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Das Stadtschloss ist das Gravitationszentrum der städtebaulichen Entwicklung Berlins
Rede von Dr. Norbert Lammert in der Debatte im Deutschen Bundestag zur Gestaltung des Schlossplatzes in Berlin am 04. Juli 2002

Stadtschloss ist das Gravitationszentrum der städtebaulichen Entwicklung Berlins

Rede in der Schlossdebatte

In der heutigen Debatte über die Rekonstruktion der Stadtschlossfassade in Berlin führte der kulturpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dr. Norbert Lammert, u.a. folgendes aus:

Frau Präsidentin!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Niemand darf hoffen oder muss fürchten, dass die mehr als zehnjährige und teilweise leidenschaftliche Debatte über die Wiederherstellung der historischen Mitte Berlins heute ein für alle Mal zu Ende gehen wird.

Heute ist nicht mehr und nicht weniger zu entscheiden, ob sich die Debatte endlos im Kreise drehen oder auf ein erkennbares Ziel zugeführt wird.

Mit anderen Worten: ob sie ein Ergebnis bekommt oder ob sie folgenlos bleibt.

Alle Voraussetzungen für eine Grundsatzentscheidung des Deutschen Bundestages liegen vor: zahllose Gutachten, ergebnislose Wettbewerbe, unzählige Bücher und Aufsätze zum Thema, ungezählte Anträge, Anhörungen und Resolutionen. "Ideenfreiheit", lieber Peter Conradi, hat es weiß Gott gegeben.

Nun liegen auch die Empfehlungen einer international zusammengesetzten Expertenkommission vor, bei deren Diskussion sich die Politik keineswegs die übrigen Scharmützel untereinander geliefert hat. Diese Expertenkommission war neben den Vertretern der Bundesregierung, des Bundestages und des Berliner Senats mit renommierten Architekten, Stadtplanern, Historikern, Publizisten und Unternehmern besetzt. Diese Kommission hatte von der Bundesregierung und dem Berliner Senat die Aufgabe gestellt bekommen, die mehr als zehnjährige Debatte mit ihren unzähligen Vorschlägen, Überlegungen und Konzepten auszuwerten, zu bündeln und beschlussreife Empfehlungen vorzulegen. Genau diese Aufgabe hat die Kommission erfüllt.

Für die CDU/CSU-Fraktion, die im Unterschied zu anderen Fraktionen an dieser Expertenkommission gar nicht beteiligt war, will ich mich heute stellvertretend beim Vorsitzenden, Herrn Swoboda, für die Arbeit dieser Kommission ausdrücklich bedanken.

Es sage niemand, die Debatte und die Arbeit der Kommission hätten keinen Fortschritt gebracht. Das Gegenteil ist richtig. Aus der Fülle denkbarer Optionen sind ganze zwei wichtige Alternativen übrig geblieben. Alles andere ist inzwischen unstreitig und wird in der Beschluss empfehlung des Ausschusses für Kultur und Medien heute auch zur Beschlussfassung empfohlen. Streitig geblieben ist allerdings die nicht unwichtige Frage nach dem Erscheinungsbild eines Gebäudes, von dem sich alle darüber im Klaren sind, dass es ohnehin die Kubatur des Schlosses haben muss.

Ich will noch einmal unterstreichen, was manche in der Debatte zu Recht hervorgehoben haben. Wir empfehlen heute, auch an dieser Stelle dem Vorschlag der Kommission zu folgen, die sich monatelang mit diesem Thema befasst hat. Dies ist keine Empfehlung gegen zeitgenössische Architektur, die es in Berlin reichlich gibt: zum Teil erstklassig, zum Teil belanglos. Das versteht sich fast von selbst.

Ich teile aber ausdrücklich die Auffassung des Staatsministers Nida-Rümelin, der - wie auch ich - in diese Debatte nicht als ein leidenschaftlicher Verfechter historischer Rekonstruktionen eingetreten ist, dass auch ausgewiesene Förderer zeitgenössischer Architektur an manchen Plätzen nachdenklich werden. Die historische Mitte Berlins ist genau ein solcher Platz.

Fast alle Berliner Gebäude sind erst nach dem Bezug des Schlosses errichtet worden. Es war das Gravitationszentrum der städtebaulichen Entwicklung Berlins. Schinkels grandioses Konzept der Mitte Berlins und sein Entwurf für das Alte Museum sind ohne das Gegenüber dieses Schlosses gar nicht verständlich. Ich will im Übrigen nur einmal in Erinnerung rufen, dass das schinkelsche Konzept für diesen ersten Bau auf der Museumsinsel erst nach 27 nicht befriedigenden Entwürfen beschlossen worden ist.

In keiner anderen Residenzstadt hat sich das Herrscherhaus statt mit anderen Adelspalästen rund um das Schloss vornehmlich mit Kultur und Wissenschaft umgeben. Im Schloss selbst gab es die erste öffentliche Bibliothek und die Vorläufer der heutigen Sammlungen der staatlichen Museen und der Humboldt-Universität.

Meine liebe Kolleginnen und Kollegen, keinen Streit kann es darüber geben, dass dieser Platz und dieser Bau eine herausragende geschichtliche Bedeutung haben. Vom Berliner Schloss aus wurde seit Mitte des 15. Jahrhunderts Brandenburg, seit Beginn des 18. Jahrhunderts Preußen und seit Ende des 19. Jahrhunderts Deutschland regiert. Die Geschichte Berlins, Brandenburgs, Preußens und Deutschlands hatte hier über Jahrhunderte ihren Kris tallisationspunkt. Gerade deshalb wurde es 1950 von einem vermeintlich neuen Deutschland in einem beispiellosen Akt der Hybris und der kulturellen Barbarei in die Luft gesprengt, als ließe sich auf einer mutwillig getilgten gemeinsamen Vergangenheit eine bessere Zukunft bauen.

Dadurch hat dieses Schloss eine politische Symbolbedeutung und den Rang eines nationalen Denkmals erhalten.

Eines will ich allerdings gleich hinzufügen: Das demokratische wiedervereinigte Deutschland - föderalis tisch verfasst - hat einen anderen Kristallisationspunkt. Es ist der Platz der Republik mit dem Reichstag als Sitz eines frei gewählten Parlaments und dem Kanzleramt als Spitze der Exekutive.

Gerade weil das so ist, sollten wir die Souveränität haben, die Geschichte dieser Stadt und dieses Landes, die dieser Entwicklung vorangegangen sind, nicht in die Luft jagen zu wollen bzw. zu lassen.

Wir wollen unsere Geschichte nicht glorifizieren und nicht verdrängen. Wir wollen sie vergegenwärtigen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass nicht nur für Günter de Bruyn, einen ausgewiesenen und unbestechlichen Beobachter der deutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, ein Beschluss über die Wiedererrichtung des Stadtschlosses zeigen würde - ich zitiere -, "dass wir uns nicht in eine bequeme, aber gefährliche Geschichtslosigkeit flüchten, sondern unsere Geschichte, wie auch immer wir sie beurteilen mögen, anzunehmen bereit sind".

Dieses Gebäude wird eine andere Nutzung erhalten. Die Architektur muss der vorgesehenen Nutzung dieses neuen Gebäudes Rechnung tragen, was für viele renommierte Architekten in Deutschland und der Welt famose Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Aber gerade in der Verbindung des historischen Erscheinungsbildes mit dem neuen Inhalt gibt es eine besonders reizvolle Aufgabe, die der Geschichte des Baus und dieses Platzes in besonderer Weise angemessen ist.

Worum es jetzt, nach allem, was über viele Jahre hinweg diskutiert worden ist, noch geht, ist die Umsetzung der Empfehlungen, über die wir verfügen. Wir brauchen einen Realisierungswettbewerb, nicht mehr und nicht weniger. Um das noch einmal klarzustellen: Hier geht es eben nicht darum, dass sich die Politik anstelle des tatsächlichen oder vermeintlichen Sachverstandes ein souveränes Urteil anmaßt. Was wir dem Deutschen Bundestag heute empfehlen - dafür werbe ich leidenschaftlich -, ist, uns die Empfehlung des Sachverstandes zu Eigen zu machen, nämlich die Empfehlungen einer Kommission, in der vom Präsidenten der Bundesarchitektenkammer bis zum Berliner Bausenator alles versammelt war, was jedenfalls nach eigenem Selbstverständnis dazu sachkundige Beiträge hatte liefern können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, zu Beginn dieser Legislaturperiode hat Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem Interview zu diesem Thema gesagt:"Ich habe nicht vor, das zur Chefsache zu machen. Wenn ich einen Wunsch zu äußern hätte, dann wäre ich für das Schloss."

Am Ende dieser Legislaturperiode gibt es nicht mehr viel, womit wir ihm helfen könnten, aber diesen Wunsch sollten wir ihm erfüllen, und zwar alle zusammen, quer durch die Fraktionen unseres Hauses, als Reverenz gegenüber den bedeutendsten Berliner Baumeistern Andreas Schlüter und Karl Friedrich Schinkel, in Respekt vor dem erkennbaren Willen nicht nur der Berliner Bürgerinnen und Bürger und als unseren Beitrag zur Wiederherstellung des Gesichts und des Selbstbewusstseins unserer gemeinsamen Hauptstadt.


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