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Laudatio bei der "Leibniz-Ring-Hannover"-Preisverleihung
am 27. November 2007 in Hannover

Sehr geehrter Herr Dr. Vogel,
lieber Bernhard Vogel,
verehrte Frau Vogel,
Herr Ministerpräsident, Herr Landtagspräsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten und Regierungen,
lieber Herr Köster, verehrte Gäste,

leider muss ich mit einem Dementi beginnen. Auf der Homepage des Presseclubs Hannover wird der Vorsitzende mit folgenden Worten zitiert: „Dass Bundestagspräsident Lammert nach Hannover kommt und dafür auch seine parlamentarischen Verpflichtungen in Berlin zurückstellt, ist Beweis für den Stellenwert dieser Preisverleihung. Wir erwarten eine pointierte Festrede.“

Gegen Erwartungen ist man machtlos, aber Falschmeldungen sollte man korrigieren, bevor sie sich verselbständigen. Ich habe die ebenso liebenswürdige wie hartnäckige Anfrage in einer durchsichtigen konzertierten Aktion mehrerer Juroren, ob ich heute Abend bei der Verleihung des Leibniz-Preises an die Gebrüder Vogel die Laudatio halten könnte, mit dem ausdrücklichen Hinweis auf meine parlamentarischen Verpflichtungen in Berlin beantwortet und meine ehrlich gemeinte Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass sich das eine mit dem anderen in einer Haushaltswoche am Ende miteinander verbinden ließe.

Ich kenne im übrigen die beiden Preisträger nicht beide gleich gut, aber beide lange genug, um keine Illusionen darüber zu haben, dass mindestens bei einem von beiden noch so eindrucksvolle retorische Übungen den Verdacht der Vernachlässigung parlamentarischer Verpflichtungen ganz gewiss nicht ausgleichen könnten.

Umso mehr bin ich erleichtert, dass das eine mit dem anderen tatsächlich zu vereinbaren ist: die heutigen Plenardebatten sind abgeschlossen, die namentlichen Abstimmungen finden erst ab morgen und dann in einer überschaubaren Regelmäßigkeit über den Lauf der Woche statt. Das gibt mir die in der Tat willkommene Gelegenheit, mich an der Auszeichnung von zwei bemerkenswerten Persönlichkeiten zu beteiligen, die beide in verschiedenen Parteien und in unterschiedlichen Ämtern und Funktionen diesem Land in außergewöhnlicher Weise gedient haben.

Meine Damen und Herren, in nachdynastischen Zeiten, in denen Ämter nicht mehr in Erbfolge, sondern durch Wahlen vergeben werden, hat keine andere Familie in Deutschland mehr und länger herausragende politische Ämter besetzt als diese beiden Brüder. Eigentlich so ziemlich alles, was es gibt, auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Hans-Jochen Vogel war Oberbürgermeister in München, Regierender Bürgermeister in Berlin, erst Wohnungs- und Städtebauminister, dann Justizminister sowohl in den Regierungen Willy Brandt wie Helmut Schmidt. Er war Kanzlerkandidat, er war Oppositionsführer, er war Partei- und Fraktionsvorsitzender der SPD. Eine solche Karriere hat nach meiner Erfahrung im Allgemeinen eher abschreckende Wirkung auf Zeitgenossen, jedenfalls ermutigt sie in aller Regel nicht Nachahmungstäter in der eigenen Familie - wegen offensichtlicher Aussichtslosigkeit. Nicht so bei Bernhard Vogel, der sich das so und schon gar nicht konkurrenzlos bieten lassen wollte und prompt eine ähnlich eindrucksvolle, die verschiedenen politischen Ebenen zusammenfassende Karriere absolviert hat. Auch er begann seine Laufbahn auf kommunaler Ebene als Stadtrat in Heidelberg, wurde Mitglied des Deutschen Bundestages, Kultusminister und schließlich Ministerpräsident, zunächst in Rheinland-Pfalz, danach wiederum mehr als zehn Jahre im Freistaat Thüringen. Er war gleich zweimal Präsident des Bundesrates, selbstverständlich Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz, von anderen Ämtern, von denen die wenigsten heute Abend vorgetragen werden können, gar nicht zu reden.

Wenn man die beiden Laufbahnen jeweils einzeln und schon gar in Verbindung sieht, bleibt eigentlich nur ein gewisses Erstaunen, dass weder der eine noch der andere es jemals in die Europäische Kommission oder in den Weltsicherheitsrat geschafft haben, aber die Beobachtung beider Gremien vermittelt ja auch einen gewissen Eindruck, wie es denen ergangen ist, auf sie verzichtet zu haben.

Meine Damen und Herren, die beiden Brüder sind – wie die Süddeutsche Zeitung Anfang dieses Jahres geschrieben hat – eine „Große Koalition von klein auf“, die „mit brüderlich geteilten Ansichten“ sehr unterschiedliche, aber in beiden Fällen glänzende politische Karrieren gemacht haben. Und sie haben dabei jeweils schwer erreichbare, kaum überbietbare Rekordmarken gesetzt. Hans-Jochen Vogel war bereits als 34jähriger Münchener Oberbürgermeister und damit das jüngste Oberhaupt einer europäischen Großstadt überhaupt. Und Bernhard Vogel hat den schwerlich jemals wieder erreichbaren Rekord des Regierungschefs mit der längsten Amtszeit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vorgelegt, zugleich der einzige, der in zwei Bundesländern regieren konnte, erst in Rheinland-Pfalz und dann in Thüringen.

Beide werden neben ihren herausragenden Ämtern mit außergewöhnlichen Projekten verbunden. Bei Bernhard Vogel wird aus guten Gründen immer wieder insbesondere seine Rolle als Medienpolitiker hervorgehoben. Er gilt als „Vater des Privatrundfunks in Deutschland“, vielleicht sollte man eigentlich sagen Privatfernsehens, weil er 1984 mit dem Ludwigshafener Kabel-Pilot-Projekt den Weg in die private Medienwelt eröffnete. Mit der Betrachtung dessen, was daraus geworden ist, könnte man jetzt mühelos den Abend ruinieren. Jedenfalls vermute ich mal, in einer ganz unpolemischen Nebenbemerkung, dass sich nicht alle Hoffnungen, dafür aber manche Befürchtungen bestätigt haben, die mit dieser gründlich veränderten Wettbewerbssituation im deutschen Mediensystem jedenfalls auch verbunden sind. Aus gutem Grund hat Bernhard Vogel immer wieder – damals wie heute – darauf hingewiesen, dass er Fernsehen und Hörfunk in Deutschland keineswegs in erster Linie als Wirtschaftsgut, sondern in allererster Linie als Kulturgut verstanden habe und verstanden wissen möchte. Dieser Hinweis ist umso notwendiger, als sich schwerlich übersehen lässt, dass an vielen Stellen die ökonomischen Kalküle die kulturellen Interessen längst überholt haben. Übrigens nicht nur bei den privaten Anbietern.

Bei Hans-Jochen Vogel steht für viele nach wie vor sein Verdienst und seine Rolle bei der Ausrichtung der Olympischen Spiele 1972 in München im allgemeinen Bewußtsein. Viele Menschen haben das Ereignis noch in ganz lebendiger Erinnerung. Er war nicht nur Vorsitzender oder stellvertretender Vorsitzender der Baugesellschaft für die Ausrichtung der Olympischen Spiele, er war auch stellvertretender Präsident des Organisationskomitees. Als die von ihm über viele Jahre hinweg, wie sich mühelos vorstellen lässt, mit immensem Zeit- und Nervenaufwand vorbereiteten Olympischen Spiele endlich eröffnet wurden, war er nicht mehr im Amt. Er hat später auf die Frage, wie er denn, nicht mehr im Amt des Oberbürgermeisters, die Eröffnung der Spiele erlebt habe, gesagt: „Es gibt nicht so viele Tage in meinem Leben, an denen ich so dankbar war, dem Schicksal - und wie ich sage - dem Herrgott gegenüber.“

Hans-Jochen und Bernhard Vogel sind in ihren parallel verlaufenen politischen Karrieren fast nie direkt aufeinander gestoßen. Allein 1981, als Hans-Jochen Vogel Regierender Bürgermeister von Berlin war, haben sie für eine vergleichsweise kurze Zeit gemeinsam im Bundesrat gesessen. Das habe es ihnen „erleichtert, mit politischen Meinungsunterschieden umzugehen“, schrieb Hans-Jochen Vogel zum 70. Geburtstag seines Bruders im Jahre 2002. Ich zitiere aus dieser damaligen Geburtstagsadresse: „An unserem wechselseitigen Respekt und unserer brüderlichen Verbundenheit ändern solche Meinungsverschiedenheiten nichts. Und die Tatsache, dass unsere Parteien immer wieder in einem harten Wettbewerb miteinander stehen und sich dabei wahrlich nichts schenken, auch nicht. Beides war und ist vielmehr ein Grund mehr, achtungsvoll miteinander umzugehen. Das ist uns dadurch sicher erleichtert worden, dass wir, mit einer kurzen Ausnahme“ – wie bereits von mir erwähnt – „nie dem gleichen Gremium angehörten und auch örtlich in größeren Abständen voneinander arbeiteten.“ Als ich das las, hat mich das doch ein wenig ins Grübeln gebracht. Deshalb möchte ich gerne dem Hannoveraner Presseclub mindestens die Anregung mit auf den Weg geben, ob man nicht vielleicht in zehn Jahren wieder zwei Preisträger ausfindig machen könnte, die achtungsvoll in einer geradezu vorbildlichen Weise miteinander umgehen, obwohl sie jahrelang den gleichen Gremien angehört haben.

Erst Anfang dieses Jahres, Februar 2007, beide längst außerhalb aller prominenten politischen Ämter, inzwischen 74 und 81 Jahre alt, haben sie ihr erstes gemeinsames Interview gegeben. Und in diesem Jahr ist auch ihr gemeinsames Buch „Deutschland aus der Vogel-Perspektive“ erschienen, „eine kleine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“. In diesem Buch werden, was niemanden mehr überraschen wird, weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede deutlich, vor allem in grundsätzlichen Fragen der Ordnung von Staat und Gesellschaft. „Beide wollen“, wie sie selber schreiben, „damit zeigen, dass unser Land eines solchen Grundkonsenses und auch eines vernünftigen Umgangs mit divergierenden Meinungen bedarf. Wir möchten gerne nicht als Beispiel für etwas Ungewöhnliches, sondern als Beispiel für etwas Selbstverständliches angesehen werden.“ Das macht übrigens schon der Titel deutlich „Vogel-Perspektive“: Singular, wo auch der Plural mindestens plausibel gewesen wäre. Nicht nur in den drei Kapiteln des Buches, die sie gemeinsam schreiben, neben anderen, die jeder für sich verfasst hat, dominieren die Grundüberzeugungen, die beide für sich aus christlichen Glaubensüberzeugungen herleiten. Was immer der eine von beiden über Demokratie und Parteienstaat, Deutsche Einheit und europäische Integration schreibt, könnte genauso oder so ähnlich auch der andere formuliert haben. „Dass man gelegentlich unter der eigenen Partei mehr leiden kann als unter der politischen Konkurrenz“, hat wer von beiden geschrieben? – wir loben einen Preis aus, für denjenigen, der das im Laufe des Abends als erster mit nachgewiesener Fundstelle verlässlich beantworten kann.

Als Menschen wie als Politiker werden die beiden Brüder durchaus als unterschiedliche Charaktere beschrieben. Hans-Jochen Vogel zumeist als der Inbegriff des seriösen und pflichtbewußten, ganz besonders genauen Politikers, der - wie der Bonner Generalanzeiger einmal schrieb - „eine Wanderung in Südtirol ebenso liebte wie die Durchquerung eines Aktenberges“. Also sie haben nicht geschrieben, dass er die Durchquerung eines Aktenberges genauso liebte wie Bernhard Vogel die Wanderung in Südtirol, sondern hier wird ein paralleles Interesse mindestens behauptet, dass nicht jeder von vornherein vermuten würde. Und sein „Klarsichthüllenregiment“ in Bonn ist ja längst legendär.

Bernhard Vogel dagegen wird meist als der ebenso zuverlässige wie milde, durchaus bestimmte. aber nie laute, immer den richtigen Ton treffende, präsidiale Landesvater charakterisiert. Ob sich Hans-Jochen Vogel jemals Bernhards Orden „Wider den tierischen Ernst“ ausgeliehen hat, nur zum Spass versteht sich, weiß ich nicht genau. Aber auch Bernhard Vogel ist gelegentlich mit Klarsichthüllen anzutreffen, dass kann ich feierlich bezeugen.

Beide werden zu Recht als überzeugte Katholiken charakterisiert, Hans-Jochen Vogel als, ich zitiere noch einmal die Süddeutsche Zeitung: „Christkatholischer Mensch, stolz darauf, dass sich unter seiner Ägide das Verhältnis zwischen Kirche und SPD sehr verbessert hat.“ Bernhard Vogel, der einige Jahre Präsident des Zentralkomitees der Katholiken war, als ein Politiker, dessen „Affinität zur katholischen Soziallehre und zu den Impulsen des Zweiten Vatikanums (…) immer wieder zu erkennen war“, wie Hans-Jochen Vogel im vorhin zitierten Geburtstagsartikel über seinen Bruder geschrieben hat. Ob Bernhard vom Zweiten Vatikanum damals schon so begeistert war wie heute, weiß ich nicht so genau. Jedenfalls habe ich den begründeten Eindruck, dass sein begründeter Eindruck von einem deutlichen Verlust an Aufbruchstimmung und Bewegung in seiner und in meiner Kirche die Begeisterung für zurückliegende Positionen und Innovationen zusätzlich aktiviert hat.

Äußerlich sind die beiden Brüder sich nicht allzu ähnlich, obwohl sie beide, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, „den typischen, nun ja, Haarschnitt der älteren Herren im politischen Betrieb (tragen), deren Styling nicht von einer jungen Freundin oder dritten Ehefrau kontrolliert wird.“ Gleichwohl sind sie gelegentlich verwechselt worden. So ist Bernhard Vogel auf einer Autobahnraststätte einmals begeistert von einem Saarländischen SPD-Ortsverein als Ehrenvorsitzender der Sozialdemokraten begrüßt worden. Und natürlich längst nicht mehr neu, aber immer noch schön ist die herrliche Geschichte vom Empfang des Münchener Oberbürgermeisters zu Ehren des Bundespräsidenten Heinrich Lübke, der ihn strahlend mit der Frage begrüßte, „lieber Herr Vogel, sind Sie es selbst oder sind Sie Ihr Herr Bruder?“

Über die Kindheit der beiden berichte ich jetzt nicht, weil der Zeitplan ohnehin schon völlig aus dem Leim geraten ist, lege allerdings großen Wert auf die Feststellung, Herr Köster, dass meine Laudatio zu dem Zeitpunkt begann, wo sie nach dem Ablaufplan gerade hätte zu Ende sein sollen. Ich berichte auch deswegen nicht über die Kindheit der beiden Brüder, weil z.B. die Nachhilfe des jüngeren durch den älteren zur Rechtschreibung auf Geheiß der Mutter nach Auskunft Bernhard Vogels ausdrücklich „kein sehr glücklicher Gedanke meiner Mutter gewesen ist“.

Aber so sehr sich manches schon gar mit dem verklärten Blick zurück wie eine wundersame ununterbrochene Erfolgsgeschichte liest oder anhört, so wahr ist natürlich auch, dass beide in ihrer Laufbahn neben eindrucksvollen Erfolgen auch bittere Stunden und schwere Niederlagen erleiden mussten. Bernhard Vogel verlor beim Landesparteitag 1988 überraschend den Vorsitz der Landespartei, verließ daraufhin den Parteitag und das Regierungsamt mit dem vielzitierten ahnungsvollen Ausspruch: „Gott schütze Rheinland-Pfalz“. Falls er meinte, was er nicht gesagt hat, vor den Sozialdemokraten, hat ihn der Herrgott an dieser Stelle in auffälliger Weise im Stich gelassen.

Und auch der Münchener Oberbürgermeister hat ja sowohl während wie nach dieser Amtszeit keineswegs nur fröhliche Tage erlebt in den verschiedensten politischen Ämtern, später dann insbesondere auf Bundesebene. Ich weiß nicht, ob es zutreffend ist, mindestens aber gut erfunden, dass Herbert Wehner ihm einmal den Zettel zugesteckt habe, „weiter arbeiten und nicht verzweifeln“, den er jahrelang in seiner Brieftasche mit sich herumgetragen haben soll. Ohne Klarsichthülle vermute ich, weil die in eine Brieftasche schwer reinzukriegen ist, aber das können sie gleich klarstellen Herr Vogel, dafür ist ja im Programm Vorsorge getroffen.

Beide mussten in ihren politischen Ämtern mit schwierigsten Situationen umgehen. So fielen viele der blindwütigen, blutigen Aktivitäten der RAF in die Zeit, in der Hans-Jochen Vogel das Amt des Bundesjustizministers innehatte, auch die Entführung und Ermordung Hanns-Martin Schleyers. Nach dem Tod des Entführten schrieb er an die Familie Schleyer: „Kaum ein Kondolenzbrief ist mir so schwer gefallen wie dieser. Denn bei keinem Verstorbenen musste ich mir sagen, dass ich - jedenfalls aus der Sicht der Angehörigen - daran hätte mitwirken können, ihn zu retten. Dass ich es nicht getan und mich im entscheidenden Zeitpunkt gegen die Freilassung des Gefangenen ausgesprochen habe, leugne ich nicht. Aber der Gedanke, dass ein solches Votum den sicheren Tod einer großen Anzahl jetzt namentlich noch nicht bekannter Opfer und zugleich eine schwere Erschütterung nicht der Staatsraison, sondern der Fähigkeit des Staates bedeutet hätte, die ihm anvertrauten Rechtsgüter zu schützen, hat mir als Justizminister ein solches Votum unmöglich gemacht. Ich meine, gnädige Frau, Sie und Ihre Söhne haben Anspruch darauf, dieses Eingeständnis von mir selbst zu hören.“

Bernhard Vogel, der später als Ministerpräsident die beiden RAF-Terroristen Jünschke und Grashof begnadigte, war 1977 bereits seit Jahren mit Hanns-Martin Schleyer und seiner Familie persönlich befreundet. Er hat noch kurz vor der Entführung mit ihm telefoniert. Es war Schleyers letztes Telefongespräch. Und was er in seinem Beitrag im vorhin genannten Buch über die damalige Zeit und die damalige Rolle schrieb, ist bis in die Formulierung hinein den Überlegungen, der Verpflichtung und der Verantwortung ähnlich, die ich gerade aus dem Kondolenzbrief Hans-Jochen Vogels verdeutlicht habe.

In Bernhard Vogels Amtszeit als Ministerpräsident von Thüringen fiel auch der Amoklauf eines Schülers am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt im April 2002, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen, darunter auch der Täter. Reden bei solchen Ereignissen gehören zu den unausweichlichen und zugleich fast unlösbaren Herausforderungen. Im Angesicht von Betroffenen und unzähligen Menschen, die buchstäblich fassunslos vor stattgefundenen Ereignissen stehen, die sie sich weder hätten vorstellen können noch vorstellen wollen. Bernhard Vogel hat damals in seiner denkwürdigen Rede neben der Trauer und dem Mitgefühl einen Aspekt hervorgehoben, der nicht nur die Anwesenden gewissermaßen aus diesem Ereignis in eine natürlich gemeinsame Zukunft hinausgeleitet hat. „Hier von Erfurt“ – hat er damals gesagt - „geht die Botschaft aus: Das furchtbare Geschehen hat die Menschen zusammengebracht. Von einer Sekunde auf die andere wurde aller Tagesstreit unwichtig. Wir wissen jetzt: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeit und Gemeinsinn in unserem Volk, als wir es noch vor einer Woche um diese Stunde für möglich gehalten haben. Die Botschaft von Erfurt heißt: Mitmenschlichkeit ist in Deutschland keine verloren gegangene Tugend. Die Menschen haben Solidarität, stehen zusammen und sie trösten einander, sie brauchen Nähe, sie wollen miteinander reden, miteinander beten, miteinander weinen und miteinander trauern und sicher sich eines Tages auch wieder miteinander freuen.“

Meine Damen und Herren, für Hans-Jochen wie Bernhard Vogel gilt, dass sie nach einem unter jedem denkbaren Gesichtspunkt außergewöhnlich langen und außergewöhnlich eindrucksvollen politischen Leben sich danach nicht ins Privatleben zurückgezogen, sondern in vielfältigen Aufgaben ihre Erfahrung weitergegeben haben. Bernhard Vogel als Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Jochen Vogel als Gründungsmitglied und als Vorstandsmitglied der Vereinigung „Gegen Vergessen - Für Demokratie“, einem Verein, der der nachwachsenden Generation immer wieder ins Gedächtnis rufen will, wohin es führt, wenn Menschenwürde mit Füßen getreten, die Grundprinzipien mitmenschlichen Zusammenlebens missachtet und einer Ideologie und ihren verselbständigten Wahnvorstellungen Raum gelassen wird. Zugleich hat er im Nationalen Ethikrat sich über eine bemerkenswerte Zeit dafür engagiert - ich zitiere ihn selbst - „… die Grenze zwischen Mensch und Sache, zwischen Zeugung und Produktion nicht undeutlich werden zu lassen, und deshalb nicht nur das Klonen, sondern auch jede Instrumentalisierung künstlich gezeugter Embryonen abgelehnt.“

Meine Damen und Herren, der letzte Punkt macht noch einmal deutlich, was die Biographie beider Brüder über Jahrzehnte hinweg geprägt hat. Die starke Verwurzelung in Glaubensüberzeugungen als Orientierungslinien persönlichen wie politischen Verhaltens. In der Schlussbetrachtung ihres gemeinsamen Buches „Vogel-Perspektive“ heißt es: „Unsere vielfältigen Erfahrungen haben uns auch zur Einsicht verholfen, dass man ohne einen archimedischen Punkt und ohne Orientierung an verlässlichen Werten auf Dauer nicht existieren und schon gar kein sinnvolles Leben führen kann.“

Meine Damen und Herren, Gottfried Wilhelm Leibniz, den ich, wie die meisten von Ihnen, bedauerlicherweise nicht mehr persönlich kennengelernt habe, hätte nach allem, was ich von ihm weiß, an diesen beiden Preisträgern seine helle Freude gehabt. Viele der klugen Einsichten und Bemerkungen, die wir ihm verdanken, werden in Hans-Jochen und Bernhard Vogel gewissermaßen personalisiert. „Wer Wahrheit sucht, der darf die Stimmen nicht zählen“, sagt Leibniz. Eine fundamentale Erkenntnis der Wirkungsmechanismen einer demokratischen Verfassung, die geradezu auf der Grundlage der Bestreitung von Wahrheitsansprüchen beruht und daraus die Notwendigkeit von Mehrheitsabstimmungen als Legitimation von Entscheidungen herleitet, die die Gültigkeit von Entscheidungen belegen, aber nicht ihre Richtigkeit. Wieder Leibniz: „Das Vermögen, welches die Verbindung der Wahrheiten untereinander einsieht, heißt im eigentlichen Sinne Vernunft.“ Soviel Vernunft wie bei diesen beiden findet man gleichwohl selten. Umso klüger ist die Entscheidung der Jury und umso dankbarer war deswegen die Aufgabe, dazu, sofern es dessen überhaupt bedurfte, einige erläuternde Hinweise zu geben.

Hans-Jochen und Bernhard Vogel haben die Politik in Deutschland Jahrzehnte maßgeblich geprägt, mit Skandalen und Affären ist ihr Name ebenso wenig verbunden wie mit auf mediale Wirkung zielender Polemik. Die Gebrüder Vogel haben Deutschland nicht nur aus der Vogel-Perspektive betrachtet, wie es im Titel ihres Buches heißt. Obwohl man beide ganz gewiss als Überflieger bezeichnen kann, haben sie nicht nur die Höhen, sondern auch die Tiefen kennengelernt, die die Politik zu bieten hat. Abgestürzt sind sie gleichwohl niemals. Im Gegenteil, beide sind ein wiederum seltenes Beispiel dafür, wie man die eigene politische Karriere selbstbestimmt beenden kann. Mit der jederzeit souveränen Verbindung von durchaus unterschiedlichen politischen Interessen als Repräsentanten konkurrierender Parteien und im gemeinsamen Engagement als Demokraten haben sie einen eindrucksvollen Beitrag zur politischen Kultur unseres Landes geleistet. Dazu gratuliere ich Ihnen beiden herzlich und uns allen, die von ihrem langjährigen beispielhaften Wirken als engagierte Demokraten so lange und so nachhaltig profitiert haben.


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