollten und für deutsche Demokraten allemal.


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