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Von Engeln und Partisanen
Essay zur Festschrift „125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek“, 2009

„Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt“. Schenkt man diesem Bekenntnis des ebenso großen Buch- wie Bibliotheksliebhabers Jorge Luis Borges Glauben, dann öffnen sich für viele Bibliophile mit dem Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek die Himmelspforten. Und unter diesem Aspekt ist es auch durchaus konsequent, diesen Beitrag über Bücher ausgerechnet mit dem Hinweis auf eine bezaubernd-magische Sequenz aus einem Medium zu beginnen, das früher einmal – voreilig – als der größte Feind des Buches galt, dem Film. Denn ist es nicht ausgerechnet Hans Scharouns Staatsbibliothek, die sich in Wim Wenders wunderbar träumerischem „Himmel über Berlin“ die Engel als eine Art Heimstatt auf Erden ausgesucht haben? Hier sind sie in der Lage, die Gedanken der lesenden Menschen hörbar zu machen, bis ein vielstimmiger Chor die Staatsbibliothek wie eine Kathedrale des Geistes erfüllt. Auch der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz, ein Kind der Bücherstadt Leipzig und später Bibliothekar der legendären Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, wusste von der Besonderheit dieses auratischen Ortes Bibliothek zu berichten, diesem Wissensspeicher menschlicher Kultur und Zivilisation: „Man findet darin gleichsam einen Auszug dessen, so Gott und der menschliche Verstand gewirket.“

Eher wie die Vertreibung aus dem Paradies mutet dagegen an, was die frühe empirische Buchmarktforschung über den Bücherleser in der Moderne zu sagen hatte. Denn offenbar ist dieser inzwischen ganz anders, als man ihn sich gemeinhin vorstellt. Der Begriff der Muße, der stillen Einkehr und Kontemplation, beschreibt demnach jedenfalls nicht mehr den Stil, in dem gelesen wird. In einer Allensbach-Studie heißt es: „Die eifrigen Bücherleser tragen Lektüre mit sich herum, um sofort ihre von der Umwelt offenbar nicht allzu gut gelittene Tätigkeit aufnehmen zu können, sobald sie auf ein Kontrollvakuum treffen, das ihnen Lesezeit zuspielt. Dieses Untertauchen und der Habitus ständiger Bereitschaft: der erfolgreiche Bücherleser erinnert an Partisanenschaft.“ Wer daher das Verhältnis der Bevölkerung zum Buch ändern wolle, so das Fazit dieser Studie, die – dem Duktus nach wenig überraschend – 1968 erschien, der müsse nicht notwendigerweise revolutionär werden, aber er sollte ein sozialpsychologischer Moralist sein und fest entschlossen, in das Gefüge der Gesellschaft einzugreifen.

Wohl nur ein Kulturträger wie das Buch ist in der Lage, einen Bogen von Engeln bis zu Partisanen schlagen zu können. Dass die Situation vieler Bibliotheken dabei heute aber von paradiesischen Zuständen weit entfernt ist, soll hier ebenso wenig verschwiegen werden wie der allgemeingültige Hinweis, dass auch im Paradies beständig Gefahren lauern. So verkündete der Medientheoretiker Herbert Marshall McLuhan bereits 1962 – und gewiss nicht als einziger – das „Ende der Gutenberg Galaxie“. Er prophezeite das Verschwinden des gedruckten Wortes und den Beginn des elektronischen Zeitalters, eines neuen mentalen Universums, beherrscht von den Techniken der „post-printing-era“. Dabei gehört es zur Ironie der anhaltenden Diskussion um die vermeintliche Verfallsgeschichte des Mediums Buch, dass die Ankündigungen der „papierlosen Kommunikation“ und des „Endes des (gedruckten) Buches“ inzwischen selbst Bibliotheken füllen.

Mediengeschichtliche Untersuchungen zeigen, dass in der Regel ein neues Medium kein altes verdrängt, wohl aber einen Bedeutungs- und Funktionswandel „alter Medien“ bewirkt. Und so segelt auch der deutsche Buchmarkt allen Unkenrufen zum Trotz auf Rekordkurs. Insgesamt 9,58 Milliarden Euro wurden 2007 in Deutschland mit Büchern umgesetzt. Das ist nicht ganz die Größenordnung der jährlichen Umsätze für Nahrungsmittel oder Autos, aber immerhin mehr als fünfmal so hoch wie der Umsatz mit Tonträgern oder mit Computer- und Videospielen. Die Kino-Umsätze lagen übrigens bei gerade einmal 768 Millionen Euro. Alleine 2007 erschienen bei uns 96.479 neue Titel. Zum Vergleich: 1884, im Jahr der Gründung des Leipziger „Centralvereins für das gesamte Buchgewerbe“ und am vermeintlichen Ende der deutschen „Leserevolution“ (Thomas Nipperdey), lag die Gesamtproduktion an Büchern und Karten bei 15.607. Und wenn der Bestand der Deutschen Nationalbibliothek täglich um 1.300 Einheiten wächst, dann gibt es wohl keinen Zweifel daran, dass das Buch noch immer zu den Leitmedien unserer Wissensgesellschaft zählt.

„Nur eine Gesellschaft, die liest, ist eine Gesellschaft, die denkt.“ Der Satz soll von Elisabeth Noelle-Neumann stammen, und ich hoffe, sie hat für diese Beobachtung ebenso stabile empirische Belege wie für den Befund über lesenden Partisanen. Denn es gibt ja auch Spötter, die behaupten, dass viele Menschen bloß deshalb lesen, damit sie nicht zu denken brauchen. Als Bücherliebhaber gehöre ich persönlich zu denen, die gerne lesen, weil sie das fürs eigene Denken dringend brauchen. Ich fühle mich durch die Lektüre von Büchern immer wieder in manchen Einsichten auf hohem Niveau bestärkt, die ich auf sehr viel bescheidenere Weise ohnehin zu haben glaubte, aber immer wieder auch auf neue Gedanken gebracht, auf die ich ohne die Lektüre vermutlich nie gekommen wäre.

Die Initiatoren dieses Sammelbandes haben mit den Schlagworten „Buch“, „Schrift“, „Mediengeschichte“, „Bibliothek“ oder „Papier“ eine Reihe von Themen für die erbetenen Essays vorgeschlagen. Ich möchte diese Liste um einen weiteren Aspekt ergänzen, der erstaunlicherweise dabei fehlt und doch buchstäblich in der Luft liegt: die Sprache. Mit Blick auf das Buch als herausragendem Kulturträger unserer Zivilisation erscheint sie mir besonders wichtig und keineswegs selbstverständlich. Dabei ist sie der eigentliche Schatz, der zwischen den Buchdeckeln verborgen ist und jedes mal neu darauf wartet, vom Leser gehoben zu werden.

Es bedarf nicht eines ganzen Buches, sondern es genügt ein prägnanter Satz Hans-Georg Gadamers, um die überragende Bedeutung der Sprache für unser Verhältnis zur Welt zu verdeutlichen: „Erst mit der Sprache geht die Welt auf.“ Unsere Sprache ist kein bloßes Transportmittel für Informationen, sondern ein lebendiger Ausdruck von Individualität. Es gibt aber auch für die Kultur und das Selbstverständnis dieses Landes keinen wichtigeren Faktor als die Sprache. Deshalb ist die Politik für sie – im übrigen ebenso wie für Bücher – wenn auch nicht zuständig, so doch mitverantwortlich – gerade in Zeiten, in denen die Ernsthaftigkeit im Umgang mit der eigenen Sprache bisweilen verloren gegangen zu sein scheint.

Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Muttersprache ist durchaus nicht ungetrübt. Immerhin zwei Drittel der Deutschen, das ergab eine aktuelle Allensbach-Umfrage, beklagen einen akuten Verfall der deutschen Sprache. Wenn gleichwohl viele Jüngere finden, dass durch die Arbeit am Computer erstens mehr gelesen und geschrieben würde und dadurch zweitens die deutsche Sprache vielseitiger und lebendiger, der Wortschatz mithin größer geworden sei, dann stimme ich der ersten Aussage gerne zu und setze hinter die zweite ein dickes Fragezeichen. Der frühere rumänische Kultur- und Außenminister Andrei Plesu, als Politiker ein Mann des gesprochenen und als Schriftsteller von Rang auch des geschriebenen Wortes, hat zur Inflation der Wörter und der Geschwätzigkeit in Zeiten grenzen- und nicht selten schamloser Kommunikation einmal treffend bemerkt: „Die verbale Askese, die restaurierende Disziplin des Schweigens, der hygienische Rückzug aus dem inkontinenten Fluss des alltäglichen Geschwätzes könnte uns möglicherweise helfen, die ursprüngliche Frische des Ausdrucks, den wahren Wert eines jeden gesprochenen Wortes wiederzufinden“. Wo aber, wenn nicht in einem guten Buch findet man diese Oase? In einem FAZ-Interview hat Marcel Reich-Ranicki bei der Frage nach dem wichtigsten Unterscheidungskriterium zwischen „flacher“ und „gehobener“ Literatur auf den heute meist unterschätzten Novellisten Theodor Storm verwiesen, den allein sein Sprachschatz von den Trivialschriftstellern seiner Zeit unterschieden habe. Und tatsächlich, es soll einmal einer nachgezählt haben: Storm verfügte über einen Sprachschatz von 22.421 deutschen Vokabeln, fast doppelt so viel wie beim heutigen Durchschnitt deutscher Muttersprachler.

Dieser verborgenen Kulturschätze wird man in den Beständen der Deutschen Nationalbibliothek habhaft. In der neuen Ausstellung des ihr angeschlossenen Deutschen Buch- und Schriftmuseums steht das gedruckte und gebundene Buch als ein facettenreiches Kulturgut im Mittelpunkt. Hier wird deutlich werden, wie unendlich viel das geknickte Eselsohr von der Bookmark, dieses „physische Objekt aus Papier und Leim“ (John Updike) von seinen digitalen Geschwistern unterscheidet, die zwar einen wichtigen Beitrag zur Bestandsschonung und Zugänglichkeit leisten, aber nie die Aura eines Buches erreichen können – genauso wie ein Museum im Unterschied zum Internet eben nicht ein Ort der bloßen Wissensvermittlung, sondern der sinnlichen Erfahrung ist.

Das Unbekannte bekannt zu machen, das Unentdeckte zu entdecken, das Ungewohnte begreifbar, das Unbegreifliche verständlich zu machen; Zusammenhänge und Verbindungen offenzulegen, hinter dem Beliebigen das Bedeutende und hinter dem Zufälligen das Wesentliche zu identifizieren: Das ist nicht die einzige, vielleicht aber die wichtigste Aufgabe der Museen, wenn sie ihren Auftrag und ihre Verpflichtungen ernst nehmen – und es benennt die Herausforderung der Ausstellungsmacher bei der angekündigten „tour d’horizont“ von der Entstehung von Schriften über die Manuskriptkulturen und den Buchdruck mit beweglichen Lettern bis zur digitalen Netzwelt. Als lust- und frusterfahrener Museumsbesucher hoffe ich sehr, dass die Verantwortlichen gerade eines Buch-Museums beherzigen und ermöglichen, was Thomas Mann in seinen Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull angemahnt hat: Die stille Vertiefung in einen oder wenige Gegenstände aus ihrer Fülle. In den Worten Thomas Manns wäre dies für Geist und Gemüt zweifellos am ergiebigsten – jedenfalls für Partisanen auf der Suche nach dem Paradies.


Quelle: Jacobs, Stephanie (Hg.): Zeichen – Bücher – Wissensnetze. 125 Jahre Deutsches Buch und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek, Göttingen 2009, S. 133-136.


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