Caroline Link: Nirgendwo in Afrika
Überall im Kino
Erstmals seit fast einem viertel Jahrhundert wurde bei der diesjährigen Preisverleihung der Amerikanischen Filmakademie der Oscar für den besten ausländischen Film wieder an eine deutsche Produktion vergeben:
Der Film "Nirgendwo in Afrika" von Caroline Link erhielt diese begehrte Auszeichnung. Schon mit ihrem Debütfilm "Jenseits der Stille" war Caroline Link 1996 für den Auslands-Oscar nominiert, die jetzige Auszeichnung ist nicht nur der internationale Durchbruch für eine junge deutsche Regisseurin, sondern zugleich ein willkommenes Signal für den deutschen Film und seine internationale Reputation. Mit der eindrucksvoll erzählten, intellektuell und emotional bewegenden Geschichte einer jüdischen Familie aus Breslau, die 1938 aus Deutschland fliehen muß und in Kenia eine neue Heimat findet, hat sich dieser Film gegenüber einer breiten, internationalen Konkurrenz behaupten können.
Liebeserklärung an Afrika
Der dritte Spielfilm von Caroline Link "Nirgendwo in Afrika" folgt einer autobiographisch geprägten Romanvorlage Stefanie Zweigs. Der Film wie der Roman sind eine Liebeserklärung an Afrika und zugleich eine Auseinandersetzung mit den Bedrohungen der Freiheit und den Schwierigkeiten nicht nur des physischen Überlebens. Wie in den ersten beiden Filmen, "Jenseits der Stille" und der Kästner-Verfilmung "Pünktchen und Anton", ist auch hier eine der Hauptfiguren ein kleines Mädchen, Regina, das mit der schwierigen Situation der Auswanderung in ein fremdes Land nicht nur besser fertig wird, sondern in der Umstellung auf die veränderten Verhältnisse auch flexibler und geistig offener ist als die Erwachsenen.
Reginas Vater kann seinen Beruf als Jurist hier nicht ausüben. Als "verdammter Flüchtling" verwaltet er nur eine ärmliche Farm, wird von der europäischen Gesellschaft in Kenia gemieden. Zu Hause in Breslau weitet sich der Nazi-Terror aus, hier droht die Malaria. Unruhe und Angst beherrschen beide Welten. Als seine Frau Jettel 1938 nachkommt, erlebt sie die fremde afrikanische Umgebung als einen Kulturschock, die ihre fünfjährige Tochter als Abenteuer begreift. Regina findet den Kontakt zu den Menschen und dem Land, den ihre Eltern nicht bewältigen oder gar nicht wollen. Lange bleiben will man ohnehin nicht: "Wenn Du mit mir sprechen willst, mußt Du schon Deutsch reden", herrscht Jettel Owuor an, als ob es für den kenianischen Koch tatsächlich irgendeinen Grund dafür gäbe. Dann hängt sie ein paar Stiche in der Hütte auf, kleine Fragmente der verlorenen Heimat, in der sie ihres Lebens nicht mehr sicher ist.
Die verwöhnte und irritierte Jettel, die statt eines Kühlschrankes ein neues Abendkleid für Afrika kaufte, erlebt ihren Ehemann hilflos und resigniert. So läßt sie sich vom Nachbarn, dem Emigranten Süßkind, umwerben. Ihre Lebensgeister erwachen erst mit der Internierung ihres Mannes in ein britisches Lager: Die Deutschen sind in Afrika einmarschiert. Jahre vergehen, bis das Ehepaar Redlich wieder zueinanderfindet, bis sie sich an Afrika mit all seinen Schrecken gewöhnen.
In der Tradition großartiger Kenia-Filme
Filmpreise prämieren grundsätzlich weder Themen noch Länder, sondern die künstlerische Auseinandersetzung mit Geschichten, Städten und Landschaften. Caroline Link gelingt es mit diesem Film, die Ambivalenz Afrikas, seine Schönheit und seine Armut, aber auch die Metamorphose des Terrors - hier die Heuschreckenplage, dort die Nazi-Gewalt - in überwältigende Bilder zu fassen. Sie führt mit "Nirgendwo in Afrika" eine Tradition großartiger Kenia-Filme fort, die mit den Hollywood-Produktionen "Schnee auf dem Kilimandscharo" mit Gregory Peck und Ava Gardner, "Hatari" mit John Wayne und Hardy Krüger und selbstverständlich "Jenseits von Afrika" mit Meryl Streep und Robert Redford unvergeßliche Erfolge feierte.
Der Film beeindruckt sowohl durch die berührende Geschichte wie die glänzenden Darsteller (Juliane Köhler als Jettel, Matthias Habich als Nachbar Süßkind, Karoline Eckertz als Tochter Regina und den überragenden Sidele Onyulo als Koch und Hausdiener Owuor), die düsteren Bilder aus einer finsteren Zeit und die grandiosen Landschaftsaufnahmen eines nahen, fernen Kontinents. Er ist eine Werbung für den deutschen Film - und für Afrika hoffentlich auch. Beide können eine solche Werbung gut gebrauchen.

Leonard Bernstein: Mass
Berlin, Philharmonie
Gegen Leonard Bernsteins „Messe“ sind seit der szenischen Uraufführung zur Eröffnung des John-F.-Kennedy-Centers for the Perfoming Arts in Washington Anfang der siebziger Jahre immer wieder heftige Einwände und Vorbehalte geltend gemacht worden: vom Eklektizismus der musikalischen Stilmittel über die Beliebigkeit der Textmontage bis zum blasphemischen Umgang mit der römischen Messliturgie. Alle diese Einwände, so begründet sie im einzelnen sein mögen, fallen in sich zusammen, wenn dieses große Werk sakraler Musik mit einer solchen Perfektion und ansteckendem Enthusiasmus aller Mitwirkenden dargeboten wird wie am letzten Wochenende in der Berliner Philharmonie. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin präsentierte sich in Bestform, die Chöre wie die Solisten aus Berlin und Kalifornien harmonierten bestens, der für den erkrankten Startenor Jerry Hadley eingesprungene John Cashmore sang die zentrale Partie des Zelebranten, als wäre es die Rolle seines Lebens, und Kent Nagano war der souveräne Dirigent einer turbulenten Partitur.

Der Abend ließ ahnen, dass weniger die ästhetischen Einwände als vielmehr die außergewöhnlichen Schwierigkeiten der Partitur der Grund dafür sein mögen, dass dieses Werk bis heute den Sprung ins Repertoire nicht geschafft hat. Kent Nagano hat nachgewiesen, dass es sich im Konzertsaal ebenso gut behaupten kann wie auf der Bühne - am liebsten demnächst in der Bochumer Jahrhunderthalle.

Stefan Heucke: 1. Kammersinfonie op. 44 für Sprecher und sieben Instrumente auf den Text "Saisonbeginn" von Elisabeth Langgässer
Bochum, Christuskirche
Stefan Heucke gliedert die berühmte Erzählung von Elisabeth Langgässer, in der ein deutscher Kurort am Ortseingang mit einem Hinweisschild darauf aufmerksam macht, dass Juden in dieser Gemeinde unerwünscht seien, in sieben Abschnitte, die von einem Sprecher in einer von Sequenz zu Sequenz zunehmenden Geschwindigkeit vorgetragen werden, von einem Kammerorchester begleitet, das zwischen den Abschnitten des Textes rein instrumentale Meditationen vorträgt, deren Tempi von Mal zu Mal verlangsamt werden, während die Geschichte ihren ebenso banalen wie deprimierenden Ende entgegenstürzt, stockt der Musik immer mehr der Atem.
Dabei fällt den sieben Instrumenten (Flöte, Englischhorn, Bassklarinette, Violine, Viola, Violoncello und Klavier) jeweils die dominierende Stimme der einzelnen Sätze zu, denen wiederum vom Komponisten die in der Partitur gekennzeichneten sieben letzten Worte Jesu am Kreuz als thematisches Material zugrunde gelegt werden. Aus der Verbindung von Text und Musik und dem Kontrast zunehmender und abnehmender Tempi sowie von menschlicher Stimme und Instrumenten ist ein überzeugendes und außergewöhnlich einprägsames Werk entstanden, das sich dem Zuhörer schon beim ersten Mal erschließt. Text und Musik stehen für sich und bilden eine Einheit, die auch durch die Gegenüberstellung der Leidensgeschichte Christi und der Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung des jüdischen Volkes hergestellt wird.

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