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Alles nur Theater? Wie sich Politik inszeniert
Rede vor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt am 12. Februar 2005 in Wittenberg

"Es ist relativ schwierig, sich darauf zu einigen, was denn Theater sei. Denn Theater ist keineswegs nur Stadttheater. Also, wenn ein betrunkener Ehemann nach Hause kommt und die Haustür einschlägt, und die Ehefrau einen riesigen Zirkus veranstaltet und sagt: was hast du denn bloß angerichtet, dann sagt er: hör doch auf mit dem Theater um so eine Kleinigkeit".
Peter Stein


Die Schwierigkeiten des Themas beginnen schon mit dem Begriff, wie Peter Stein in einem Vortrag im mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin aus Anlaß der 158. Zusammenkunft des Bremer Tabak-Kollegiums am 28. September 2004 verdeutlichte: „Theater ist etwas, was wir alle machen können. Wir alle stehen auf der Bühne, das ganze Leben, diese ganze Welt ist eine Bühne“. Der bedeutende deutsche Regisseur bestätigt damit einen Befund, der zwei Jahre zuvor noch hohes Aufsehen erregt und beachtliche Wellen der Empörung erzeugt hatte, als der saarländische Ministerpräsident Peter Müller in einem Vortrag im Staatstheater Saarbrücken am 24. März 2002 die Inszenierung von Politik am konkreten Beispiel der kurz zuvor stattgefundenen Ereignisse im Bundesrat bestätigt hatte: „Ist Politik Theater? Antwort: Ja! Politik ist Theater. Das ist gut, solange das politische Theater ein Beitrag dazu ist, Aufmerksamkeit zu erreichen für die vertretenen Inhalte und für die vertretenen Konzepte. Es ist schlecht, wenn dadurch von den vertretenen Inhalten und den Konzepten abgelenkt werden soll. Ohne Theater werden sie keine erfolgreiche Politik in dieser Gesellschaft gestalten können“.

Der exemplarische Vorgang und seine Wahrnehmung lassen ein doppeltes Problem erkennen: zum einen die Vermutung, daß Politik und Theater miteinander zu tun haben, zum anderen die Erwartung, das eine müsse sich vom anderen deutlich unterscheiden.

Ich will über Zusammenhänge und Unterschiede einige Beobachtungen und Bewertungen formulieren, die weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Allgemeingültigkeit erheben.

1. Politik hat mit Theater, Theater mit Politik zu tun – manchmal subtil, manchmal substantiell, subversiv oder rituell, gelegentlich anspruchsvoll, manchmal platt.
Prinzipiell sind Politik und Theater zwei grundsätzlich unterschiedliche Formen der kreativen Auseinandersetzung mit individuellen und sozialen Herausforderungen und Problemen: Politik mit den Mitteln der Macht, Theater mit den Mitteln der Kunst – zwei extrem unterschiedliche, verfeindete und zugleich benachbarte Substanzen, deren Spannungsverhältnis der dichtende Staatsminister Goethe in seinem „Torquato Tasso“ besonders eindrucksvoll auf die Theaterbühne gebracht hat.

2. Theater erschöpft sich nicht in seiner politischen Funktion, die es auch hat, die Politik nicht in ihren Riten und Inszenierungen, die sie auch braucht: Politische Absichten allein legitimieren das Theater ebenso wenig wie theatralische Inszenierungen die Politik.

3. Die typische, klassische Wirkung des Theaters ist die große Emotion, der Denkanstoß, die Reflexion, manchmal die Verbindung des einen mit dem anderen.
Die typische Wirkung der Politik ist das Gesetz, die Verordnung, die verbindliche Entscheidung – nicht zuletzt über die Erhebung von Steuern und deren Verwendung für Straßenbau, Landesverteidigung, Schulen oder Theater.
„Jede Art von Stetigkeit ist eigentlich dem Theater zuwider. Das Theater besteht darin, daß Menschen mit bestimmten Texten im Mund in einem Raum-Zeit-Koordinatensystem handeln, allerdings nach einem bestimmten Plan und ohne schwerwiegende Konsequenzen… eigentlich für einen Abend gemacht“ (Peter Stein).
Politik ist weder für den Tag gemacht noch für den Abend, sondern mit dem Anspruch der Geltung bis auf weiteres, gelegentlich für künftige Generationen.

4. Theater und Politik sind aufeinander angewiesen: Theater materiell, Politik kulturell. Die faktische Abhängigkeit des Theaters von politischen Entscheidungen über den Einsatz von Steuermitteln ist in Deutschland ausgeprägter als irgendwo sonst. 150 Stadt- und Staatstheater erhalten jährlich über 2 Mrd. Euro aus öffentlichen Haushalten, die über 80 Prozent ihrer Gesamtausgaben bestreiten.

5. Die Neigung zur Inszenierung mit der Verwechslung von Verpackung und Inhalt ist eine gemeinsame Versuchung von Politik und Theater. Nicht nur für Parteitage, Wahlkampf-Kundgebungen, „Krönungsmessen für Spitzenkandidaten“ gilt diese Beobachtung, sondern auch für manche Theaterproduktion, die weder den Anspruch einer „moralischen Anstalt“ (Friedrich Schiller) noch einer „Denkwerkstatt“ (Berthold Brecht), sondern vor allem sich selbst genügt. „Der Regisseur wurde immer wichtiger, der Regisseur selbst erklärte sich zum Autor. Da er aber zu blöd ist, ein Stück selbst zu schreiben, benutzt er bestehende Stücke und montiert die in irgendeiner Weise zusammen, so wie es ihm gerade sein mehr oder weniger ausgeprägter Genius eingibt“ (Peter Stein).

6. Politik und Theater sind jeweils auf Ihre Weise Anstrengungen zur Konfrontation der Wirklichkeit mit ihren Möglichkeiten. Für Carl Hegemann, den Dramaturgen der Berliner Volksbühne, sind „Kunst und Politik beides Produktionen von Illusionen, an die man glaubt“ („Die Theatralisierung der Politik oder die Chance des Scheiterns“). Wenn dies denn die Gemeinsamkeit von Politik und Theater wäre, was ich nicht glaube, markiert diese vermeintliche Gemeinsamkeit zugleich auch den entscheidenden Unterschied: Politik scheitert an eigenen Illusionen am Ende immer, die Kunst lebt von ihnen. Sie muß sich jedenfalls nicht um eine Umsetzung eingebildeter oder tatsächlicher Möglichkeiten in Wirklichkeit bemühen. Dies nämlich ist Aufgabe der Politik, nicht der Kunst.


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