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Grass hat keine politische Autorität
Berliner Zeitung vom 19.08.2006

Günter Grass machte in dem Gespräch mit Ulrich Wickert einen, ich will nicht sagen, angeschlagenen Eindruck, aber er war offenkundig von der öffentlichen Diskussion beeindruckt. Die außergewöhnlich ruhige, bedächtige, gelegentlich fast demütige Art der Argumentation war eine außergewöhnliche Grass-Erfahrung. Fast konnte man den Eindruck haben, als sei er erleichtert, dass er als moralischer Scharfrichter in eigener Sache offenkundig ausfällt.

Mich stört nicht, dass Grass - wie viele andere junge Leute auch - damals in die von ihm ja eingeräumte Verbindung mit dem Regime geraten ist, dass er früh begeistert war von einer Ideologie, die ihn offenkundig überrumpelt hat. Ich kann auch nachvollziehen, dass es ihm nicht möglich war, über diese Art von Verbindung in den letzten Kriegsmonaten zu sprechen. Was ich nicht begreife ist, dass er anderen gegenüber, die jedenfalls nach den objektiven Daten sich in einer ähnlichen Situation befunden haben, mit einem so unnachsichtigen moralischen Urteil aufgetreten ist und für sich selber nun offenkundig andere Konditionen reklamiert. Für mich ist der Punkt, dass er hier für sich eine Nachsicht reklamiert, die er anderen geradezu prinzipiell verweigert hat.

Günter Grass ist immer wieder in vergleichbaren Situationen mit einem scharfen, unnachsichtigen, geradezu unbarmherzigen moralischen Urteil gegenüber anderen aufgetreten. Ich hoffe, das ist jetzt die Lektion, die er selber und auch andere aus dieser Situation für die Zukunft ziehen, dass eine solche Neigung zur Unnachsichtigkeit weder den historischen Erfahrungen, noch der jeweils individuellen Lebenssituation gerecht wird.
Es geht weder darum, nun ein besonders prominentes Beispiel für eine jahrzehntelang verdrängte Verstrickung zum Anlass einer prinzipiellen Verharmlosung oder Verniedlichung der damaligen Verhältnisse und auch persönlicher Verirrungen oder Verstrickungen zu nehmen, aber umgekehrt muss die Übertreibung noch kritischer als in der Vergangenheit behandelt werden, für die Grass selber immer wieder gestanden hat, nämlich aus einer scheinbar abgehobenen Position eines unbeteiligt über allen anderen Niederungen schwebenden aufgeklärten Geistes Zensuren und moralische Urteile zu erteilen, die in vielen Fällen dieser jeweiligen individuellen Lebenssituation nicht gerecht werden und den historischen Verhältnissen eben auch nicht.

Mich hat Günter Grass als Autor sehr beeindruckt. Daran wird sich auch nach diesen eigenen späten Enthüllungen nichts ändern. Dass herausragende Autoren und Schriftsteller sich nicht zugleich durch überragendes politisches Urteilsvermögen auszeichnen müssen, ist eine Erfahrung, die man bei Günter Grass nicht zum ersten Mal macht. Seine Einlassung etwa zur deutschen Einheit war nicht nur für mich, sondern übrigens auch für viele Sozialdemokraten, die er politisch ja immer besonders aktiv unterstützt hat, damals in einer Weise politisch außerirdisch, dass die Vorstellungen, dass es sich hier um eine herausgehobene politische Autorität handele, sicher sehr viel früher erschüttert worden sind als durch die Vorlage seiner Autobiografie.

Norbert Lammert (57) ist Abgeordneter der CDU und Präsident des Deutschen Bundestages. Diese Äußerungen zu Grass formulierte er in einem Interview mit Friedbert Meurer im Deutschlandfunk.


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