"König Lear" von William Shakespeare
Berlin, Sophiensäle
In den ersten fünf Minuten hat man vom Stück noch nichts gesehen, aber fast die ganze Tragödie bereits gehört. Eine einsame Trompete (Johannes Bauer) bellt, schreit und weint in verzweifelt verstümmelten Fanfaren das ganze Elend des alten Lear in die Welt.
Das Bühnenbild (Mark Lammert) ist so sparsam wie die Musik, wenn auch nicht ganz so wirkungsvoll. Zwei in Kreisen drapierte einfallslose Gardinen, aus denen sich - den beiden Reichshälften der Erbtöchter entsprechend, eine Bedeutung simulierend, die sie nicht haben - belanglose Kulissen schie-ben lassen.
Die strenge Inszenierung Thorsten Lensings gibt den Schauspielern kaum Gelegen-heit zu glänzen; sie werden weniger als Schau-Spieler, sondern als Sprecher gebraucht, die gelegentlich statt des Original-Textes eine Erläuterung der gestrafften Handlung vortragen. Nur Matthias Habich glänzt, je mehr sein Lear dem Wahnsinn verfällt - als ob das Verrücktwerden die erfolgreiche Flucht aus dem Elend wäre. Die Darsteller spielen selten miteinander, sondern meist mit sich selbst und dem Zuschauer. Das, was man schon immer von Lear gewusst hat und begriffen zu haben glaubt, wird ohne jedes Pathos, manchmal provozierend lakonisch vorgetragen und zugleich in Frage gestellt.
Für mich Lensings bisher überzeugendste Arbeit - Shakespeare mit den Mitteln des Brecht-Theaters. Es geht auch anders, doch so geht es auch. Ein starkes Stück.

Premiere: FIDELIO von Ludwig van Beethoven
Deutsche Oper Berlin - Charlottenburg am 27. Februar 2002
Wer – wie ich – immer schon Zweifel daran hatte, ob es sich bei Beethovens einziger Oper FIDELIO um einen Geniestreich oder eher um einen Fehlversuch handelt, der auch den größten Geistern gelegentlich unterläuft, dem kann geholfen werden: Die Neuinszenierung in der Deutschen Oper räumt mit einer deprimierenden Gründlichkeit mit der Erwartung auf, bei dieser von Beethoven selbst mehrfach überarbeiteten Oper handele es sich um einen großen Wurf. Alle Schwächen des Librettos, die Sentimentalitäten wie das Pathos werden in der belanglosen Inszenierung von Christof Nel erbarmungslos ausgestellt, die Solisten versuchen mit großem Eifer zu retten, was nicht zu retten ist, und das Orchester hält das bescheidene Niveau (man mag nicht glauben, dass es sich um dieselben Musiker handelt, die man kürzlich erst mit ihrem Chef Christian Thielemann bei einem grandiosen Bruckner-Abend gehört hat). Und wenn das alles nicht in Berlin stattfände, müßte man es für das traurige Musterbeispiel einer Provinzaufführung halten. Beethoven wird‘s überleben. Sogar sein FIDELIO.

Wallraf-Richartz-Museum
Köln
Das neue Wallraf-Richartz-Museum gehört zu den Kultureinrichtungen, bei denen man sich nicht sicher ist, ob das Gebäude oder die Sammlung mehr beeindruckt. Der Neubau des international renommierten Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers, in dessen direkten örtlichen Umfeld sich im Mittelalter die bedeutenden Werkstätten der Kölner Goldschmiede und Maler befanden, ist ein nahezu perfektes Gehäuse für die eindrucksvolle Sammlung herausragender Altarbilder und Gemälde aus verschiedenen Jahrhunderten. Auf drei großzügig gestalteten Geschossen mit einer variablen Raumgeometrie und auf die Exponate jeweils abgestimmter unterschiedli-cher Farbgebung kommen die mittelalterlichen Altäre sowie die Gemälde und Skulpturen vom Barock bis zum 19. und frühen 20. Jahrhundert glänzend zur Geltung. Dabei gibt es bei der Anordnung der Exponate eine kluge Verbindung von Chronologie und lokalen Bezügen, die durch großzügige Glasfronten in die Ausstellungsräume hineingeholt werden. Auch das verglaste Treppenhaus greift den alten historischen Gassenverlauf auf und bindet das Museum an die einstige Wohnadresse des berühmtesten Kölner Malers Stefan Lochner, der im neuen Wallraf-Richartz-Museum durch die Architektur wie durch seine Werke eine doppelte Würdigung erfährt.


<< 1... 6 7 8 9 10 11 12 13 14 >>

Mehr über Norbert Lammert erfahren Sie hier...

impressum  
© 2001-2022 http://norbert-lammert.de