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"Warum sollte ich nicht etwas kleinlaut werden ...?"
Eröffnung der Ausstellung „Gerhard Richter. Bilder aus privaten Sammlungen“ am 18.01.2008 in Baden-Baden

Sehr geehrter Herr Burda,
verehrter, lieber Herr Richter,
meine Damen und Herren,

die Einladung, in einem der schönsten Museen der Welt eine der wichtigsten Ausstellungen des Jahres von einem der bedeutendsten Künstler unserer Zeit zu eröffnen, ist ebenso unwiderstehlich wie unlösbar.

„Der Versuch, Gerhard Richters Werk in den Griff zu bekommen, gleicht dem Bemühen, aus einem zerbrochenen Becher ausgelaufenes Quecksilber einzufangen.“ Diese schöne, ebenso ernüchternde wie beruhigende Einsicht ist schon im Katalog zur Eröffnungsausstellung der Sammlung Burda im Jahr 2004 zu lesen (Robert Storr: Gerhard Richter – Legierungen aus Quecksilber und Blei).

Wenn schon Experten diesen Versuch verweigern, wäre ich ganz sicher nicht dazu geeignet. Seit heute Mittag weiß ich, dass alle, die wirklich etwas von Kunst verstehen und Gerhard Richter bei weitem länger und besser kennen als ich, heute Abend nicht reden wollen oder nicht reden sollen. Und so stehe ich nun ziemlich einsam hier, umgeben von vielen Freunden, Kennern, Sammlern Gerhard Richters und kann und will nicht mehr vortragen als ein freundliches Grußwort als Ausdruck des Respekts und der Bewunderung für ein herausragendes Werk und eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

Heute Nachmittag hatte ich die Gelegenheit, vor der Eröffnung und vor dem großen Publikum die Ausstellung zu sehen, die wir heute Abend eröffnen. Und nun weiß ich noch besser, warum ich das, was man zu den grandiosen einzelnen Werken und ihrer aufschlußreichen wechselseitigen Zuordnung alles sagen müßte, gar nicht sagen kann und ich am liebsten gar nichts sagen würde. „Warum sollte ich nicht etwas kleinlaut werden, bei der Konfrontation mit all den Meisterwerken … Über das Eigentliche, die Kunst, kann man sowieso nicht reden.“ Auch dieser Satz ist nicht von mir, er stammt von Gerhard Richter, aus dem denkwürdigen großen Interview, das er dem Spiegel im August 2005 gegeben hat. Ich kenne keinen zweiten Text eines lebenden Künstlers, der intelligenter, aufgeklärter, selbstkritischer, distanzierter, also klüger über das eigene Werk und seine Vermarktung, das tatsächliche und das vorgetäuschte Interesse an Kunst, die zunehmende Verwechselung von Kultur und Kommerz spräche und nicht zuletzt die Bedeutung der Schönheit und die Funktion der Form als Gerhard Richter in diesem Interview.

Es ist wohl die unauffälligste Auffälligkeit im Werk Gerhard Richters, dass er mit der ihm eigenen Souveränität die Schönheit als Kriterium für die Qualität von Kunstwerken wieder herstellt und zugleich die Funktion der Form betont, ohne die nichts entstehen könne – und dies nach einem Jahrhundert, in dem Künstler wie Kunsthistoriker sich mit geradezu ideologischem Eifer von der Schönheit wie der Form als scheinbar überholten Kriterien künstlerischen Schaffens demonstrativ abgewandt hatten.

Götz Adriani weist in seinem Essay im Ausstellungskatalog über „Die Lust, etwas Schönes zu malen“ zu Recht auf diesen oft übersehenen Aspekt besonders hin: „In einer Epoche der Maßlosigkeit setzt er jene verloren geglaubten Maßstäbe, die ihre Einheit aus der Vielfalt und der Geradlinigkeit aus zahlreichen Abweichungen erlangen. Ja, Richter ist im globalen Vergleich zu einer Instanz des Maß-Gebens und des Maß-Haltens über lange Zeiträume hinweg geworden“ (Götz Adriani). Richters Hinweis in seinem Spiegel-Interview, dass ohne Form nichts entstehen könne, „dass es nur die Form ist, die eine Sache verständlich macht und damit Gemeinschaft stiften kann“, könnte außer bei Vernissagen auch bei Parteitagen vorgetragen werden — mit ähnlich begrenzter Aussicht auf breite öffentliche Wahrnehmung.

Neben dem in Qualität und stilistischer Breite einzigartigen künstlerischen Werk beeindruckt mich ganz besonders die Persönlichkeit dieses Künstlers, der eine seltene Begabung mit einer noch selteneren Demut verbindet. Sein Erstaunen über die bemerkenswerte Selbstsicherheit und das ausgeprägte Selbstbewußtsein mancher inzwischen auch längst renommierter Malerkollegen findet ihren Kontrast in der geradezu umwerfenden Selbstauskunft: „Ich bin beim Malen eher enttäuscht, dass es bloß wieder ein Bild geworden ist.“

In dieser Ausstellung sehen sie aus einem Gesamtwerk von inzwischen beinahe dreitausend Arbeiten aus rund 40 Jahren ganze 60 Beispiele dafür, was für Bilder daraus immer wieder „bloß“ entstanden sind.

Vielleicht darf ich auf zwei bedeutende Werke hinweisen, die beide nicht in dieser Ausstellung zu sehen sind. Das eine gehört mir und das andere befindet sich im Kölner Dom. Im Unterschied zum Kölner Kardinal bin ich richtig stolz auf die andere große Arbeit, die mir natürlich nicht gehört oder wenn stellvertretend für Sie alle gehört, denn sie befindet sich im Reichstagsgebäude und damit der öffentlichsten Kunstsammlung, die es in Deutschland gegenwärtig gibt, und sie ist eigens für diesen Zweck geschaffen.

Die künstlerische Gestaltung des riesigen Eingangsfoyers ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe und seine Lösung, die Nationalflagge in die große Eingangshalle des Reichstagsgebäudes zu hängen, erschien auch mir anfänglich doch sehr simpel. Aber Richter löst diese Aufgabe auf geniale Weise: Er hängt eben keine Flagge auf, sondern ein Glasbild; er verfremdet die Flagge, spielt mit Dimensionen, Material und Farben. Das Format ist gebrochen, die Farben sind eingetrübt, auch der zweite Blick sucht vergeblich gewohnte Verhältnisse. Man erkennt das Bekannte sofort wieder und entdeckt zugleich Neues im Alten. Die Konstruktion ist mit 21 Metern Höhe und drei Metern Breite monumental, ohne pathetisch zu wirken, stabil und fragil zugleich. So signalisierte Richter nach vielen ganz unterschiedlichen Annäherungen und Skizzen und Entwürfen für das Parlamentsgebäude schon vor Jahren jenen aufgeklärten, gebrochenen und zugleich selbstverständlichen fröhlichen Patriotismus, der in diesem Land aus vielerlei Gründen besonders schwierig und deshalb nach wie vor eher selten ist.

Von Ludwig van Beethoven, der bekanntlich kein Maler war, stammt der vielstrapazierte Satz, „Vollkommenheit muss das Ziel jeden wahren Künstlers sein“. Normalsterbliche wie wir, die vielleicht Kunstliebhaber, aber eben keine Künstler sind, wissen genau, dass dieses Ziel, Vollkommenheit, nicht zu erreichen ist. Aber die wahren Künstler wissen es glücklicherweise nicht und machen möglich, was ausgeschlossen erscheint. Und immer wieder, in jedem Jahrhundert gelingen einigen wenigen Komponisten und Dichtern, Architekten, Bildhauern und Malern Kunstwerke, bei denen wir nicht mehr erkennen können, ob und wo es einen Unterschied gibt zwischen Gelungenem und Vollkommenem. Einige Beispiele dafür sind in dieser Ausstellung zu sehen.


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