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Bleibt alles anders?
Der 11. September und der unauffällige Rückzug in die Normalität

In der allgemeinen Sprachlosigkeit im Angesicht der Ereignisse des 11. September 2001 gab es nach wenigen Tagen einen Satz, auf den sich scheinbar alle mühelos eini-gen konnten: Nichts werde nach diesem Tage weiter so sein wie es bisher war.
Vielleicht nötigen im privaten wie im öffentlichen Leben jähes Erschrecken und völ-lige Hilflosigkeit zu dem ersten Eindruck, die Welt halte an und beginne danach - wenn überhaupt - ganz neu. Im November 1989 beim Mauerfall als spektakulärem Sinnbild für den Zerfall einer halben Weltordnung gab es ähnliche Erfahrungen. Ein Jahr danach muss es möglich sein, damalige Einschätzungen zu überprüfen, gegebe-nenfalls auch zu revidieren. "Irgendwann, wenn neben Trauer und Wut wieder Luft bleibt für anderes, muss der Westen auch die Kraft für Selbstkritik aufbringen", wie Dieter Thoma, Philoso-phieprofessor aus St. Gallen, kurz nach dem 11. September in einem Aufsatz über das "Ende des Global Village" (Süddeutsche Zeitung, 14. September 2001) zunächst fol-genlos eingefordert hatte. Wenn dieser Anschlag nicht nur den USA gegolten hat, son-dern der ganzen westlichen Zivilisation, wie in Deutschland der Bundeskanzler, der Bundespräsident und auch der Oppositionsfüh-rer in fast identischen Formulierungen festgestellt haben, muss diese Aufforderung auch uns selbst gelten.

Der erste selbstkritische Befund lautet: Es ist fast nichts anders geworden. Fast alles ist wieder so wie es meistens war. Dies lässt sich an vier Aktionsfeldern verdeutli-chen.

1. Politik und Krieg

Die Wiederentdeckung des Militärischen ist ganz gewiss nicht neu, eher die überra-schende Renaissance einer klassischen Domäne der Politik - in den USA als Bestä-ti-gung einer ohnehin beinahe unverrückbaren Überzeugung, in Europa als Revision einer schönen Illusion über den Aufbruch einer vermeintlich neuen Zeit nach Über-windung des waffenstarrenden Ost-West-Konfliktes. Neu ist allerdings die Privatisie-rung militäri-scher Gewalt und die damit verbundene neue Herausforderung, nicht erklärten Kriegen nichtstaatlicher Organisationen wirksam entgegentreten zu müs-sen. Die Mitgliedstaaten der europäischen Gemeinschaft sehen sich genötigt, ihre offensichtliche Vernachlässi-gung der Sicherheit zu korrigieren, während die USA ihre ohnehin beispiellos hohen Militärausgaben auf ein Niveau steigern, dass das Bruttoinlandsprodukt der meisten Staaten dieser Welt übersteigt und mehr als doppelt so hoch ist wie die Summe aller Mittel, die von den Mitgliedstaaten der Europäischen Union dafür aufgebracht werden. Die Einsicht des damaligen regierenden Bürgermeisters Willy Brandt am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus in Berlin, "noch niemals ist der Friede durch Schwäche gerettet wor-den", ist wieder aktuell.

Nach der barbarischen Zerstörung des World Trade Center wird niemand der Not-wen-digkeit einer kraftvollen Antwort auf die Anwendung oder Androhung von Gewalt ernst-haft widersprechen wollen. Aber eine neue überzeugende Antwort auf eine gründlich veränderte Welt- und Sicherheitslage ist bislang nicht erkennbar.

2. Europa und Amerika

Die zunächst scheinbar zögerliche, aber von Beginn an entschlossene amerikani-sche Reaktion auf den Anschlag zeigt die Irrelevanz Europas als Partner der USA, sobald der Bündnisfall praktisch wird und die Amerikaner eigene vitale Interessen bedroht sehen. Bis zum 11. Sep-tember 2001 hätte sich allerdings niemand vorstel-len können, dass der zur Mobilisie-rung amerikani-scher Unterstützung für eine mög-liche Bedrohung Europas im Nato Vertrag definierte Bündnisfall erstmals in der ge-nau umgekehrten Richtung in An-spruch genommen wer-den könnte. Die von Gerhard Schröder sofort und früher als von anderen europäischen Regierungschefs erklärte "uneingeschränkte Solidarität" war unter nahezu jedem Ge-sichtspunkt not-wendig, auch wenn man sich über die Klugheit der Formulierung und ihrer politischen Implikationen jedenfalls mit größerem zeitlichen Abstand streiten darf. Der Schulter-schluss Deutschlands mit den Verei-nigten Staaten war mit und ohne die vertragli-chen Bündnisverpflichtungen richtig, notwendig und unvermeidlich. Nicht ver-drängt werden sollte freilich, dass die Solida-ritätserklärung gegenüber den Vereinigten Staaten zu einem Zeitpunkt erfolgte, als deren Politik für die Bündnispartner weder in vollem Umfang erkennbar noch gar be-einflussbar war. Für die Erwartungen der Unterstützung einer möglichen militärischen Intervention der USA im Irak gilt dasselbe. Die Neigung amerikanischer Regierungen, ihre Politik mit den Bündnispartnern abzustimmen, und ihre Bereitschaft, sich den Regeln internationaler Organisationen unterzuordnen, war schon immer sehr begrenzt. Seit dem 11. September 2001 ist sie offensichtlich weiter gesunken. Die Frage, ob diese Rollen-ver-teilung als "normal" gelten kann, muss erlaubt sein.
In einer gründlichen Analyse der Bedeutung der Terroranschläge vom 11. September als der bisher "radikalste Ausdruck der Auflehnung gegen die von den USA geprägte Weltord-nung" hat der langjährige außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundes-tagsfrak-tion Karl Lamers eine tiefe Krise der transatlantischen Allianz entdeckt und von der Europäischen Union nicht weniger gefordert als "eine grundlegende Neube-wertung des Zustandes, in dem sich die Welt befindet und eine Neubestimmung sei-ner Verantwortung für sie ..., um die unerlässlichen militärischen und anderen opera-tiven Maßnahmen in einen ebenso unerlässlichen politischen Rahmen zu stellen". Einen solchen politischen Rahmen gibt es bislang nicht, schon gar keinen neuen.

3. Der Westen und der Islam

Es spricht durchaus für die allgemeine Ratlosigkeit, nicht aber gegen das Urteilsver-mö-gen der sprachgewaltigen Intellektuellen, dass auch ihre politisch engagierten Reprä-sentanten sich nur sehr zögerlich und eher spät zum 11. September zu Wort gemeldet haben. Gerade deshalb ist sowohl die Aufforderung ernst zu nehmen, keine vorder-gründigen Kausalzusammenhänge zwischen Islamismus und politi-schem Terror herzu-stellen als auch die Hinweise auf Versäumnisse und Verfehlun-gen im Verhalten der westlichen Länder gegenüber der weniger entwickelten Dritten Welt mit wie ohne isla-misch orientierte politische Regime. Hans Magnus Enzens-berger ist schwerlich zu wi-dersprechen, wenn er unter Hinweis auf das lange "Al-phabet des Schreckens" in der systematischen Anwendung politischen Terrors in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun-derts von Algerien, Angola und Burundi über Kam-bodscha, Kongo, Nordirland bis Ruanda und Tschetschenien den New Yorker Mas-senmord in einen Globalisierungspro-zess einordnet, der inzwischen weit über polit-ökonomische Entwicklungen hinaus alle Systeme erfasse, also auch Religion, Wis-senschaft, Kultur und Medien. Unter diesem Gesichtspunkt müsse an der Zerstörung der beiden Türme des World Trade Center als Symbole der kapitalistischen Welt nicht unbedingt ein islamisches Motiv kleben, "jede beliebige andere Begründung hätte es auch getan". Die Vorhaltungen der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy, die den "zivilisierten Westen" mit der Frage konfrontiert, ob der wohlhabende Norden sich mit seinen Wirtschaftsinteressen nicht gegenüber anderen Regionen auf dem Globus in einer Weise abgeriegelt habe, die deren Ent-wicklungs- und Überlebens-interessen kaum noch zur Kenntnis nähme, geschweige denn als gleichberechtigt betrachte, verbunden mit dem Hinweis, der Terrorismus sei ein Symptom, nicht aber die Krankheit, hat zunächst eher Empörung als Zustimmung gefunden. Dennoch ist dies von den Einsichten soweit nicht entfernt, die schon im Jahre 1977 Willy Brandt als Vorsitzender der unabhängigen internationalen Nord-Süd-Kommission unter dem Titel "Das Überleben sichern" zu der Aufforderung veranlasst hatte, die gemeinsa-men Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer zu sondieren: Man müsse sich von der Vorstellung freimachen, "als hätte die ganze Welt die Modelle hoch industri-alisierter Länder nachzuahmen", die Gefahren eines "kulturellen Imperialis-mus" sollte man nicht übersehen, Wachstum und Entwicklung dürften nicht ständig ver-wechselt werden, eigentliches Ziel der Entwicklung eines Landes sei dessen "Selbst-erfüllung" und "schöpferische Partnerschaft", wozu nicht zuletzt "der Erhalt kultureller Identität und Selbständigkeit" gehörten. Die selbstkritische Nachfrage ein Jahr nach dem 11. September ist überfällig, ob nicht ausgerechnet in Zeiten einer inflationierten Globalisierungsrethorik die tatsächliche Orientierung der hoch entwickelten In-dustrielän-der mehr als vor 20, 25 Jahren auf die eigenen Interessen und weniger auf gemein-same Entwicklungspotentiale gerichtet ist.

Der allerorten ausgerufene Dialog mit dem Islam ist nicht zu beanstanden, aber we-der darf sich der notwendige Dialog der Kulturen auf ein merkwürdig exklusives Ver-hältnis der christlichen zur islamisch geprägten Welt reduzieren, noch lässt sich im Einsatz der zusätzlich mobilisierten öffentlichen Gelder etwa im Antiterrorismuspaket der Bundesre-gierung eine ernsthafte Schwerpunktbildung zu Gunsten kultureller Programme und Begegnungen entdecken. Jürgen Habermas hat in seiner Rede zur Verleihung des Frie-denspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche wenige Wochen nach dem 11. September 2001 an die "unabgeschlos-sene Dialektik des eigenen, abendländischen Säkularisierungsprozesses" erinnert: "Der Krieg gegen den Terroris-mus ist kein Krieg, und im Terrorismus äußert sich auch der verhängnisvolle Zusam-menstoß von Welten, die jenseits der stummen Gewalt der Terroristen wie der Raketen eine gemeinsame Sprache entwickeln müs-sen".

4. Entwicklung und Gewalt

Nicht die unwichtigste Frage zur Klugheit und Wirksamkeit der Reaktionen des inter-na-tionalen Bündnisses gegen den Terror ist die Frage nach der Wahrscheinlichkeit neuer Anschläge mit ähnlichen oder anderen Absichten an ähnlichen oder anderen Plätzen. Ist das Risiko der Wiederholung solcher Anschläge heute geringer? Viel-leicht. Sicher ist das nicht. Natürlich muss unzweifelhaft sein, dass nicht nur von den unmittelbar Be-troffenen, sondern von der internationalen Staatengemeinschaft je-dem sofort und kraft-voll begegnet wird, der Terror anwendet oder damit droht. Aber lassen sich Selbst-mordattentäter, die ihr Leben nicht riskieren, sondern gezielt opfern, durch voraussichtli-che Reaktionen beeindrucken, von denen sie ohnehin nicht mehr erreicht werden und insofern gar nicht betroffen sind? Belanglos ist diese Frage auch dann nicht, wenn man sich über den politischen, religiösen und organi-satorischen Kontext völlig im Klaren ist, in dem Attentate mit dem gigantischen logis-tischen Aufwand der gleichzeitigen Schläge vom 11. September 2001 gegen das World Trade Center in New York, das amerikani-sche Verteidigungsministerium in Washington und ein zum gezielten Absturz auf eine weitere Institution gekapertes Verkehrsflugzeug stattgefunden haben. Gerade weil es diesen Kontext gibt und ohne diesen vergleichbare Anschläge schwerlich wiederholbar erscheinen, wird die Frage nach den Zukunftsperspektiven der einen, viel beschwore-nen " globalen Welt" so dringlich.

Wir leben in einer Welt, in der fast die Hälfte der Menschen hungern, weder Arbeit noch ein festes Dach über dem Kopf haben, in der jeden Tag zigtausende Kinder an Unterer-nährung oder heilbaren Krankheiten sterben, in der rund 3 Milliarden Men-schen noch nie telefoniert haben, während einige Millionen wohlhabende Zeitgenos-sen für ihre mo-bile Kommunikation jeden Monat mehr Geld ausgeben als jene über-haupt für ihren ge-samten Lebensunterhalt zur Verfügung haben, in der unter den großen 50 Wirtschaften der Welt 25 multinationale Unternehmen sind, deren Wert-schöpfung höher ist als die der meisten Volkswirtschaften dieser Erde, in der zu-nehmend der Staat, der Regeln setzt, von Unternehmen ersetzt wird, die diese außer Kraft setzen, in der die Ein-kommens- und Vermögens-unterschiede innerhalb der so genannten entwickelten Länder noch größer werden als zwischen diesen und dem Rest der Welt. Ob eine Welt "normal" ge-nannt werden kann, die sich in dieser Verfas-sung befindet, darüber muss man streiten. Jedenfalls müssen wir für uns die Frage beantworten, ob wir auch in Zukunft so leben wollen. Dazu gehört auch das Bemühen um eine sorgfältige Antwort auf die Frage, die Karl Lamers für die zentrale hält: "Wieviel Übermacht erträgt die Welt?".

Der britische Historiker Timothy Garton-Ash hat nach der viel zitierten Bemerkung sei-nes Kollegen Eric Hobsbawm, der Fall der Berliner Mauer sei das eigentliche Ende eines kurzen 20. Jahrhunderts gewesen, gute Gründe dafür angeführt, " die Zerstörung des World Trade Center als den wahren Anfang des 21. Jahrhunderts anzunehmen" (Süd-deutsche Zeitung 14. September 2001). Dies ist sicher übertrie-ben: Ebenso wenig wie der 9.11. 1989 für das 20. Jahrhundert repräsentativ war, wird der 11. September 2001 hoffentlich das 21. Jahrhundert kennzeichnen. Aber wie sich dieses gerade be-gonnene neue Jahrhundert mit seinen politischen Aus-gangsbedingungen, seinen tech-nischen Optionen und ökonomischen Entwicklungs-perspektiven tatsächlich entwickeln wird, wird weitgehend von den Konsequenzen abhängen, die nach dem 11. September 2001 aus dessen Entstehungsbedingungen für eine neue Ordnung der einen Welt ge-zogen werden oder auch nicht. Chris Patten, der für Außenbeziehungen zuständige EU-Kommissar hat zu Recht darauf hingewiesen, dass man "vernünftigerweise nicht ent-weder für oder gegen die Glo-balisierung sein" könne; "die wirkliche Frage ist, wie man sicherstellen kann, dass die Globalisierung im Interesse aller besser funktioniert… viel zu lange sind die The-men Armut und Gewalt, die ganz oben auf unserer internationalen Tagungsordnung stehen sollten, in wortreichen Erklärungen behandelt worden statt mit effektiven Taten" (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Damit greift er das Manifest auf, das von über 100 Nobelpreisträgern anlässlich des 100. Jahrestages des Nobelpreises im Dezember 2001 veröffentlicht worden ist und die "legitimen Forderungen der Besitz-lo-sen dieser Erde" als die wichtigste Gefahr für den Weltfrieden in den kommenden Jah-ren markiert: "Um in der Welt zu überleben, die wir selbst verändert haben, müssen wir auf eine neue Weise zu denken lernen".
Die Abschirmung der westlichen Märkte vor Agrarimporten weniger entwickelter Län-der ist nach Berechnung von Experten in ihrer ökonomischen Bedeutung höher als die ge-samte Entwicklungshilfe an die betroffenen Länder - umstritten ist nur, um wie viel. Nicht umstritten ist, dass die Industrieländer sich immer weiter von ihrer Selbstverpflichtung entfernen, wenigstens 0,7 Prozent v.H. ihres jeweiligen Sozialprodukts für Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen: der Anteil von nahezu 0,4 Prozent zum Zeitpunkt der RIO-Konferenz vor zehn Jahren ist inzwischen auf 0,22 Prozent und damit weniger als ein Drittel der Zielmarke abgestürzt. Man mag die bescheidenen Ergebnisse der vielleicht letzten großen UN-Konferenz von Johannesburg im September 2002 mehr oder weniger freundlich bewerten, ein Durchbruch zu der längst überfälligen "neuen Weltwirtschaftsordnung" waren sie sicher nicht.

Haben wir alle unsere Lektionen gelernt? Gewiss nicht. Alle schon gar nicht . Und möglicherweise lernen wir die Lektionen der anderen leichter als die eigenen. Auch das wäre nicht neu. Aber es wäre der unauffällige Rückzug in eine Normalität, die wir uns nicht länger leisten können. Es bleibt alles anders.


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