DER FAUST. DEUTSCHER THEATERPREIS
Essen, Aalto-Theater, 24.11.2006
Das Beste am Deutschen Theaterpreis ist, dass es ihn endlich gibt. Die Form oder genauer „das Format“ der ersten Preisverleihung war allerdings die Selbstabdankung des Theaters zugunsten des Fernsehens. Acht Einzelpreise in unterschiedlichen Kategorien, jeweils von einem prominenten Paten nach dem verheerenden Beispiel von Filmpreis-Galas präsentiert und vergeben, die nominierten Künstler und Inszenierungen „TV-gerecht“ in jeweils 30 bis 60 Sekunden vorgestellt bzw. zur Unkenntlichkeit entstellt, ob „Hedda Gabler“, „Macbeth“ oder „Tristan und Isolde“: es war ein Jammer. Wieso muss eigentlich der „Faust“ mit dem „Oscar“ konkurrieren? Und wird die Vergabe eines Deutschen Theaterpreises erst durch eine Fernsehübertragung geadelt – übrigens im ZDF-Theaterkanal, also unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit?
George Tabori, der große alte Mann des deutschen Theaters, der den großen FAUST für die Würdigung seines Lebenswerkes als Dramatiker, Schauspieler und Regisseur nicht persönlich entgegennehmen konnte, hat nichts verpasst, was er nicht auch am Fernsehgerät bequemer verfolgen konnte. Was im ganz kleinen TV-Format nicht zu sehen war, hat an diesem Abend auch nicht stattgefunden: großes Theater.

Tibet - Klöster öffnen ihre Schatzkammern
Essen, Villa Hügel
Wenn diese Ausstellung am Ende aus irgendeinem Grund doch nicht zustande gekommen wäre, wegen unüberwindlicher politischer, finanzieller oder versicherungsrechtlicher Probleme, und nur der Katalog erschienen wäre, hätte sich die Anstrengung der letzten Jahre für dieses außergewöhnliche Projekt bereits gelohnt. Kaum jemals zuvor hat es eine auch nur annähernd vergleichbare Präsentation tibetischer Kunst und ihres kulturellen und religiösen Kontextes gegeben, schon gar nicht eine wissenschaftliche Aufarbeitung im Westen teilweise bislang unbekannter, jedenfalls noch nie öffentlich gezeigter Exponate.

Der Katalog zur Ausstellung beschwert durch sein außergewöhnliches Gewicht und begeistert durch den Reichtum nicht nur glänzend fotografierter Exponate, sondern auch durch den Inhalt, der das Buch zu einem Nachschlagewerk über Tibet, den Buddhismus und Kunst und Kultur dieses Landes macht. Neben fachkundigen Erläuterungen zur tibetischen Malerei, der buddhistischen Kunst, tantrischer Rituale und selbstverständlich zu Klöstern und zum Potela-Palast werden die buddhistischen Gottheiten und Lehrmeister in Tibet mit grandiosen Skulpturen und herausragenden Beispielen ihrer Insignien und Gebrauchsgegenstände, Schreine und Altargeräte, rituellen Musikinstrumente und Masken präsentiert, bis hin zu lebenspraktischen Empfehlungen auf einer großformatigen Thangka über das Thema „gesundheitsförderndes Verhalten“, auf der ebenso konkrete wie originelle Empfehlungen zur Überwindung von Schlafschwierigkeiten und anderer mehr oder weniger ernsthafter Herausforderungen des täglichen Lebens geboten werden.

Der Katalog enthält neben weiterführenden Literaturhinweisen eine synchronoptische Übersicht zum Buddhismus in Tibet in der Zeit 500 n. Chr. bis 1940, der die politische und kulturelle Entwicklung in Tibet in den Kontext der gleichzeitigen Entwicklungen Indien und Sri Lankas sowie Zentralasiens stellt.

Lässt man den zutreffenden Einwand beiseite, dass die Ausstellung die gnadenlose Zerstörung tibetischer Klöster und Kunstgegenstände durch das kommunistische China ausblendet, dessen Berücksichtigung freilich die Ausstellung nicht hätte zustande kommen lassen, ist die Fülle und Qualität der hier zum Teil erstmals aus Klöstern für eine Ausstellung zusammengetragenen Kunstwerke eine Sensation. Die Aussicht, sie nach Ende der Laufzeit auf der Villa Hügel Anfang 2007 auch in der Hauptstadt in den ostasiatischen Sammlungen der Dahlemer Museen sehen zu können, bietet eine zusätzliche Gelegenheit, sich in diese fremde faszinierende Welt zu vertiefen.

Das Trojanische Boot
Bochum, Ruhr-Triennale
Das Auftragswerk der Ruhr-Triennale ist den Ankündigungen zum Trotz weder „die erste Operette des 21. Jahrhunderts“ noch überhaupt eine solche. Auch der Titel führt in die Irre: mit einem Boot hat das musikalische Machwerk wenig, mit Troja gar nichts zu tun. Dafür benötigt die Aufführung weder eine Bühne noch Kulissen, lediglich viel Blech der edelsten Sorte.

Mnozil Brass, die sieben virtuosen Blechbläser mit einem inzwischen legendären Ruf, reden, singen und blasen ohne alle Regeln der jeweiligen Kunst zu einem abenteuerlichen Libretto, das jedes operngeübte Vorstellungsvermögen sprengt, einen ganzen kurzweiligen Abend lang und entlassen schließlich ein seliges Publikum mit der festen Überzeugung, niemals zuvor einen so ausgeprägten Blödsinn auf so brillantem musikalischen Niveau gehört zu haben.

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