Kuno Gonschior: Nur für Dich und mich Duisburg
Museum Küppersmühle (bis 7. September 2008)
Die Ausstellung ist spektakulär, im besten Sinne des Wortes, obwohl oder gerade weil sie kein Spektakel bietet. Die Retrospektive der Arbeiten des Bochumer Malers Kuno Gonschior aus vierzig Jahren demonstriert einen ebenso virtuosen wie hochprofessionellen Umgang mit Farben – und mit
den Sinnestäuschungen, denen vertraute Sehgewohnheiten unterliegen.

Kuno Gonschior, Schüler von K.O. Götz an der Kunstakademie Düsseldorf und später viele Jahre Professor an der Berliner Akademie der Künste, hat sich fast ein ganzes Leben lang mit der Farbe, ihren Möglichkeiten und ihren Wirkungen, beschäftigt, theoretisch wie praktisch. Er hat nach eigener Auskunft nicht nur alles gelesen, was es zu diesem Thema gab, er hat auch immer wieder mit der Farbe als Material experimentiert. Dabei ist ihm gelungen, was die Wissenschaft für ausgeschlossen hielt: aus einem grünen Punktfeld und einem orangenen Lochraster die Grundfarbe Gelb zu erzeugen.

In seinen meist großflächigen Farblandschaften verzichtet Gonschior gänzlich auf Abbildung, er malt nicht mit Farben, sondern nur Farben. Seine Leuchtfarbenbilder aus den 60er Jahren reizen das betrachtende Auge bis an die Schmerzgrenze – übrigens auch die eigene, was ihn zu neuen Arbeiten mit anderen Farbexperimenten veranlasst. Dabei arbeitet er seit Jahren nicht mit fertigen Farben, sondern mit reinen Pigmenten, die er mal pur verwendet, mal in nur scheinbar monochromen Bildern abmischt.

Schon vor dreißig Jahren war Kuno Gonschior auf der documenta 6 vertreten. Dem Rausch der Farben ist er verfallen, die er zugleich wie kaum ein zweiter zeitgenössischer Maler kontrolliert, den Pointilismus hat er mit seinen fast reliefartigen Farbaufträgen gewissermaßen neu erfunden. Seine Arbeitsweise ist dadurch gekennzeichnet, dass er über Monate hinweg an zehn Leinwänden gleichzeitig arbeitet. Wenn sie fertig sind, befinde er sich „in einem Zustand, in dem ein Glücksgefühl entsteht. Die Farbe hebt mich“.

65 Beispiele seiner außerordentlichen Kunst sind in der Küppersmühle zu sehen; sie halten den Vergleich zu bedeutenden Ausstellungen anderer prominenter Künstler an gleicher Stelle mühelos aus. Ein Glück, kein Gefühl.

"Passion" von Johann Sebastian Bach und Richard Wagner
Dortmund, Konzerthaus, 09.03.2008
Die beiden Teile der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach durch den 2. Akt von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal zu verbinden und damit zugleich zu trennen, ist ebenso originell wie riskant. Tatsächlich bestätigt sich die Vermutung, dass beide monumentalen Werke trotz der thematischen Bezüge von Versuchung, Verführung und Erlösung im sprachlichen wie im musikalischen Gestus bei weitem mehr voneinander unterscheidet als aufeinander bezieht.

Wenn trotz oder wegen dieser gewagten Verknüpfung das aufmerksame Publikum im Dortmunder Konzerthaus die Akteure nach einem denkwürdigen fünfstündigen (!) Konzert mit Ovationen verabschiedet, dann wegen einer glänzenden Leistung von Chor, Orchester und Solisten, unter denen Marcel Beekman als Evangelist mit ebenso viel Musikalität wie Textverständlichkeit herausragt.

Die Bochumer Symphoniker unter Steven Sloane beweisen nach der legendären Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ bei der RuhrTriennale einmal mehr, zu welchen Leistungen sie in der Lage sind, wenn die besondere Herausforderung mit entsprechenden Aufführungsbedingungen verbunden ist.

Heinrich von Kleist: Penthesilea
Berlin, Schaubühne, 21.02.2008
Dass man mit einer Elektro-Gitarre großen Eindruck, jedenfalls aber erheblichen Lärm erzeugen kann, wissen wir spätestens seit den 60er Jahren und von zahllosen Pop-Konzerten in riesigen Hallen oder auf weitem Gelände. Dafür braucht man nicht unbedingt anspruchsvolle Texte, schon gar nicht klassische Literatur.

Auf der Berliner Schaubühne geht Kleists Penthesilea im Schlachtenlärm unter, zerrieben nicht zwischen Griechen und Amazonen, schon gar nicht zwischen der Härte der eigenen Gesetze und der Verzweiflung der eigenen Gefühle, sondern zwischen den Ansprüchen eines feinsinnigen Textes und den Möglichkeiten eines technischen Instrumentes.

Gegen das Volumen eines modernen Verstärkers, den heute jede halbwegs selbstbewusste Band auf die Bühne wuchtet, hat eine der leisesten Tragödien der Weltliteratur keine Chance. Penthesilea goes Woodstock.

Warum ein so renommierter Regisseur wie Luk Perceval eine solche Schlachtordnung zulässt, bleibt die einzige offene Frage einer lautstarken, deshalb schwachen Inszenierung.

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