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Einweihung der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Bochum
am 16. Dezember 2007

Verehrte Frau Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, liebe Frau Knobloch, Herr Ministerpräsident, Frau Landtagspräsidentin, Frau Oberbürgermeisterin, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten, Regierungen und Verwaltungen der Europäischen Gemeinschaft, des Bundes, des Landes, der kommunalen Vertretungskörperschaften, Herr Landesrabbiner, liebe Frau Sperling, lieber Herr Rabinovich, verehrter Herr Salomon, liebe Festgäste.

„Es war ein Fest, wie es vielleicht noch nie unsere Stadt gefeiert hat. Ein Fest der Einmüthigkeit und der Verbrüderung aller Bürger ohne Unterschied des Glaubens, ein Fest, das bei allen die Theil daran nahmen, einen unvergeßlichen Eindruck zurückgelassen hat.“ So ähnlich, meine Damen und Herren, könnte die Berichterstattung der Medien heute und morgen über das heutige Fest ausfallen. Jedenfalls war dies die Berichterstattung des „Märkischen Sprechers“ zur Eröffnung der neuen Bochumer Synagoge im August 1863.

Die heutige Einweihung unserer neuen Synagoge in Bochum ist für mich als Bochumer Bürger und als Repräsentant unseres Parlaments, der Vertretung des Deutschen Volkes, ein zweifach bedeutendes Ereignis und ein doppelter Grund zur Freude. Die Einweihung dieser Synagoge in Bochum ist ein weithin sichtbares Zeichen dafür, dass jüdisches Leben wieder in die Mitte dieser Stadt zurückgekehrt ist. Hier, mitten im Ruhrgebiet, setzt sich eine Entwicklung fort, die nach der Zeit der beispiellosen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland kaum jemand für möglich gehalten hätte – fast 70 Jahre nach der Zerstörung der damaligen Synagoge
in Bochum - wie im ganzen Land - an jenem entsetzlichen 9. November 1938. Damals ging scheinbar unwiderruflich eine Jahrhunderte lange Geschichte der Juden in Deutschland zu Ende. Tatsächlich waren jüdische Mitbürger ein selbstverständlicher Teil der deutschen Bürgerschaft, so selbstverständlich, dass viele von ihnen die unmittelbare Gefahr für Leib und Leben nicht einmal haben wahrhaben wollten, als noch Zeit gewesen wäre, sich persönlich in Sicherheit zu bringen. Viele dieser jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger haben über die Jahrhunderte hinweg wichtige, manche haben herausragende Beiträge zur Kultur und Wissenschaft und übrigens nicht zuletzt auch zum politischen Leben unseres Landes geleistet. Wie selbstverständlich die Zugehörigkeit zu diesem Land und dieser Gesellschaft war, wird auch in den Dokumenten der damaligen Einweihungszeremonie der Bochumer Synagoge deutlich. Da heißt es unter anderem: „Mit einem innigen und ergreifenden Gebet auf König und Vaterland (Preußen in’s Besondere, Deutschland im Allgemeinen), auf unsere Stadt, ihre Bewohner, Behörden und Bildungs-Anstalten, und auf die Provinz Westfalen, schloß die kirchliche Einweihungsfeier.“

Unmittelbar vor Beginn der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft war die jüdische Gemeinschaft in Bochum seit ihren Anfängen im 17. Jahrhundert auf den damaligen Höchststand einer Mitgliederzahl von etwas über 1.100 Gemeindemitgliedern angewachsen. Nach dem 2. Weltkrieg, 1946, waren noch 33, Anfang der 50er Jahre waren – einschließlich der Kinder – 32 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Bochum registriert. Wenn damals irgendjemand angekündigt hätte, es könnte zur Wiederherstellung jüdischen Lebens in dieser Stadt, in diesem Land, kommen, man hätte das, freundlich formuliert, bestenfalls für reines Wunschdenken gehalten. Inzwischen ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland die am schnellsten wachsende jüdische Gemeinschaft in der Welt. Eine ganz wesentliche Ursache auch hier in Bochum ist die starke jüdische Emigration aus den Staaten der früheren Sowjetunion seit Beginn der 90er Jahre. Fast 200.000 Juden sind seitdem nach Deutschland gekommen. Etwa die Hälfte davon hat sich als Mitglieder jüdischer Gemeinschaften in Deutschland neu versammelt.

Aber, meine Damen und Herren, wir dürfen auch nicht übersehen und dürfen nicht verschweigen, was ein wesentlicher – vielleicht der wesentliche – Grund dieser Emigration ist: Antisemitismus in subtiler und zum Teil offener Form, der einmal mehr Tausende von jüdischen Menschen zum Verlassen ihrer Heimat veranlasst. Dass so viele von ihnen, so erstaunlich viele von ihnen, ausgerechnet nach Deutschland kommen, ist alles andere als selbstverständlich.

Dass es nach dem entsetzlichen Terror der nationalsozialistischen Diktatur und dem Holocaust überhaupt wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt, ist für mich eines der schönsten und ernsthaftesten Komplimente an die zweite deutsche Demokratie. Zu den ungeschriebenen Gründungsdokumenten dieser zweiten deutschen Demokratie gehört der Holocaust, eine Erfahrung, die sich in das Gedächtnis dieses Landes fest eingeschrieben hat. Geschichte vergeht nicht, und schon gar nicht kann sie überwunden werden. Geschichte ist immer die Voraussetzung der Gegenwart, und der Umgang mit der Geschichte – vor allem mit der eigenen Geschichte – prägt auch die Zukunft jeder Gesellschaft. Deshalb ist die Bewahrung der Erinnerung, das nationale Gedächtnis, eine politische, aber eben auch und insbesondere eine bürgerschaftliche Aufgabe. Und deswegen will ich an dieser Stelle meinen besonderen Respekt all den Frauen und Männern dieser Stadt und der Nachbarstädte gegenüber zum Ausdruck bringen, die die Wiedererrichtung, den Neubau dieser Synagoge, zu ihrem ganz persönlichen Anliegen gemacht haben. So wichtig, aber eben doch so selbstverständlich das Engagement von Regierung und Parlamenten in einem solchen Zusammenhang sein muss, so unverzichtbar ist die Demonstration bürgerschaftlichen Engagements – als Test auch der Ernsthaftigkeit des Anliegens und damit als Nachweis für die Botschaft eines solchen Tages, dass jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in dieser Stadt ganz selbstverständlich zu Hause sein sollen.

Synagogen, meine Damen und Herren, sind wie alle Gotteshäuser Orte des Gebets und Stätten der Begegnung. Jeder Wiederaufbau, jede Restaurierung und jeder Neubau einer Synagoge in Deutschland ist darüber hinaus ein Zeichen, eine Erinnerung an die Vergangenheit und eine Verpflichtung für die Zukunft. Und deswegen kommt in der heutigen Festveranstaltung für mich sowohl ein großes Stück Veränderung zum Ausdruck als auch – und mindestens ebenso wichtig – eine Demonstration von Normalität. Dass die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft in unseren Städten auch durch Synagogen geschlagen wird, ist ein unübersehbares Zeichen und eine nachhaltige Ermutigung für unsere Stadt und für unser ganzes Land.

Shalom!


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