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ZEIT-Interview
12.10.2026
»Dann stünde das Überleben der Union infrage«
Ist es sinnvoll, eine Zusammenarbeit mit der Linken und der AfD auszuschließen? Norbert Lammert von der CDU sagt: Jetzt gehe es nicht mehr anders
DIE ZEIT: Herr Lammert, Sie sind seit 60 Jahren Mitglied der CDU. Erleben Sie gerade die größte Krise Ihrer Partei?
Norbert Lammert: Ganz genau weiß man das erst mit größerem zeitlichem Abstand, aber dass die Partei eine tiefe Krise erlebt, ist schwer zu übersehen.
ZEIT: Seitdem in Sachsen-Anhalt die AfD stärkste Partei wurde und in Berlin die Linke, streitet Ihre Partei wieder über den sogenannten Unvereinbarkeitsbeschluss, der eine Zusammenarbeit sowohl mit der Linken als auch mit der AfD ausschließt. Ist dieser Beschluss noch einhaltbar?
Lammert: Jedenfalls würde die Aufhebung dieses Beschlusses zu den vorhandenen Problemen ein massives weiteres Problem hinzufügen. Beinahe zu jedem anderen Zeitpunkt in den zurückliegenden Jahren war es eher vorstellbar, ihn aufzugeben, als jetzt. Denn die AfD ist immer radikaler geworden, und auf der anderen Seite, bei der Linken, verdichtet sich ausgerechnet in der Hauptstadt Berlin der Eindruck, dass eine Aufgabe des Beschlusses genauso wenig überzeugend wäre.
ZEIT: Welches Problem würde durch ein Aufgeben des Beschlusses hinzukommen?
Lammert: Die Gefährdung der inneren Konsistenz der Union. Was geschieht, wenn die CDU einen Grundsatz aufgibt, den sie in der Sache für erforderlich hält, aber um der Mehrheitsfähigkeit willen nicht mehr einhalten will? Dann stünde das Überleben der Union infrage.
ZEIT: Der Beschluss wurde 2018 gefasst, nachdem die AfD zum ersten Mal in den Bundestag gekommen war. Seither schließt Ihre Partei eine Zusammenarbeit mit der AfD und der Linken aus »unterschiedlichen Gründen« aus. Was sind diese unterschiedlichen Gründe?
Lammert: Unsere Mitglieder und Wähler in Ostdeutschland verbinden mit der Linken und ihrer Vorgängerpartei existenzielle Beeinträchtigungen ihrer persönlichen Entwicklung in der Zeit der DDR und empfinden eine Zusammenarbeit als nicht hinnehmbare Zumutung. Einen Unterschied kann man aber nicht übersehen: Die Linke hat sich mit dem Ausscheiden vieler alter SED-Kader auf den Weg ins parlamentarisch-demokratische System begeben, während die AfD stramm aus dem System herausmarschiert. Diese Entwicklung wird durch die jüngere Geschichte in Berlin, freundlich formuliert, so verunklart, dass eine Änderung der Position schwer vorstellbar ist.
ZEIT: Wo beginnt eine Zusammenarbeit?
Lammert: Da, wo es zu politischen Themen, Anliegen oder Absichten gemeinsam vorbereitete Initiativen gibt. Oder gar zu einem ganzen Komplex von Themen eine vereinbarte Zusammenarbeit. Umgekehrt formuliert: Ich kann nicht erkennen, dass der Unvereinbarkeitsbeschluss berührt wäre, wenn Linke oder AfD einem Antrag oder einer Initiative der Union zustimmen. Sonst würde man Linke oder Rechte zum Schiedsrichter der Zulässigkeit eigener Initiativen machen.
ZEIT: Die Situation, als Friedrich Merz im Januar 2025 einen Entschließungsantrag zur Migration in den Bundestag eingebracht hat, der nur mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit fand, ist aus Ihrer Sicht unproblematisch?
Lammert: Ich sehe darin keinen Verstoß gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss, allerdings eine nicht durchdachte, weil unnötige und absehbar Irritationen auslösende Initiative. Ich habe den begründeten Eindruck, dass niemand das nachträglich für einen Geniestreich hält.
ZEIT: Mehrere Ihrer Parteifreunde, darunter auch Weggefährten von Ihnen wie Karl-Josef Laumann, haben gesagt, sie würden aus der CDU austreten, wenn die Partei mit der AfD zusammenarbeitet. Wäre das gegeben, falls CDU-Abgeordnete dem AfD-Kandidaten Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt zu einer Mehrheit im ersten oder zweiten Wahlgang verhelfen?
Lammert: Sowohl die CDU Deutschlands wie die CDU Sachsen-Anhalts lehnen dies kategorisch ab, das beantwortet Ihre Frage zur Haltung der Partei.
ZEIT: Laumann und andere haben das angekündigt, weil sie diese Klarheit offenbar nicht sehen. Und bei der Wahl des Landtagspräsidenten haben sich CDU-Abgeordnete nicht an die Abmachung ihrer Fraktion gehalten.
Lammert: Aber ich kann doch nicht vom abweichenden Verhalten einzelner Mandatsträger abhängig machen, ob ich in der Union bleibe oder nicht! Diese Frage stellt sich für mich dann, wenn sich die Union neu positioniert. Und dafür kann ich kein Indiz erkennen.
ZEIT: Sie waren selbst lange Bundestagspräsident. Was bedeutet es, dass zum ersten Mal ein Rechtsextremer ein Verfassungsamt innehat?
Lammert: Ich finde das nicht nur bedenklich, sondern auch alarmierend. Es war aber vorhersehbar, nachdem die AfD die Wahl gewonnen und das BSW seine Unterstützung zugesagt hatte. Was mich deshalb mehr alarmiert, ist das Scheitern des SPD-Kandidaten für das Amt des Landtagsvizepräsidenten. Dies ist nur dadurch erklärbar, dass nicht alle Mandatsträger aus der politischen Mitte ihm ihre Stimme gegeben haben. Das ist die eigentliche Selbstenthauptung von Demokraten.
ZEIT: Hat das politische System die Kraft, die AfD zu verändern, oder wird die AfD umgekehrt das System mehr verändern?
Lammert: In den vergangenen zehn Jahren ist der Effekt wie bei den Grünen, dass das System nämlich die Partei domestiziert hat, bei der AfD nicht zu beobachten. Nicht nur hat es eine zunehmende Radikalisierung gegeben, sondern die AfD ist mit zunehmender Radikalisierung bei Wahlen auch immer erfolgreicher geworden.
ZEIT: Was sagt das eigentlich über das Land?
Lammert: Es belegt die Unverzichtbarkeit einer unmissverständlichen Distanzierung, mit der wir unser Gespräch begonnen haben. Wir wissen aus der deutschen Geschichte, dass die Achillesferse der Demokratie im Handeln oder eben Nichthandeln von Demokraten besteht. Ein demokratisches System stabilisiert sich nicht von selbst, sondern über das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger. Gegen die Selbstaufgabe einer Demokratie ist ein demokratisches System machtlos.
ZEIT: Die Nervosität bei vielen in der CDU kommt auch daher, dass die Grünen jetzt schon eine Koalitionsoption mit der SPD und den Linken für den Bund aufmachen. Ist es nicht eine Tatsache, dass sich die Union entweder zu Minderheitsregierungen unter Tolerierung durch die Linke öffnen muss oder aber in Richtung der AfD, wenn sie weiter Regierungspartei sein will?
Lammert: Das kann ich nicht erkennen. Die prinzipielle Koalitionsbereitschaft der Parteien in der demokratischen Mitte ist nie so ausgeprägt gewesen wie gegenwärtig. Das sind Geisterspiele, die den Unterhaltungswert einer komplexen Lage zusätzlich befeuern, aber deren Realitätsgrad ich nicht nachvollziehen kann, wie stabile schwarz-grüne und schwarz-rote Koalitionen in großen wie kleinen Bundesländern belegen.
ZEIT: Es gibt in der CDU teilweise einen Unterton in die Richtung: Wenn ihr, liebe SPD, jetzt gemeinsame Sache mit der Linken macht, dann zwingt ihr uns dazu, uns auf der anderen Seite auch zu öffnen, dann befeuert ihr zusätzlich diejenigen bei uns, die das wollen. Diesen Zusammenhang sehen Sie nicht?
Lammert: Nein. Ich beobachte die Warnungen prominenter Grüner und Sozialdemokraten vor einer Regierungsbildung mit der Linken in Berlin. Ich verstehe nicht, woher in diesem Kontext die Besorgnis kommen soll, es gebe ein festes linkes Lager gegen die CDU, das uns geradezu nötigen könnte, einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber einer Partei wie der AfD aufzugeben, die immer unmissverständlicher das Gegenteil von dem vertritt, was uns unverzichtbar und richtig erscheint. Das ist, ich sage es noch einmal, eine Geisterdebatte.
ZEIT: Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge hat aus den Berliner Sondierungen eine Bundesoption gemacht. Wir wissen es nicht, aber es könnte diese Koalition in Berlin am Ende ja geben.
Lammert: Also, erstens wissen wir das tatsächlich nicht. Und wenn es sie gäbe, käme sie unter denkbar komplizierten Bedingungen, möglicherweise mit demonstrativen Parteiaustritten bei den Koalitionspartnern zustande, die genau den Zusammenhang verdeutlichen, über den wir die ganze Zeit reden.
ZEIT: Es gibt Vertreter Ihrer Partei, die sagen, die Brandmauer sei überholt und faktisch tot. Stimmt das? Ist das ein Begriff, den man entsorgen könnte?
Lammert: Begriffe lassen sich nicht leicht entsorgen, weil sie die Kommunikation prägen. Aber es gibt den Unvereinbarkeitsbeschluss. Und der hat in den zurückliegenden Monaten eher an Relevanz gewonnen als abgenommen. Ich warne ausdrücklich vor der Versuchung, aus der unbestreitbaren Veränderung der statistischen Mandatsverteilungen einen programmatischen Schluss herzuleiten, der alle unsere Überzeugungen auf den Kopf stellen würde.
ZEIT: Auf der anderen Seite gibt es in Teilen der CDU auch die Kritik, die Partei sei zu konservativ geworden. Wie sehen Sie das?
Lammert: Die Erfolgsgeschichte der Union beruht auf zwei wesentlichen Voraussetzungen. Zum einen auf dem Selbstverständnis, für alle Gruppen der Bevölkerung ansprechbar zu sein und deren Anliegen in der eigenen Partei zu verarbeiten: eine Union von Katholiken und Protestanten, von Akademikern und Handwerkern, von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Zum anderen auf einem Gestaltungsehrgeiz der Partei unter Konrad Adenauer, der das Land nachhaltig geprägt hat. Ich kann meiner Partei nur dringend empfehlen, beides mit Klauen und Zähnen zu verteidigen: das Selbstverständnis und den Gestaltungsehrgeiz.
ZEIT: Das Angebot, das die CDU macht, kommt in Umfragen auf 19 Prozent. Was fehlt?
Lammert: Ich will noch mal in die Parteigeschichte zurückblicken: Die Ära Adenauer war geprägt davon, eine strategische Bündnisorientierung und eine völlig neue Wirtschaftsordnung zu etablieren – die soziale Marktwirtschaft. Ich glaube, wir befinden uns jetzt in einer ähnlichen Situation. Wir haben innen- wie außenpolitisch, gesellschafts- und sozialpolitisch Veränderungsbedarf. Was die Lage für die heute Verantwortlichen beinahe unlösbar macht: Es gibt in der Gesellschaft zwar eine beachtliche Einsicht, dass Veränderungen unvermeidlich sind. Aber für konkrete Veränderungen, die mit Leistungskürzungen einhergehen, sind keine Mehrheiten absehbar. Um mit Adenauer zu argumentieren: »Da kommt viel Arbeit auf uns zu.«
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