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Das politisch-moralische Erbe des Widerstandes
Eine Würdigung des 20. Juli 1944 nach 60 Jahren

Geschichte ist mehr als die Chronik von Ereignissen: geplanter und zufälliger, großer und kleiner Ereignisse, der bedeutenden und unbedeutenden, der wirkungsmächtigen und der folgenlosen. Herausragende Ereignisse wirken über den Tag hinaus, sie bleiben im Gedächtnis und prägen die weitere Entwicklung. Dies gilt für einzelne Personen wie für ganze Völker und Nationen. Wer seine Geschichte nicht kennt, kann seine Gegenwart nicht begreifen und steht ohne Orientierung vor der eigenen Zukunft.

Historische Daten sind erst mit einigem Abstand als solche zu identifizieren. In der vergleichsweise kurzen Geschichte des deutschen Nationalstaates und der Demokratie in Deutschland ragen einige Daten heraus:

18. März 1848: März-Revolution
18. Januar 1871: Kaiserproklamation in Versailles, Gründung des Deutschen Nationalstaates
9. November 1918: Abdankung des Kaisers, Ausrufung der Republik
9. November 1923: Hitler-Putsch in Berlin
9. November 1938: Reichspogromnacht
8. Mai 1945: Kapitulation der Wehrmacht, Ende des 2. Weltkrieges
17. Juni 1953: Aufstand in der DDR
13. August 1961: Bau der Mauer
9. November 1989: Fall der Mauer
3. Oktober 1999: Wiedervereinigung

Die Liste der Daten ist weder vollständig noch willkürlich. Sie macht deutlich, wie nahe Glanz und Elend in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts oft beieinander liegen, Tage des Scheiterns und Tage des Triumphes – und manchmal erweist sich der Triumph als Scheitern und das Scheitern als Grundlage des Triumphes. Dies gilt für Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 wie für das gescheiterte Attentat am 20. Juli 1944.

Zum 50. Jahrestag des 20. Juli hat der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl im Bulletin der Bundesregierung erklärt: „Dieses Datum wird – so hoffe ich – für immer daran erinnern, daß die Würde jedes einzelnen Menschen aller staatlichen Gewalt vorausgeht und ihr übergeordnet ist…nur unter der Herrschaft des Rechts ist die Würde des Menschen wirksam geschützt. Diese Überzeugung ist das wichtigste Vermächtnis des 20. Juli 1944“. Zum gleichen Anlaß kritisierte damals Frank Stern, deutsch-jüdischer Zeitgeschichtler, die Organisatoren der Veranstaltung zum 50-Jahr-Gedenken, es werde der Versuch unternommen, die Wolfsschanze gegen Auschwitz aufzurechnen: „Debatten, Konferenzen und schließlich die zu erwartenden national getönten Reden am 20. Juli 1944 würdigten ein Ereignis, das es gar nicht gegeben hat, nämlich eine deutsche Abrechnung mit der NS-Herrschaft zu einer Zeit, als eingreifendes Handeln und nicht räsonierende Herrenzimmergespräche vonnöten gewesen wären.“ Es sei der Versuch unternommen worden, die Verschwörer „in den geschichtsträchtigen Status eines künftig staatstragenden Mythos“ zu erheben (Frank Stern, Wolfsschanze versus Auschwitz. Widerstand als deutsches Alibi? in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1994, Jahrgang 42, Heft 7, Seite 645 ff.)

Das unverändert hohe, 60 Jahre nach den Ereignissen eher zunehmende öffentliche Interesse am deutschen Widerstand gegen Hitler darf nicht voreilig als Nachweis seiner unangefochtenen Bedeutung und Wertschätzung interpretiert werden. Über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg ist der Widerstand direkt oder indirekt des Vaterlandsverrates verdächtigt und seine Protagonisten zweifelhafter Motive geziehen worden. Einer der besten deutschen Kenner des Nationalsozialismus und des Widerstandes, Joachim Fest, hat Anfang dieses Jahres in seiner Rede zur Verleihung des Eugen-Bolz-Preises vom „verschmähten Vermächtnis“ gesprochen, das bis heute nicht zum selbstverständlichen nationalen Besitz geworden sei: „der 20. Juli ist immer ein Gedenktag 3. Klasse geblieben. Wann je wäre eine Nation, die auf sich hält, ähnlich geringschätzig mit einem Datum und einer Personengruppe umgegangen, in deren moralischer Pflicht sie steht?“ Tatsächlich ist bei aller Unterschiedlichkeit des politischen Kontextes der Unterschied zu Frankreich auffällig, wo die Resistance wesentlicher Bestandteil des nationalen Selbstbewußtseins ist und als Wiederherstellung der nationalen Würde und der politischen Unabhängigkeit der Französischen Republik gewürdigt wird.

Trotz der frühen und unmißverständlichen Würdigung des Widerstandes durch alle Bundespräsidenten und Bundeskanzler seit Theodor Heuss und Konrad Adenauer und seine ausdrückliche Einbeziehung in den Traditionserlaß der Bundeswehr ist die öffentliche Wahrnehmung und Beurteilung zögerlich und ambivalent geblieben. Dazu hat nach dem Urteil von Joachim Fest die Geschichtsschreibung in der Charakterisierung der Personen wie der Ereignisse durch eine Neigung zur Heroisierung, Banalisierung und Denunziation nicht unwesentlich beigetragen:

„Seit Jahren schon und bis heute stößt man auf die Behauptung, die Geschichtsschreibung der frühen Nachkriegsjahre habe eine erkennbare Neigung zur Heroisierung zumindest der herausragenden Figuren des Widerstands offenbart. Das mag vereinzelt zutreffen, sofern als ‚Heroisierung’ nicht lediglich der Respekt verstanden wird, der auch dem Historiker aufgegeben ist, wo es um den Einsatz nicht nur des eigenen Lebens, sondern oft auch der dazugehörigen Familien bis hin zu den ins Vertrauen gezogenen Freunden geht.

Etwas anderes trat schon bald auffälliger hervor: das Bedürfnis zur Herabwürdigung des Widerstands. So wenn den Beteiligten konspiratives Unvermögen, Entschlußmangel, vor allem aber demokratische Unzulänglichkeit vorgeworfen wurde sowie die Verhaftung in den autoritären Befangenheiten einer alten, von preußischem oder sonstwie reaktionärem Ungeist geprägten Tradition. Alle diese Vorbehalte mündeten dann in den Generaleinwand, keine der Frondeure sei für die politische und soziale Ordnung der Bundesrepublik gestorben und folglich als Richtungsgeber oder gar Vorbild anzusehen.

Wie unhistorisch und widersinnig dergleichen auch klingt, beherrscht es doch seit Jahren die Debatte über den Widerstand. Nicht wenige Beobachter haben sich auch gefragt, welche Motive bei dieser anschwärzenden Bewertung der Akteure im Spiel waren: ob deren Herabsetzung nicht häufig die eigene Anpasserei, auch die von Eltern und Lehrern, in jenen Nebel tauchen sollte, in dem alle Katzen grau und mitläuferhaft werden. Unschwer jedenfalls ließen sich im Kreis der Kritiker Beispiele ausmachen, wo die Verstrickung offenkundig war und eine Art Schuldausgleich in der Behauptung gesucht wurde, daß alle Deutschen versagt, ohne Unterschied mitgehorcht und nur zu gern mitgejubelt hätten. Keiner sollte das Vorrecht in Anspruch nehmen dürfen, schärfer hingesehen und tapferer widerstanden zu haben als jedermann – schon gar nicht die Angehörigen einer lange aus der Zeit gefallenen Elite. Es war die alte Rechnung, die da aufgemacht wurde: Wo alle schuldig sind, ist es im Grunde keiner.“

Es versteht sich von selbst, daß Historiker Personen, Planungen, Abläufe und Wirkungen nüchtern und kritisch analysieren müssen. Dies rechtfertigt allerdings nicht die immer wieder anzutreffende Sammlung von Spekulation, Verdächtigungen und teilweise aberwitzigen Vorhaltungen gegenüber den handelnden Akteuren, die genau den historischen Kontext ausblenden, den Geschichtsschreibung erhellen soll. Dazu gehört auch der zutreffende Einwand, nicht wenige der späteren Widerständler hätten anfangs mit Hitler und seiner Bewegung sympathisiert sowie ihre politischen und militärischen Ziele aus Überzeugung oder falsch verstandenem Pflichtbewußtsein (zu) lange unterstützt.

„...was den vermeintlich zu spät erfolgten Tatentschluß angeht, muß darauf hingewiesen werden, daß sich die vermutlich aussichtsreichste Widerstandsaktion 1938 an Hitlers erkennbar hervortretender Entschlossenheit zum Krieg entzündet hat. In den gleichen Zusammenhang gehört, daß die Mehrzahl der geplanten Attentate, deren Zahl zwischen dreißig und annähernd vierzig Vorhaben liegt, aus der Zeit vor Stalingrad und der Wende des Krieges datiert.“ (Joachim Fest)

Tatsächlich verdient der lange Weg zum Staatsstreich eine mindestens so große Hochachtung wie eine Gegnerschaft von vornherein, ob sie politisch, moralisch oder religiös begründet war. Den einen wie den anderen verlangte dieser Weg unter den gegebenen Verhältnissen einer totalitären Willkürherrschaft ein für die heutige Generation kaum vorstellbares Maß an Mut, Entschlossenheit, Verleugnung eigener und fremder Interessen sowie die Bereitschaft zur Opferung des eigenen Lebens ab. Ich teile ausdrücklich die Beurteilung von Joachim Fest:

„Allen hochgeredeten Fragwürdigkeiten zum Trotz ist und bleibt der Widerstand eines der großen, erinnerungswürdigen Ereignisse der deutschen Geschichte. Auch die geringen Erfolgschancen, die er besaß, der Mangel an Beistand im Innern und die fehlende Ermutigung von Außen, tun seinem Rang keinen Abbruch. Desgleichen kann man ihn an der Vergeblichkeit seiner Bestrebungen nicht messen, die keine politischen, nationalen oder sonstigen gearteten Interessen für sich geltend machen konnten. (…)

An der Tat selber und dem, was man das ‚Elend ihrer Vergeblichkeit’ genannt hat, ist das Geschehen daher nicht zu messen. Zwar bleibt zu sagen, daß die zahlreichen Anläufe zur Beseitigung Hitlers und seiner Diktatur durchweg fehlgeschlagen sind. Auch kann niemand wissen, ob ein Gelingen des einen oder anderen Versuchs den Lauf der Dinge zum Guten beeinflußt hätte.

Aber das Urteil über jene Jahre haben alle diese Unternehmungen dennoch von Grund auf verändert. Noch im Scheitern haben sie bewirkt, daß wir der Geschichte der Hitlerzeit etwas besser ins Gesicht sehen können. Nicht immer hat die „Causa victa“, die besiegte Sache, die größere Würde für sich und den Anspruch auf unsere Erinnerung. Manchmal aber doch. Und keine, in der deutschen Geschichte jedenfalls, so wie der Widerstand.“

Wenige Monate vor dem 60. Jahrestag der Landung der alliierten Truppen in der Normandie und der Befreiung des europäischen Kontinents von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft hat die französische Regierung den deutschen Widerstand gegen das Hitler-Regime demonstrativ gewürdigt. In einer feierlichen Zeremonie im Außenministerium wurde Phillipp von Boeselager, der als junger Ordonnanzoffizier an der Planung des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 beteiligt gewesen war, mit dem Offiziersgrad der Ehrenlegion ausgezeichnet. Die Europaministerin Noëlle Lenoir hob in ihrer Ansprache das Verdienst Boeselagers stellvertretend für die Verschwörer vom 20. Juli hervor: „Wir wollen heute mit Ihnen auch jene Frauen und Männer ehren, die unter unglaublich schwierigen Umständen, in einem heute unvorstellbaren Kontext der Unterdrückung, aufrecht geblieben sind. Diese Frauen und Männer, die auf die Stimme ihres Gewissens gehört haben, zeigten übermenschlichen Mut. Mit der Verleihung der höchsten Auszeichnung der Französischen Republik wollen wir auch Claus von Stauffenberg und Henning von Tresckow würdigen. (…) Die Regierung erweist damit den Tausenden die Ehre, die in den Monaten nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet wurden und die mit ihrem Blut eine der heldenhaftesten und schrecklichsten Seiten der deutschen Geschichte geschrieben haben. (…) Ihr Opfer hat Deutschland nicht verschont, aber Deutschlands Ehre gerettet“.

Der Widerstand in Deutschland gegen Hitler ist gescheitert, aber er ist politisch weder wirkungslos noch folgenlos geblieben. Der Widerstand ist ein Symbol des Anstands und der Zivilcourage, der Einsicht in die Notwenigkeit fundamentaler Veränderungen und der Entschlossenheit, diese Veränderung herbeizuführen, unabhängig von ihren Erfolgsaussichten. Für mich gibt es vier nachhaltige Wirkungen des politischen Widerstandes gegen das nationalsozialistische Terrorregime:

1. Der Widerstand war Voraussetzung und Grundlage für die Wiederherstellung des Ansehens Deutschlands in der Welt.
Früher als in Deutschland selbst wurde in Großbritannien, Frankreich und den USA die Bereitschaft zum Wiederaufbau unseres Landes, das politisch, militärisch, ökonomisch und moralisch zugleich am Boden lag, mit dem verzweifelten Aufbäumen gegen das Unrechtregime begründet. „In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde. Diese Menschen kämpften ohne Hilfe von innen und außen – einzig getrieben von der Unruhe des Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns unsichtbar, weil sie sich tarnen mußten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament des neuen Aufbaus.“ (Winston Churchill 1946).

2. Der Widerstand war und bleibt die Manifestation eines aufgeklärten Patriotismus, der das eigene Land weder in Abgrenzung zu anderen definiert noch als ihnen überlegen behauptet, und der schon gar nicht bereit ist Volk, Staat oder Nation für wichtiger zu halten als Person, Menschenwürde und Recht.

3. Der Widerstand hat entscheiden beigetragen zur Wiederentdeckung des Rechtsstaates als unverzichtbare Grundlage für Freiheit und Gerechtigkeit, er wirkt als dauerhafte Orientierung für den Umgang mit Totalitarismus und Extremismus.

4. Die Auflehnung gegen staatliches Unrecht hat in einer auch international beispiellosen Weise ihren Niederschlag im Grundgesetz gefunden. Im zeitlichen Kontext der Debatte um die sogenannten Notstandsgesetze und damit verbundener Besorgnis erneuter staatlicher Bedrohung unentziehbarer Grundrechte ist im Art. 20, Abs. 4, nun das Recht auf Widerstand verankert „gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen (...) wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“.

Man mag darüber streiten, ob sich ein Recht auf Widerstand sich überhaupt kodifizieren läßt. Daß unsere Verfassung, solchen Bedenken zum Trotz, ausdrücklich ein Recht auf Widerstand in die Verfassung integriert, um diese Verfassung gegen ihre mutwillige Zerstörung zu schützen, zeigt die Nachwirkung des im Scheitern erfolgreichen deutschen Widerstandes.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie vermittelt Orientierungen für ähnliche, vergleichbare Situationen. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ist weiß Gott keine ungebrochene Erfolgsgeschichte, vielmehr hat sie über eine Serie von Niederlagen einen erfolgreichen Neuanfang und am Ende die Einheit der Nation in Freiheit, in Frieden mit den Nachbarn gefunden. Das Bewußtsein der Voraussetzungen dieses Erfolges wach zu halten, ist nicht die Aufgabe der Historiker, sondern aller Demokraten.

Vicco von Bülow alias Loriot, der als Oberleutnant der Wehrmacht drei Jahre im Rußlandfeldzug war, hat in einem Interview aus Anlaß seines 80. Geburtstages seine Rolle als Soldat mit der Tradition seiner Familie begründet, die seit Jahrhunderten nicht in Frage gestellt worden sei. Auf die Frage, ob er ein guter Soldat gewesen sei, gab er die Antwort: „Nicht gut genug, sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende“.

Dies ist das doppelte Vermächtnis des 20. Juli 1944: Die Scham über eine beispiellose Verirrung und das Selbstbewußtsein über ein neues demokratisches Deutschland, das sich dem heldenhaften Einsatz derer verdankt, die im Scheitern erfolgreich gewesen sind.


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