"Passion" von Johann Sebastian Bach und Richard Wagner
Dortmund, Konzerthaus, 09.03.2008
Die beiden Teile der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach durch den 2. Akt von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal zu verbinden und damit zugleich zu trennen, ist ebenso originell wie riskant. Tatsächlich bestätigt sich die Vermutung, dass beide monumentalen Werke trotz der thematischen Bezüge von Versuchung, Verführung und Erlösung im sprachlichen wie im musikalischen Gestus bei weitem mehr voneinander unterscheidet als aufeinander bezieht.

Wenn trotz oder wegen dieser gewagten Verknüpfung das aufmerksame Publikum im Dortmunder Konzerthaus die Akteure nach einem denkwürdigen fünfstündigen (!) Konzert mit Ovationen verabschiedet, dann wegen einer glänzenden Leistung von Chor, Orchester und Solisten, unter denen Marcel Beekman als Evangelist mit ebenso viel Musikalität wie Textverständlichkeit herausragt.

Die Bochumer Symphoniker unter Steven Sloane beweisen nach der legendären Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ bei der RuhrTriennale einmal mehr, zu welchen Leistungen sie in der Lage sind, wenn die besondere Herausforderung mit entsprechenden Aufführungsbedingungen verbunden ist.

Heinrich von Kleist: Penthesilea
Berlin, Schaubühne, 21.02.2008
Dass man mit einer Elektro-Gitarre großen Eindruck, jedenfalls aber erheblichen Lärm erzeugen kann, wissen wir spätestens seit den 60er Jahren und von zahllosen Pop-Konzerten in riesigen Hallen oder auf weitem Gelände. Dafür braucht man nicht unbedingt anspruchsvolle Texte, schon gar nicht klassische Literatur.

Auf der Berliner Schaubühne geht Kleists Penthesilea im Schlachtenlärm unter, zerrieben nicht zwischen Griechen und Amazonen, schon gar nicht zwischen der Härte der eigenen Gesetze und der Verzweiflung der eigenen Gefühle, sondern zwischen den Ansprüchen eines feinsinnigen Textes und den Möglichkeiten eines technischen Instrumentes.

Gegen das Volumen eines modernen Verstärkers, den heute jede halbwegs selbstbewusste Band auf die Bühne wuchtet, hat eine der leisesten Tragödien der Weltliteratur keine Chance. Penthesilea goes Woodstock.

Warum ein so renommierter Regisseur wie Luk Perceval eine solche Schlachtordnung zulässt, bleibt die einzige offene Frage einer lautstarken, deshalb schwachen Inszenierung.

Dornröschen
Essen, Aalto-Ballett
Wenige Tage nach der Benennung seines Nachfolgers ab Herbst nächsten Jahres hat Martin Puttke wieder einmal gezeigt, wie grandios sich das Aalto-Ballett unter seiner künstlerischen Leitung entwickelt hat. Mit der neuen Produktion hat seine Compagnie nach „Nussknacker“ und „Schwanensee“ nun alle großen Tschaikowsky-Ballette im Repertoire. Es gibt nur noch wenige Häuser im Lande, die unter quantitativen wie qualitativen Aspekten dazu in der Lage sind.
In der unspektakulären, „leichtfüßigen“ Choreographie von Stefan Lux, die Tänze in der Original-Version der St. Petersburger Uraufführung integriert, wird erneut die stilistische Bandbreite und Professionalität des Aalto-Balletts deutlich, in dem sich langjährige und neue Ensemble-Mitglieder mühelos neben prominenten Gästen behaupten können. Respekt verdient auch die Mitwirkung der Eleven des Werdener Gymnasiums, die keineswegs nur als Statisten gebraucht und eingesetzt wurden.
Das Essener „Dornröschen“ ist ein Märchenballett, wie man es sich wünscht: in einer stimmungsvollen Kulisse mit farbenprächtigen Kostümen liebevoll, aber ganz unsentimental in Szene gesetzt – mit einer ansteckenden Begeisterung aller Mitwirkenden, auch wenn neben manchen herrlichen Kabinett-stückchen der große Bogen nicht immer mit gleicher Spannung erhalten bleibt.

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