Faust I
Theater Total Bochum (Inszenierung: Barbara Wollrath-Kramer), Juli 2013
Es gibt einfachere Aufgaben für eine junge, nicht professionelle Theatergruppe als Goethes opus magnum, an dem schon bekannte Regisseure und bedeutende Ensembles gescheitert sind. Nach der 53. und letzten Aufführung von "Faust I" gibt es reichlich Anlass zur Gratulation: zunächst für die grandiose Leistung der zwei Dutzend blutjungen Darsteller, die mit ansteckender Begeisterung den anspruchsvollen Text in lebendiges, pralles, aber nie plattes Theater umgesetzt haben. Dann für die künstlerische Leiterin dieses erstaunlichen Projektensembles, Barbara Wollrath-Kramer, die wieder einmal unter schwierigen räumlichen und finanziellen Bedingungen mit wenig Mitteln und viel Phantasie große Wirkung erzielte und das Publikum ebenso beeindruckte wie die glänzend in Szene gesetzten Schauspieler. Und schließlich darf sich die Stadt Bochum beglückwünschen zu diesem einzigartigen Projekt, mit etwa dreißig jungen Leuten aus ganz Deutschland jährlich "Theater Total" zu ermöglichen, von der Auswahl der Teilnehmer und des jeweiligen Stückes über das Einstudieren des Textes, den Bau des Bühnenbildes und der Kostüme, dem Training von Sprechen, Singen, Tanzen und Fechten bis zur fertigen Produktion und einer dreimonatigen Deutschland-Tournee, die mit diesem Konzept viel Anerkennung, aber noch keine Nachahmer gefunden hat - und noch immer auf die verlässliche öffentliche Förderung wartet, die es längst verdient.

Götterdämmerung
Staatsoper Berlin, März 2013
Selten war von der "Götterdämmerung" so viel zu hören und so wenig zu sehen wie in der abschließenden Gemeinschaftsproduktion des Rings der Nibelungen durch die Berliner Staatsoper und die Mailänder Scala.

Der technische Aufwand einer ununterbrochenen Laser- und Videoshow ist deutlich höher als der konzeptionelle Ehrgeiz der Inszenierung, die nichts erzählt, was man nicht ohnehin weiß, und manches vermittelt, was man nicht wirklich braucht. So bewegen sich Siegfried und Brünhilde, Hagen und Gunther ebenso tapfer wie hilflos in einer bunten, blinkenden Kulisse, die jede Nobeldisko in den Schatten stellt. Das hat man an manchen kleineren Häusern bescheidener, aber eindrucksvoller gesehen.

Wäre nicht Daniel Barenboim mit seiner grandiosen Staatskapelle in bestechender Form, könnte man wie die Helden des Dramas schier verzweifeln. So bleibt eine musikalische Interpretation in Erinnerung, die höchsten Ansprüchen genügt und neue Maßstäbe setzt. (Und die Hoffnung, dass die Staatsoper unter den Linden nach dem kostspieligen Umbau eine mindestens gleich gute Akustik hat wie das Schiller- Theater als verblüffend gut klingendes Provisorium...)

Die Liebe zu den drei Orangen (Sergej Prokofjew)
Deutsche Oper Berlin, 09.12.2012
Es ist selten das Libretto, das Opernliebhaber ins Musiktheater führt. Nicht selten muss die Komposition mit ihrer Stringenz und Raffinesse ausgleichen, was der banale oder allzu fantastische Stoff an Konsistenz und literarischem Glanz vermissen lässt.

Ob Prokofjews Oper deshalb als revolutionär gelten kann, weil sie dieses traditionelle Missverhältnis souverän auf die Spitze treibt, mag offen bleiben. Jedenfalls gibt es kaum eine zweite Oper mit einer derart verrückten, geradezu skurrilen Handlung, die sich nur als Satire begreifen und genau so inszenieren lässt.

Das ist in Berlin glänzend gelungen. Der Regisseur Robert Carsen stellt das Stück mit seinem Team auf eine ebenso sparsam wie originell ausgestattete Bühne, auf der von den Anwälten des Publikums für Lyrik, Komödie oder Tragödie über die Märchenfiguren der Handlung bis zu den drei Berliner Opernhâusern als vom Verdursten bedrohten allegorischen Orangen am Ende alle gegen alle konkurrieren.

Das Publikum fühlt sich bestens unterhalten, zumal es das Orchester der Deutschen Oper unter der Stabführung von Steven Sloane in bestechender Form erlebt.

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