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Töne aus der Politik
Nutzlos und unverzichtbar, erschienen in Deutsches Symphonie -Orchester NEWS 02/2004

Streng betrachtet gibt es nur wenige Einrichtungen, die so nutzlos sind wie Sinfonieorchester: ihre unmittelbare Wirkung ist, wenn überhaupt meßbar, auf eine jeweils knappe Zeitspanne begrenzt. Im Unterschied zu Literatur und bildender Kunst kann man ihre Produkte weder in Bücherregale stellen noch an Wänden aufhängen. Allerdings gibt es Tonkonserven als Schallplatten oder Compact Discs in immer größeren Mengen. Was immer in den Konzertsälen in aller Welt angeboten wird, liegt mit wenigen Ausnahmen längst als Einspielung berühmter Orchester vor, und je populärer das Werk, desto größer ist die Anzahl der verfügbaren Tonträger.
Unter diesen Bedingungen muß ein Konzertprogramm heute mehr leisten als den zunehmend aussichtslosen Wettbewerb mit den technisch perfekten Einspielungen anderer oder gar desselben Orchesters; vielmehr muß es nicht nur Angebote schaffen für Werke weniger bekannter Komponisten, sondern vor allem auch neue Zugänge zu bekannten Werken eröffnen durch ungewohnte Konfrontationen von Altem und Neuem, Vertrautem und Verborgenem.
Der ehrgeizige Spielplan des DSO ist dafür ein überzeugendes Beispiel und zugleich ein Beleg für die Einsicht, dass es auch für ein international renommiertes Spitzenorchester nicht ausreicht, durch seine Konzertprogramme mit den CD-Sammlungen zu konkurrieren.
Ganz streng betrachtet legitimieren nur originelle Programme in erstklassiger Aufführung den hohen Aufwand öffentlich finanzierter Klangkörper. Dann allerdings sind Live-Konzerte großer Sinfonie-Orchester geradezu konkurrenzlos. Und wenn das Leben ohne Musik – nach Nietzsche – nur ein Irrtum wäre, was wäre dann wohl die Kultur ohne Orchester?


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