Die großen Opern in 3sat
Weihnachten und Neujahr 2009/2010
Es gibt Tage, an denen man gerne manchen Groll über das zunehmend quotendominierte Programmangebot öffentlich-rechtlicher Fernsehanstalten vergisst und beinahe stolz ist auf das, wozu Fernsehen eben auch in der Lage ist. Die Serie großer Opern in Aufzeichnungen herausragender Inszenierungen bedeutender Häuser und Festivals über die Feiertage zum Jahreswechsel gehört zu diesen nicht allzu häufigen, aber umso erfreulicheren Erfahrungen.
Natürlich sind es die populären Säulen des Repertoires: Die Zauberflöte, Don Giovanni, Fidelio, Carmen, Tosca, Aida, La Boheme, Lohengrin und Der Rosenkavalier, aber in anspruchsvollen, modernen, anregenden und gelegentlich aufregenden Inszenierungen, die auch auf der Mattscheibe ihre Wirkung nicht verfehlen – jedenfalls nicht bei einer brillanten Bildregie wie bei La Traviata und Lohengrin, die durch gekonnte Kameraschwenks auch hinter die Bühne und Großbildaufnahmen nicht nur der Hauptdarsteller an Suggestivkraft eher dazu gewonnen haben. Für Tosca gilt das nicht immer, weil die TV-Produktion der Versuchung erliegt, das die Bühne dominierende gigantische Auge zwar treffend, aber allzu häufig als Videobild von Überwachungskameras einzublenden – mit Vertonung von Puccini immerhin. Nicht alle Inszenierungen sind originell und so anregend wie die begleitenden informativen Dokumentationen über Entstehung und Aufführungsgeschichte der jeweiligen Oper mit Szenenausschnitten auch aus anderen Produktionen.
Und natürlich findet das nicht in den Hauptprogrammen von ARD oder ZDF statt, sondern als Spartenangebot, in die das Anspruchsvolle und Sperrige immer konsequenter ausgelagert wird. Und quotenträchtig ist es ganz sicher auch nicht, trotz des ebenso bemühten wie unsinnigen Zuschauer-Wettbewerbs um die „schönste Oper aller Zeiten“, die es genauso wenig gibt wie das beste Fernsehprogramm aller Zeiten. Aber im deutschen Fernsehen gibt es kaum Besseres. Und mit Gebühren sollen die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht Quotenwettbewerbe gewinnen, sondern Profil…

Kunstquartier Hagen
Emil-Schumacher-Museum und Karl-Ernst-Osthaus-Museum, Hagen
Es gelingt nur selten, erfolgreich an eine längst versunkene Vergangenheit anzuknüpfen. Ausgerechnet in Hagen, einer mittelgroßen, unauffälligen Stadt am Rande des Ruhrgebietes, scheint zu glücken, was anderswo scheitert oder erst gar nicht versucht wird. Dort hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Industrielle Karl-Ernst Osthaus aus einem beachtlichen ererbten Vermögen eine noch beachtlichere Kunstsammlung und schließlich das weltweit erste Museum zeitgenössischer Kunst aufgebaut, dessen legendäre Bestände freilich nach seinem Tod von der aufstrebenden Industriestadt Essen aufgekauft und als „Sammlung Folkwang“ Grundstock eines der wichtigsten deutschen Museen für moderne Kunst wurde.

Die Eröffnung des neuen Emil-Schumacher-Museums in unmittelbarer Nachbarschaft und baulicher Verbindung mit dem zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geratenen, damals richtungweisenden Museumsbau ist nicht nur ein grandioser Rahmen zur Präsentation des künstlerischen Schaffens eines der herausragenden deutschen Maler des 20. Jahrhunderts, sondern eine bemerkenswerte Revitalisierung des Folkwang-Konzeptes, das im erneuerten und erweiterten Osthaus-Museum mit einer großen Christian-Rohlfs-Retrospektive eine glanzvolle Widerauferstehung feiern kann.

Die konzeptionelle und architektonische Verbindung des Altbaus mit dem neuen Museum ist ein Glücksfall für Hagen und die gesamte Region – und zugleich unter der virtuellen Patronage von Emil Schumacher, einem Großmeister des „Informel“, so etwas wie die informelle Eröffnung der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010.

Moses und Aron
Bochum, Jahrhunderthalle
Wer diese Zeilen liest, hat das Ereignis bereits verpasst. Es gibt nicht allzu viele Bücher, Filme, Schauspiele oder Opernaufführungen, die man Zeit seines Lebens nicht vergisst. Diese Produktion der Ruhrtriennale gehört sicher dazu. Moses und Aron gilt als eines der schwierigsten, anspruchsvollsten, aufwendigsten Werke des gesamten Opernrepertoires, Willy-Deckers-Inszenierung wird für lange Zeit Maßstäbe setzen, nicht nur für Arnold Schönbergs Opus Magnum. Die Integration von Architektur und Raum, Sprache und Musik, Licht und Bild, Solisten, Chor und Orchester ist nahezu perfekt: Kaum je war eine Opernproduktion dem Ideal eines Gesamtkunstwerkes näher. Dale Duesing und Andreas Conrad sind in ihren jeweiligen Rollendebüts glänzende Besetzungen der Titelrollen, die Bochumer Sinfoniker festigen den Ruf eines Spitzenorchesters, dass sie sich bei der schon legendären Produktion von Werken Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ erworben haben.

Die eigentliche Sensation dieser Aufführung ist das Chorwerk Ruhr. Was dieses junge Konzertensemble ohne regelmäßige Opernerfahrung stimmlich und gestisch, schauspielerisch und musikalisch leistet, ist außerordentlich und in der perfekten Verbindung von Gesang, Bewegung und Gestaltung atemberaubend.

Willy Decker zeigt mit seiner Eröffnungspremiere, wozu große Festivals in der Lage sind, wenn man ihnen Aufgaben stellt, die im Repertoirebetrieb auch großer Häuser nicht zu leisten sind.

Die Eröffnungspremiere der 3. Ruhrtriennale lässt fast keine Wünsche offen – außer der heimlichen Hoffnung, dass es über die tausend Besucher dieser Spielzeit hinaus für mindestens weitere fünftausend Zuhörer und Zuschauer eine weitere Gelegenheit geben könnte, diese ungewöhnliche, im besten Sinne des Wortes spektakuläre Aufführung zu sehen.

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