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Laudatio bei der Verleihung des Musikpreises der Stadt Duisburg 2026 an Igor Levit
Duisburg, 30. September 2026
Kunst um der Kunst willen ist ein Irrtum, den man gegen die Irrtümer, in deren Namen er angegriffen wird, immer wieder verteidigen muss. Um der Freiheit willen und um der Wahrheit willen und um der Kunst willen.
ERICH FRIED
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Die Einladung zu einer Laudatio ist die willkommene Gelegenheit und in der Regel auch die Erwartung des jeweiligen Veranstalters, eine geballte Ladung von Freundlichkeiten geradezu hemmungslos über den jeweiligen Preisträger auszugießen, um damit ultimativ den Nachweis der Richtigkeit der Preisvergabe zu führen, von dem die anwesenden Gäste der Veranstaltung ohnehin überzeugt sind.
Das ist eine lösbare Aufgabe, schon gar, wenn Igor Levit der Preisträger ist: ein herausragender Künstler, ein international gefeierter und vielfach ausgezeichneter Pianist und ein außergewöhnlicher Mensch.
Die Stationen seiner Biografie sind relativ schnell erzählt: geboren in Nischni Nowgorod 1987 – in einem Staat, den es gar nicht mehr gibt, in eine Familie jüdischer Herkunft, mit acht Jahren zusammen mit den Eltern nach Deutschland ausgewandert, ausgebildet an der Musikhochschule in Hannover, dort mit der höchsten jemals erreichten Punktzahl das Staatsexamen absolviert, schnelle Karriere als Pianist wie als Hochschullehrer, inzwischen auch als Leiter von Musikfestivals, frühe Preise und Auszeichnungen, darunter der renommierte und hochdotierte Gilmore Artist Award, der nur alle vier Jahre vergeben wird. Den Echo Klassik-Preis, den er zuvor erhalten hatte, gab er demonstrativ zurück, nachdem Rapper mit demonstrativ antisemitischen Texten mit dem gleichen Preis ausgezeichnet worden waren.
Manche seiner CD Einspielungen bekannter und weniger bekannte Werke der Klavier-Literatur sind geradezu legendär, zum Beispiel die Verbindung von Bachs Goldberg Variationen und Beethovens Diabelli Variationen mit dem Variations Zyklus des amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski „The People United Will Never be Defeated“, die er gewissermaßen alleine ins Konzertrepertoire gespielt hat. Pünktlich zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven hat er alle seine 32 Klaviersonaten neu eingespielt, die manche Musikkritiker als Referenzaufnahme gefeiert haben.
Was große Pianisten auszeichnet, ist ja nicht die Technik, über die sie selbstverständlich verfügen, sondern die Botschaft, die sie mit ihrem Spiel vermitteln. Nicht Virtuosität macht den bedeutenden Künstler, sondern Kreativität und Demut, wobei das eine das andere nicht ersetzen kann.
Für den Klavier spielenden Musikliebhaber wird der Abstand zu den großen Pianisten nicht nur in den für Normalsterbliche schlicht unspielbaren Kompositionen deutlich, sondern auch und besonders schmerzlich bei den vermeintlich leichteren Stücken, von denen er sich einbildet, sie auch spielen zu können. Wer jemals Igor Levit Bachs C-Dur-Präludium oder Beethovens „Für Elise“ hat spielen hören, verabschiedet sich sofort von der Einbildung, das könne er auch.
Seine herausragende Begabung und Könnerschaft teilt Igor Levit mit anderen bedeutenden Pianisten, er unterscheidet sich durch sein Selbstverständnis als Künstler und seine Haltung, die in der Rolle des Künstlers nicht restlos aufgeht.
„Bürger, Europäer, Pianist“ so hat er sich selbst vorgestellt. Das ist nicht banal – schon gar nicht in dieser Reihenfolge. Und dieses Selbstverständnis hat konkrete Folgen. In der Zeit der Corona-Pandemie, als die Konzertsäle ebenso verriegelt waren wie die Theaterhäuser und Opernbühnen, die Museen dunkel blieben und öffentliche Veranstaltungen wenn überhaupt nur unter absurden Bedingungen möglich waren, hat er sich nicht neben der verordneten in eine selbst gewählte Isolation zurückgezogen, sondern einen Ausbruch gesucht und gefunden. Künstler können keine Impfstoffe entwickeln, keine Arbeitsplätze sichern und keine notwendigen politischen Entscheidungen treffen. Aber sie können Verbindungen zwischen Menschen schaffen. Genau dies hat Igor Levit mit legendären 53 Hauskonzerten getan, die er über Internet an eine stetig wachsende, heterogene Zuhörerschaft gesendet hat.
Natürlich weiß Igor Levit, dass man mit dem Klavier nicht die Welt verändern kann. Aber die Kunst kann Menschen erreichen und manchmal verändert sie diese.
Sein Lebensmotto „No silence“ kommt in seinem öffentlichen Einsatz gegen Antisemitismus, Rassismus und Extremismus immer wieder zum Ausdruck. Sein staatsbürgerliches Engagement ist öffentlich, demonstrativ, deutlich, gelegentlich provokant.
„Du verdankst dieser Gesellschaft enorm viel, also pfeif nicht drauf!“, hat er in einem Interview mit einem Schweizer Magazin schon 2017 erklärt und damit ein Selbstverständnis als Staatsbürger verdeutlicht, dass man allzu gerne zum allgemeinen Maßstab erklären möchte.
In einem freien Land hat niemand das Recht, Künstlern politische Bekenntnisse zu verbieten und ebenso wenig, politische Bekenntnisse zu verordnen oder staatliche Förderung an patriotische Bekenntnisse zu binden.
Die Kunst ist frei und die Künstler und die Kunstvermittler in ihrer Arbeit auch. Aber niemand ist nur Künstler oder Manager, Arzt oder Krankenschwester, Lehrerin oder Fußballfan, Mann oder Frau: jeder und jede ist immer auch Staatsbürger und hat damit eine Verantwortung, die nicht dadurch obsolet wird, dass man sie nicht wahrnimmt.
"Kunst um der Kunst willen ist ein Irrtum, den man gegen die Irrtümer, in deren Namen er angegriffen wird, immer wieder verteidigen muss. Um der Freiheit willen und um der Wahrheit willen und um der Kunst willen." Kunst und Wahrheit und Freiheit: das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Und nichts davon versteht sich oder ereignet sich von selbst. Es muss immer wieder neu begriffen, erarbeitet und vermittelt werden.
Igor Levit hat es begriffen, und er vermittelt es immer wieder als Staatsbürger, als Europäer und als Pianist.
Ich gratuliere der Stadt und der Stiftung zu diesem Preisträger und Igor Levit von Herzen zum Duisburger Musikpreis.
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